Reflektor

Laura Lee & The Jettes: Wie Laura Lee es schafft, Inspiration nicht mit Imitation zu verwechseln

von
Jan Müller
Jan Müller

Wenn man in einer Rockband tätig ist, so ist es sehr hilfreich, über einen langen Atem zu verfügen. Das beginnt schon bei der endlosen Warterei. Warten, dass die Gitarristen im Proberaum unter ständigem Gegniedel endlich ihre Effektgeräte zurechtgefummelt haben, warten an unzähligen Raststätten, dass die Raucher*innen-Fraktion endlich ausgequalmt hat, warten beim Soundcheck (besonders spannend: der Schlagzeugsoundcheck „Jetzt die Kick!“ …Puff…Puff….Puff…. Uff). Warten auf die Abfahrt des Busses.

Und das Warten auf E-Mail-Antworten der A&Rs in irgendwelchen Plattenfirmen („Nee, der Tobi hat leider noch keine Vorschläge für Videoregisseure gemacht. Er meint, er muss sich da noch mal Gedanken machen.“ Aha!). Aber auch, was große Zyklen betrifft, ist es von Vorteil, Geduld aufbringen zu können. Im Moment werden mir im Gespräch mit Kolleg*innen Sätze wie diese hier an den Kopf geworfen: „Tja, Rock, da seid ihr natürlich Genre. Für die Massen nicht von Interesse. Aber wenn man, so wie ich, Pop macht … etc.pp.“ (Vornehmlich höre ich derartige Weisheiten von Rapper*innen.)

Im Kern entstand all das, was wir Popmusiker*innen alle machen, aus dem Blues

Ich erinnere mich dann, was ich alles schon kommen und gehen sah. Bizarrste Genres und Künstler*innen, die in Fachkreisen als das nun einzig Wahre galten und naturgemäß wenige Jahre später in vollkommene Vergessenheit gerieten. Und so übe ich mich in Beharrlichkeit. Und ich besinne mich: Im Kern entstand all das, was wir Popmusiker*innen alle machen, aus dem Blues. Und das stilprägende Instrument des Blues ist eben (neben dem Gesang) seit dem frühen 20. Jahrhundert die Gitarre. Robert Johnson, Son House und Blind Lemon Jefferson lassen grüßen. Insofern hat man als Gitarrenband doch noch immer gute Karten. Gilt das auch für Menschen wie mich, die vom Schicksal dazu auserkoren wurden, sich im Sub-Genre Indie-Rock zu verwirklichen? Ich hoffe es!

Bei dieser Gelegenheit möchte ich kurz mitteilen: Indie-Rock ist leider eine der beklopptesten Musik-Gattungsbezeichnungen überhaupt. Dennoch: Ich muss zugeben, dass mir, obwohl sich mein Interesse seit Jahren doch ziemlich aufgefächert hat, Indie-Rock noch immer die Musik ist, die mir am tiefsten ins Herz geht. Was gibt es Schöneres als z.B. die Songs von Kurt Vile oder Courtney Barnett? Und manchmal begegnet mir dann sogar hierzulande Musik, die ähnliche Gefühle in mir auslöst. Zum Beispiel das Album WASTELAND von Laura Lee & The Jettes.

Das Schöne ist, dass Laura Lee es schafft, all diese Erinnerungen wachzurufen, ohne abzukupfern

Laura Lee war zuvor eine Hälfte des Duos Gurr. Die waren mir zwar immer sympathisch, und sie hatten auch einige sehr schöne Hits. Zum Beispiel „Moby Dick“ oder „Walnuss“. Aber der richtige Funke sprang bei mir dann doch nicht über. Ganz anders nun bei WASTELAND. Ich denke sofort an WHERE YOU BEEN, das meiner Meinung nach beste Album von Dinosaur Jr. (eine Mindermeinung!). Ich denke an die Breeders, Stereolab und so vieles, was sich zum Teil in den letzten Jahren meiner unmittelbaren Präsenz entzogen hatte, aber doch noch tief in meinem Gedächtnis sitzt.

Das Schöne ist, dass Laura Lee es schafft, all diese Erinnerungen wachzurufen, ohne abzukupfern. Das unterscheidet sie von vielen Macher*innen und Produzent*innen heutiger Popmusik, die Inspiration mit Nachmacherei verwechseln. Bei WASTELAND aber hören wir einfach tolle Songs. Diese werden mit der angemessenen Lässigkeit vorgetragen. Und nicht zu vernachlässigen ist die wirklich super angenehme Produktion von Max Rieger. Der Mensch kann es! Und Laura Lee & The Jettes können es auch. Gratulation!

Zu Jan Müllers „Reflektor“-Podcast: www.viertausendhertz.de/reflektor

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 07/2022.


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