Nachruf

Zum Tod von Mark Lanegan: Sing rückwärts und weine

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War es nicht so, dass wir ihm heimlich zujubelten, dass es ihn überhaupt noch gab, dass er nicht dem Club der jungen Rock’n’Roll-Toten beigetreten war wie seine berühmten Kolleg*innen zuvor – angesichts einer inkommensurablen Menge an Drogen, mit der Mark Lanegan lange Zeit und unmissverständlich an der Zerstörung seines Körpers gearbeitet hatte? Der Gründer der Screaming Trees zählte zu den Überlebenden eines Rock-Narrativs, das mit dem Ende des Grunge an Strahlkraft eingebüßt hatte – was seiner Ikonisierung für eine weltweite Fangemeinde im selben Moment Auftrieb gab. Mark Lanegan ist jetzt im Alter von 57 Jahren gestorben, laut einer Meldung auf seinem Twitterkanal in seinem Haus in Killarney/Irland.

Mark Lanegans dämonisch beschwertes Künstler-Dasein

Der Folk-Blues, den Lanegan mit seinen Musikern in den letzten Jahren auf Platte brachte, war eine quasi-naturgemäße Umgebung für seine tiefe, in den Urtönen rührende Stimme gewesen, für die Geschichten von Abhängigkeit, Schmerz und Verzweiflung, die Lanegan in seiner – einen alten Song zitierenden – Autobiographie „Sing backwards and weep“ auf breiter Front und mit einem Hang zur Schonungslosigkeit erzählt hatte. Letzte Etappen eines dämonisch beschwerten Künstler-Daseins, das der Melancholie und der Depression der Grunge-Ära schon früh einen unverwechselbaren Sound geschenkt hatte. 2020 erkrankte er an Covid-19 und lag wochenlang im Koma. Über die Krankheit schrieb er 2021 in einem weiteren Buch, Titel: „Devil in a coma“.

Lanegans Werk bewegte sich zwischen Extremen, den akustisch instrumentierten Balladen, die von seinem kratzigen Bariton angeführt wurden und einen in sich gekehrten Künstler verrieten und den Rock-Monumenten, die er mit den Screaming Trees ab Mitte der 1980er und den Queens Of The Stone Age Anfang der 2000er in die Welt setzte. Im Duett mit der Singer-Songwriterin Isobel Campbell (Belle & Sebastian) entdeckte Lanegan etwas anders gelagerte Country- und Kammer-Folk-Töne, die ihnen reichlich Vergleiche mit Lee Hazlewood und Nancy Sintra einbrachten.

Die Screaming Trees im großen Grunge-Aufzug

Mark Lanegan, ein Pate des Grunge? Lanegan, am 25. November 1964 in Ellensburg/Washington geboren, saß zunächst hinter dem Schlagzeug in der Band, die er mit den High-School-Kumpels 1983 gegründet hatte, den Gesangspart soll er nur widerwillig übernommen haben. Als die Screaming Trees ihre ersten Auftritte in Seattle hatten, gab es den Begriff Grunge noch gar nicht, und das, was Lanegan bald mit seiner Band für das maßgebliche SST-Label auf Platte brachte, kam eher einer Widmung an den Garage- und Psychedelic-Rock der Sixties und Seventies gleich, versetzt mit dem Drive des Punk. In den Feedbackschleifen der Songs blieb Lanegans mächtige Stimme anfangs ein Klangkörper unter vielen, manchmal an die Wand des kolossalen Soundwerks gedrückt durch die Gitarre Garry Lee Conners.

Die Screaming Trees gerieten in den Grunge-Strudel dieser Jahre, ob sie es wollten oder nicht. Und es spricht einiges dafür, dass sie den großen Aufzug als Chance nutzten, um die Geschichte von Aufstieg und Fall, von der Selbstzerstörung und den mannigfaltigen Verwerfungen in den Biografien ihrer Generation zu erzählen. Immer mit gehörigem (auch kommerziellem) Abstand zu den Kometen Nirvana, aber noch in Reichweite der Gruppe der wechselnden Grunge-Kronprinzen, die von Alice In Chains über Pearl Jam zu Soundgarden reichte.

Lanegans Solodebüt entstand mit Kurt Cobain und Krist Novoselic

Als Grunge mit dem Suizid Cobains das Ende der Rockmusik markierte, wie wir sie kannten, verwandelten sich die Screaming Trees in einen Junior-Dinosaurier, der die Zeichen der Zeit noch nicht erkennen sollte. Lanegan aber schon: 1990 veröffentlicht er das Soloalbum THE WINDING SHEET, 1994 folgte WHISKEY FOR THE HOLY GHOST, er würde, was anfangs keiner von ihm erwarten konnte, dem Monster Rock die ersten Zähne ziehen – eine entfernte Vorschau auf Lo-Fi und Homerecording im kleinen Ensemble mit Aufnahmen, die Traumata und Brüche thematisierten. Eine gewisse Ironie begleitete das Solo-Debüt von 1990: Entstanden war die Platte unter anderem mit Kurt Cobain und Krist Novoselic von Nirvana. Deren Ex-Drummer Dave Grohl nennt THE WINDING SHEET „eines der besten Alben aller Zeiten“.

Die Screaming Trees gaben in den frühen 90ern eine Bühne für Zerwürfnisse und Handgreiflichkeiten ab, nach ihrem erfolgreichsten Album SWEET OBLIVION folgten Trennungen, Auszeiten, Tourneen und die kurzzeitige Wiederaufnahme des Band-Betriebs. Da hatte sich Lanegan schon als Künstler in eigenem Recht und mit eigenen Veröffentlichungen bewiesen. Mehr als 20 Solo-Alben (Live-Veröffentlichungen mitgerechnet) nahm er in 30 Jahren auf, nicht wenige davon mit befreundeten Künstler*innen. Wer eine Werkschau oder ein Best-Of auflegen wollen würde, müsste sich durch ein Songbook arbeiten, das den Sänger und Liedautoren als einen Getriebenen ausweist, der mit seinem Status und seiner Geschichte immerfort zu kämpfen hatte.

Wenn sonst noch jemand eine Platte wie WITH ANIMALS (2018 mit Duke Garwood) aufgenommen haben könnte, dann wäre das wohl allein Nick Cave gewesen. Garwood beschrieb das gemeinsame Album als „healing record“ – und man darf ergänzen: für die Musiker und für das Publikum. WITH ANIMALS beginnt mit einem pochenden Heartbeat aus der Konserve, dazu kommt ein Wummerton aus Keyboards und Gitarre, es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis Mark Lanegan seinen Gesang anstimmt: „Come on now, midnight children/Sing a dark harmony/Play it now, midnight people/Create your own alchemy/Free me/Save me“.


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