Popkolumne, Folge 103

Make Freizeit a thing again – Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler
Kolumne

Letztens wurde mir gesagt, ich würde vielleicht ein bisschen zu viel prokrastinieren. Auch wenn ich mir den Vorwurf selbst gern mache, trotz ordentlichem, täglichen Arbeitspensum, kroch mir eine krasse Abwehr aus dem Bauch den Hals hoch und dann ins Handy bis zum Ohr der über meine Zeit spekulierenden Person. Für uns Laptoparbeitende, besonders im sogenannten „kreativen Bereich“, gibt es, gerade aktuell, kaum Trennung zwischen Arbeit und Nichtarbeit, Kolleg:innen sind auch Freunde, überhaupt ist auch jedes Erlebnis „Stoff“.

Man könnte doch über diese Serie schreiben, denke ich, und zücke den Notizblock, wenn andere zum Abschalten glotzen. Oh, ein Song in der Playlist klingt cool, direkt mal was zur Künstlerin recherchieren, vielleicht tut sich da eine interessante Biographie auf. Ach, geil, wenn ich das Buch bis Dienstag schaffe, kann ich es noch in meine Kolumne mit reinnehmen. Und morgens erstmal die Nachrichten, da ist bestimmt Material für die Satire dabei.

Während die eine Aufgabe erledigt wird, kommt im anderen Tab schon die nächste rein und dann fällt einem bei der Aufgabe vorher doch noch ein Fehler auf, also nochmal zurück und da ist die „Tut mir Leid, dass ich dir bei Whatsapp schreibe, aber bin grad aufm Scheißhaus“-Arbeitsanfrage auf dem Telefon, 20 Uhr nochmal ein Anruf, „weil du hast noch nicht auf meine Mail geantwortet“ und private Gespräche drehen sich nur noch darum, wie man das alles besser handlen kann.

Der Zugriff auf unsere Zeit hat sich mit Corona noch erhöht, weil davon ausgegangen wird, dass man eh „nur“ zu Hause rumsitzt,  und die Angst abzuschmieren hat sich erhöht, weil wer weiß „was noch wird“. Lieber alles mitnehmen, das Wenige verwerten, irgendwie irgendwas präsentieren, beweisen, dass man echt nicht auf der faulen Haut liegt, keine Angstlähmungen zulassen. Was wir früher als Freizeit bezeichneten, heißt halt jetzt Prokrastination oder ist maximal die kleine Pause, die wir uns zugestehen dürfen, um dann wieder fresh abzuliefern. Stoff, Stoff, Stoff. Stoff der Woche:

Cartoon zum Thema der Woche

 

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Fuck der Woche: „Unfck the world“

Ich hasse alle da draußen an den Geräten, die es doch irgendwann geschafft haben, dass ich mir den Schruz doch noch angeguckt habe. Joyn-Probeabo und los ging’s: Die Doku-Serie über die Einhorn-Jungs Philip und Waldemar mit ihrem Größenwahn und dieser Petitionen-unterschreiben-im-Olympiastadion-Quatschidee „12062020“. Ich sag mal so: Es ist Entertainment pur.

Wie sie da im Olympiastadion stehen und von etwas träumen, von dem sie eigentlich nur die Form angeilt und keinen Inhalt kennen. Wie sie ein Werbevideo drehen wollen und die Protagonist:innen wollen nicht „Fuck“ sagen und deshalb der Veranstaltungstitel in Gefahr ist. Wie ihnen langsam bewusst wird, dass sie irgendwie alles Wesentliche vergessen haben, nämlich 90 Prozent der guten alten W-Fragen. Wie dann der eine im Vulva-Kostüm rumsitzt, weil sie mal wieder einen bereits bestehenden feministischen Kampf okkupiert haben und auf ihre Fahnen schreiben wollen. Wie Jan Böhmermann als Antagonist / Bösewicht eingeführt und durchgezogen wird. Wie man, als der Nervonkel Wolfgang M. Schmitt was gegen die ganze Sache hat, nicht mehr weiß auf welcher Seite man stehen soll. Wie Philip und Waldemar in der letzten Folge beinahe erleichtert wirken, weil sie wegen Corona jetzt doch nicht liefern müssen.

„Unfck the World“ ist einfach DAS Zeugnis unserer Zeit über männliche Selbstüberschätzung und wie schnell man darauf noch reinfällt. Es ist der Klassiker: Typen halten sich für so wichtig, dass nur sie den Job übernehmen können. Dabei gibt es so viele Aktivist:innen, die an Vernetzungen arbeiten und auch erfolgreich damit sind. Aber Philip und Waldemar können sich da nicht einfach einreihen und supporten, nein, sie müssen sich draufsetzen. Solche Typen sind längst ein Meme, wer schon mal in einem linken Plenum war, kennt.

Wirklich gut der Woche: „I May Destroy You“

Von der Serie habe ich erfahren, weil hier und da kritisiert wurde, dass sie keine Golden-Globe-Nominierung erhalten hat, obwohl sie eindeutig besser ist als die stattdessen nominierte Serie „Emily in Paris“, die eigentlich keinerlei Handlung hat und auch sonst ziemlich blöde abgedroschen ist (sogar eine Autorin von „Emily in Paris“ kritisiert die Entscheidung). Und es stimmt: „I May Destroy You“ ist eine unglaublich gute Serie, die mindestens den Hype verdient hätte wie damals „Fleabag“. Aber wir leben noch immer in einer rassistischen Welt, in der Kulturerzeugnisse von Schwarzen Menschen mit Schwarzem Cast zur Nische gemacht werden.

