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Jahresrückblick 2020: Die besten Filme & Serien des Jahres

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Das wahrlich absurde Jahr 2020 neigt sich dem Ende zu und wieder einmal kürt die ME-Redaktion die besten kulturellen Phänomene des Jahres. Natürlich auch dabei: Die spannendsten, herzerwärmendsten, lustigsten oder, einfach gesagt, überzeugendsten Serien und Filme, die 2020 zu bieten hatte.

Das sind die besten Filme des Jahres 2020

1. Tenet

Welcher Film hat in diesem Jahr das Kino gerettet? Hätte man Corona im Sommer in den Griff bekommen, hätte Christopher Nolan sich diesen Orden ans Revers heften dürfen. Aber auch so ist sein furios in sich selbst verschraubender Thriller ein Film für die Ewigkeit. Ein Bond-Film ohne Bond, dafür aber mit Bildern, die man so noch nie erlebt hat: Die laufen in ein und derselben Einstellung vorwärts und rückwärts und stellen die Frage nach der Beschaffenheit der Zeit. Ein Bilderrausch, dem man sich ausliefern konnte, ohne sich eine Sekunde um die Story zu kümmern. Kino in Reinkultur.

2. Waves

Dass „Waves“ kein großes Publikum erreichte, kann man dem Film nicht vorhalten. Trey Edward Shults’ visionäres Epos über eine afroamerikanische Mittelstandsfamilie, die an Schuld und Sühne zu zerbrechen droht und dann unerwartete Erlösung erfährt, spielt furchtlos mit den Mitteln des Kinos und setzt Bilder, Schnitt und Sound völlig frei ein, um die Zuschauer*innen ganz unmittelbar in die Erlebenswelt seiner Figuren zu versetzen. Als würde man von Wellen umspült werden.

3. Futur Drei

Not your usual Integrationskomödie: Filmemacher Faraz Shariat wagt einen anderen Blick auf (Post-)Migration in Deutschland. Seine Hauptfigur bewegt sich zwischen den Welten: Iranisch-deutsche Familie in Hildesheimer Eigenheim-Idylle, Sozialstunden im Flüchtlingsheim und queeren Sex-Partys mit Sailor-Moon-Kostüm.

4. The Nest

Auch auf die Gefahr hin, wie eine hängende Schallplatte zu klingen: Wie Sean Durkin in seinem Horrorfilm ohne Horror mit der Dynamik einer Familie spielt, deren Oberhaupt sich als großmäuliger Kasper am Ende seines Lateins entpuppt, ist absolut meisterhaft.

5. Und morgen die ganze Welt

Mit dem Herz auf dem linken Fleck erzählt Julia von Heinz die Geschichte einer jungen Aktivistin, die sich gegen Rechts positioniert und entscheiden muss, wie weit zu gehen sie bereit ist: Das ist leidenschaftlicher Sturm und Drang aus dem Hier und Jetzt und auf eindringliche Weise introspektiv.

6. Bohnenstange

Kantemir Balagovs Historiendrama ist ein Ereignis von emotionaler Schwerkraft. Der junge russische Filmemacher lotet mit kunstvoll verknappten Dialogen und üppiger Farbdramaturgie die seelischen Verwüstungen zweier Frauen in Stalins Nachkriegsrussland aus, dass es einem die Nackenhaare aufstellt.

7. Der See der wilden Gänse

Die irrsten Szenen des Filmjahres finden sich nicht in „Tenet“ oder „Mank“, sondern in dem jüngsten Film des Berlinale-Gewinners 2014 Diao Yi’nan: ein Noir-Thriller über einen chinesischen Gangchef auf der Flucht. Mittendrin tanzt ein Flashmob von Polizeibeamten mit leuchtenden Turnschuhen zu Boney M und Dschinghis Khan. Echt!

8. Milla meets Moses

Auch das deutsche Kino erzählt anno 2020 gerne von jungen Menschen, die mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert sind. Wie wenig ihnen dazu einfällt, unterstreicht das Debüt der Australierin Shannon Murphy mit einer Lovestory, die einem den Boden unter den Füßen wegzieht.

9. Niemals selten manchmal immer

Eine Reise ans Ende der Nacht erzählt Eliza Hittman, wenn sie zwei minderjährige Cousinen aus der Einöde von Pennsylvania nach New York schickt, damit eine von ihnen eine Abtreibung haben kann. Mittendrin gibt es eine Szene, die dem Film seinen Titel gibt. Die vergisst man nie.

