Die da oben

Hitdoktoren unserer Zeit: Deshalb sind Miksu und Macloud die neuen Bohlens

von
Julia Lorenz
Julia Lorenz

Jede Zeit hat ihre Hitdoktoren. In den 90er-Jahren fasste niemand eine Gitarre an, ohne Butch Vig Bescheid zu geben. Gerade ist Jack Antonoff der Nerd, dem mächtige Frauen vertrauen. In Deutschland war lange Dieter Bohlen der Mann mit dem Charts-Abo. Der sonnengegerbte König Midas lieferte Deutschland genau so viel Pop-Bombast, genau so viel Showbühne und großes Kino, wie es vertragen konnte: Träume in Schrebergartengröße, Las Vegas in Lüdenscheid.

Miksu und Macloud, die eigentlich Joshua Allery und Laurin Auth heißen, verkaufen Vergleichbares: Räuberpistolen und Luxusfantasien, ein lasterhaftes Leben voll Licht und Schatten für Gangster wie auch Spießer. Mitte März stand das Produzentenduo aus Essen mit dem Nachwuchsrapper t-low und „Sehnsucht“ an der Spitze der Singlecharts – mal wieder.

Selbst, wer noch nie von den beiden gehört hat, kennt ihre Produzentenjobs. Die beiden hatten sie alle: alte Hasen (Sido) und junge Weirdos (Apache 207), traurige Rapper mit street credibility (Haftbefehl) und traurige Rapper mit Röhrenhose (Casper), Traditionalisten (Eko Fresh) und Avantgardistinnen (Haiyti).

Auf FUTURA, Miksus und Maclouds Leistungsschau von 2021, schauten von Bausa bis Capital Bra alle vorbei, die den neuen Bohlens einen Hit verdanken. Der Rapperin Loredana hatte das Duo einst sogar zum Durchbruch verholfen, wofür sie sich revanchierte, indem sie den beiden ihr jetzt schon ikonisches „producer tag“ einsprach – das kurze Vorstellungs-Soundschnipsel zu Beginn eines Songs: „Macloud, was für’n Beat!“, rief sie im Song „Sonnenbrille“. Der Hit von 2018 wurzelte im Trap, schielte aber gen Pop, klang luftig und doch gut gepolstert – nach einem typischen Deutschrap-Erfolgsstück der Gegenwart eben.

Ob Miksu und Macloud diese Erfolgsformel (mit-)geprägt haben – oder einfach Trends besonders gut massenkompatibel verkaufen können? Unklar. Sicher hingegen: dass sie Produzenten in Deutschland (wieder) zu dem gemacht haben, was Antonoff und Konsorten drüben in den USA sind – nämlich umhypte Popstars.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 05/2022.


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