Geschrieben hat die Serie Michaela Coel, die auch die Hauptrolle spielt. Arabella ist eine Autorin, die in der Nacht der Deadline für ihren Buchentwurf vergewaltigt wird. Noch nie habe ich so gut erzählt gesehen, wie komplex dieses Thema ist, in Hinblick auf Konsens, Drogen, Grenzüberschreitungen, die man manchmal erst später als solche wahrnimmt, Abwehrmechanismen im Umgang mit Betroffenen und der Schwierigkeit, seine eigene Rolle bei alldem zu finden oder zu verstehen. Auch ihre Freund:innen hadern mit ihren Erfahrungen, so dass auch unter ihnen Solidarität, aber auch Streit entsteht.

„I May Destroy You“ ist irgendwie heilsam, weil man sich in so vielen Facetten wiedererkennen kann, aber es ist auch harter Tobak. Vielleicht sollte man es sich nicht allein angucken und vielleicht auch nicht alles in einem Stück, aber man sollte, wenn man kann. Es ist allerdings etwas schwer an einen Stream zu kommen.

Oder: „Framing Britney Spears

Was mich an der „Free Britney“-Bewegung nervt, ist, dass sie teilweise auch ganz gut dabei ist, Britney zu instrumentalisieren. Es wird sich eine junge glückliche Britney herbei imaginiert, die man so gern wieder hätte, damit sie wieder so abliefert wie damals. Dabei weiß natürlich auch niemand wie es Britney „früher“ ging, bevor ihr Vater die Vormundschaft für sie hatte und vielleicht sollte der Weg einfach sein, Britney komplett in Ruhe zu lassen und aufzuhören, sie auf Instagram mit Verschwörungstheorien vollzuballern, weil sie ein gelbes Oberteil trägt oder komisch guckt. Das mal vorab.

Nachdem ich die, auch schwer in Deutschland streambare, „New York Times“-Doku „Framing Britney Spears” gesehen habe, sehe ich es aber auch ein: Es ist eine riesige Scheiße, wie diese Frau ihr Leben lang von allen Seiten unter Druck gestanden hat. Paparazzi-Stalking, Slut Shaming, öffentliche Demütigungen von Ex-Partnern (Justin Timberlake hat sich letzte Woche entschuldigt), das Zerren von allen möglichen Geschäftspartnern und Familienmitgliedern, um noch mehr rauszuholen aus dieser großen Projektionsfläche. Und jetzt halt diese undurchsichtige, besorgniserregende Lage mit der Vormundschaft. Die Doku ist auf jeden Fall herzbrechend, auch wenn man mal wieder nicht weiß, was Britney davon hält. Wer hätte gedacht, dass der Typ, über den vor 13 Jahren alle gelacht haben, als er weinend in die Kamera flehte, schlichtweg Recht hatte? „Leave Britney alone!“

Superjeilezick der Woche

“Mit Träne in d’r Auge loor ich manchmol zurück”: Fast geflennt letzte Woche weil Straßenkarneval mit den Freunden vermisst. Mit vielen nahe zusammen sein und mit weniger Angst mit Unbekannten interagieren – mittlerweile undenkbar. Aber es gibt Hoffnung, denn sollte es irgendwann in den nächsten Jahren mal wieder eine große Sause geben, wird es einen neuen Karnevalsverein geben, nämlich den Rutfront Fastelovendsbund e.V., und mit ihm auch endlich antifaschistischen Input und der Versuch, vermeintliche Selbstverständlichkeiten rund um Karneval zur Diskussion zu stellen und kritisch zu begleiten. Dazu macht der Verein Umfragen und hat ein Diskussionspapier bereitgestellt. Klar drängt sich die Frage auf: Sind überhaupt so große, traditionelle Feste in progressiverer Form möglich? Ich weiß es nicht. Aber man kann ja mal überlegen und dabei mit großer Wahrscheinlichkeit ein paar Antworten finden, die über Karneval hinausgehen.

 

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Podcast der Woche: „190220 – Ein Jahr nach Hanau“

Ein Jahr ist es jetzt her, dass ein Rassist und Frauenhasser zehn Menschen in Hanau umgebracht hat. Es sind noch viele Fragen offen, die noch immer zu wenig Berücksichtigung finden, rund um die Rolle der Polizei, die Medienerzählungen während des Terrors und danach, das großflächige Desinteresse dieser Tat gegenüber und generell blinde Flecken in der Gesellschaft. Und natürlich auch: Wer waren die Opfer, wer sind ihre Familien und welche Geschichten und Forderungen haben sie? Die Journalistinnen Sham Jaff und Alena Jabarine skizzieren den Tag und das Folgende nach und sprechen dafür mit Expert:innen, Hinterbliebenen und Betroffenen in insgesamt sechs Folgen.

Und damit auch niemand je die Namen der Opfer vergisst, seien sie auch hier nochmal erwähnt:

Gökhan Gültekin

Sedat Gürbüz

Said Nesar Hashemi

Mercedes Kierpacz

Hamza Kurtović

Vili Viorel Păun

Fatih Saraçoğlu

Ferhat Unvar

Kaloyan Velkov

Gabriele Rathjen

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