10. Kajillionaire

Nach neun Jahren endlich ein neuer Film von Künstlerin Miranda July, die so skurril wie berührend (und in schönsten Pastellfarben) von einer spleenigen Gaunerfamilie in Los Angeles erzählt – und davon, wie es ist, wenn Erwachsene erwachsen werden.

Das sind die besten Serien des Jahres 2020

1. The Great

Die prachtvoll ausgestattete Kostümserie nimmt es mit der historischen Genauigkeit nicht so genau. Elle Fanning spielt die junge Zarin Katharina, die als idealistisches Voltaire-Fangirl am russischen Hof ankommt und sich zur gewieften Staats(-streich-)planerin mausert. Was wir aus den Geschichtsbüchern über die Zukunft wissen (der Streich gelingt, Katharina wird „die Große“), hilft der herrlich satirischen Serie von Tony McNamara bei ihrer sehr freien Konzeption von Dialogen, Storylines und dramaturgischen Feinheiten. Für eine gute Szene wird in „The Great“ alles über den Haufen geworfen. Und das macht einen Heidenspaß. Hussa!

2. Unorthodox

Maria Schrader wurde für ihren Netflix-Dreiteiler als erste deutsche Filmemacherin mit einem Emmy prämiert. Die Mini-Serie nach der autobiografischen Buchvorlage von Deborah Feldman über eine junge Frau, die ihrer ultra-orthodoxen Enklave in New York entflieht und in Berlin einen Neuanfang wagt, ist herausragend in allen Belangen: Niemand ist Opfer, niemand ist Täter. Alle sind einfach nur Menschen, gefangen in ihren Umständen.

3. I May Destroy You

Eine Vergewaltigung und ihre Folgen. Erzählt wie nie zuvor. Als wäre die Naturgewalt Michaela Coel die englische Antwort auf Lena Dunham. Jeder Millimeter ihrer Originalität ist Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Und 2020 pur!

4. Better Call Saul

Fünfte Staffel und nicht nur keine Ermüdungserscheinungen, sondern immer noch besser, noch gewagter, noch fulminanter, während wir uns der Sollbruchstelle von „Breaking Bad“ immer weiter nähern.

5. Normal People

Keine Liebesgeschichte ging näher ran an seine Liebenden, tauchte weiter ein in seine Figuren, schlug tiefere Wunden: Lenny Abrahamsons Adaption des Sally-Rooney-Romans legte Emotionen frei wie rohe Nerven. Und machte Daisy Edgar-Jones zum Star.

6. Freud

Aus den Anfängen der Psychoanalyse wird eine historische Crime-Mystery-Serie. Schauspieler Robert Finster ist eine Entdeckung und ermittelt als fiktionale Version von Sigmund Freud in einer Mordserie. Eine irrwitzige Mischung aus Fakt und Fantasie, aus Okkultismus, Kokainsucht, Erotik und politischem Aufruhr.

7. Ted Lasso

Die Geschichte eines Baseballtrainers aus dem amerikanischen Hinterland, der ein First-Premier-Fußballteam in England übernimmt, war die Überraschung des Jahres. Um Sport geht es auch – vor allem aber um den Triumph, ein guter Mensch zu sein.

8. Das Damengambit

Geht’s noch besser? Völlig einverstanden, dass gerade die halbe Welt ausrastet wegen der unglaublichen Reise, die ein Waisenmädchen im Dienste des Schachspiels zurücklegt. Angefüllt mit denkwürdigen Figuren, aus denen Anya Taylor-Joy herausstrahlt wie ein unverwechselbarer Diamant.

9. Little America

Eine Serie, komponiert aus kleinen Vignetten und wahren Geschichten aus einem Amerika, das vereinigt sein könnte, wenn man sich „Little America“ zu Herzen nehmen würde: Seine Einwanderer und ihre Erlebnisse sind es, die das Land groß machen.

10. Lovecraft Country

Hexenmeister, Zombies und Polizisten: Ein Schwarzes Trio schlägt sich durch das rassistische Amerika der Fünfzigerjahre. Die Horrorserie von „Get Out“-Macher Jordan Peele spielt mit Motiven des Grusel-Autors Lovecraft. Eine fantastische Schauergeschichte – mit einem Fuß in der Realität.


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