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Verhasster Klassiker

Selig tragen Schuld daran, dass deutschsprachiger Pop heute so ernsthaft deformiert ist

Seit Anfang 2019 schmeißt unser Autor Linus Volkmann eine Popkolumne bei uns, in der er im Wechsel mit Julia Lorenz regelmäßig auf die jeweils zurückliegende Popwoche blickt. Eine der darin auftauchenden Kategorien heißt „Verhasster Klassiker“, und man raunt sich im Internet zu, dass sich die Kolumne schon (oder wahlweise nur) wegen dieses Rants gegen Platten, die angeblich jeder mag, jede Woche aufs Neue lohne. Und sei es nur, um Linus zu beleidigen!

Als Services des Hauses stellen wir die „Verhassten Klassiker“ nachträglich auch einzeln heraus. Ihr ärgert Euch doch immer so gerne/schön über Linus, seine Auswahl und seine „Argumente“!

DER VERHASSTE KLASSIKER: Selig

Selig
„Selig“
(Epic / Sony / VÖ 28.02.1994) 

Als in den 90er-Jahren die Hamburger Schule durch die damals noch intakten Prachtbauten der Subkulturen paradierte, machten wir alle großen Augen und waren schockverliebt. Unsere ganzen bis dato gefickten Lover wie Metal, Punk, Hardcore oder New Kids On The Block kamen einem plötzlich bloß noch vor wie tumbe Übergangshelfer. Schnell abschütteln, ein letzter Kuss im Gehen und dann endlich frei sein für das Label L’Age D’Or und Protagonisten wie Die Sterne, Blumfeld oder Tocotronic. Ich verstehe natürlich, dass schon zeitlich nicht jeder diese Erinnerung mitgehen kann, aber lasst Euch einfach mal ein auf mein Gefasel in dieser hochveredelten journalistischen Highlight-Rubrik.

Wir sind also alle verliebt in Jochen Distelmeyer – und davon bekommt natürlich auch die große Plattenindustrie was mit über ihre Schergen (meist fliegende Affen).

Sie heuert daraufhin Söldner und Mucker-Zombies an, um diesen neuen Trend an sich zu reißen. Im Zuge dieser Geschehnisse werden drei der größten popmusikalischen Elendsversammlungen ins Licht gestoßen: die legendären Zahnarztsöhne der Band Samba, die Lumpen der Gruppe mit dem ultradummen Halbfascho-Namen Nationalgalerie – und die absoluten Könige der Hunderei: Selig.

Statt dass also die ganze Zeit „Sie wollen uns erzählen“ auf VIVA liefe, kommt Selig auf Heavy Rotation. Unvergesslich das gepresste Geblöke des bis heute noch musikterroristisch aktiven Sängers Jan Plewka. Er presst: „Sie hat geschrien heut Nacht / wie eine Krähe im Wind / Sie hat geschrien heut Nacht / wie ein sterbendes Kind“. Wenn das deutsche Texte sind, dann doch lieber wieder schweren Herzens zurück zu „Obladi Oblada“.

Epic


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