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Nachruf

Zum Tod von Gabi Delgado: Er und die Wirklichkeit – ein Nachruf

Promoter*innen bei den Plattenfirmen und in den Agenturen sind Seismographen, wenn es darum geht, eine Künstlerpersönlichkeit einzuschätzen. Hautnah erleben sie die Erschütterungen, die auftreten, wenn sie die Musiker*innen vom Flughafen abholen, mit ihnen zu Mittag essen oder sie morgens ein Dutzend Mal anrufen, um sie endlich zu wach zu bekommen.

Als am Montagabend, 23. März, mitten im Corona-Delirium, die schlimme Nachricht die Runde machte, Gabi Delgado sei im Alter von 61 Jahren gestorben, las man die Postings der Promoter*innen besonders aufmerksam, denn sie unterschieden sich von dem, was sonst geschrieben wird. Nur die wenigsten verwiesen darauf, wie gut und wichtig Gabi Delgado für die deutsche Musikszene gewesen ist. Weiß eh jeder. Und auch Fotos von der eigenen DAF-Singles- und Albumsammlung blieben die Ausnahme. Nein, die allermeisten erinnerten in ihren Postings daran, wie einmalig gut dieser Typ gewesen war. Wie viel Spaß er dabei hatte, Promotage auf einem Kahn zu verbringen und über die Spree zu tuckern. Wie entspannt und mit sich im Reinen er wirkte. Wie fabelhaft er erzählen konnte, über die Szene damals und das Leben heute. Und: Wie wenig sich Gabi Delgado darauf eingebildet hatte, bedeutend zu sein. Als wäre ihm das entweder gar nicht klar. Oder aber: total egal.

Delgado war eine zentrale Figur der deutschen Punkszene – und ein Mann für Slogans und Emotionen

Gabriel Delgado-López, Rufname Gabi, wurde im April 1958 in Córdoba geboren. Zusammen mit seiner Familie siedelte er 1966 nach Deutschland, sein Vater, ein Intellektueller, flüchtete vor dem Franco-Regime. Gabi Delgado verbrachte seine Jugend im Bergischen Land und im Rheinland, wurde zur zentralen Figur der dortigen Punk-Szene. Er war einer der Autoren des einflussreichen Fanzines „The Ostrich“; er ist bei den frühen Bands dabei, die sich im „Ratinger Hof“ in Düsseldorf formierten, bei Charley’s Girls und Mittagspause.

1978 gründete Delgado zusammen mit dem Schlagzeuger Robert Görl und anderen Gestalten aus der Szene in Wuppertal die Deutsch Amerikanische Freundschaft. „Wir wollten uns abgrenzen von allem, was Popmusik bislang ausgemacht hatte“, sagte Gabi Delgado über das, was DAF vorhatten. Alles sollte anders sein. Die Urkraft des Punk hatte die Türen gesprengt, nun begann der Postpunk – und DAF nutzten die Möglichkeiten. Daniel Miller, Chef von Mute Records, führte DAF mit Conny Plank zusammen, dem legendären Krautrock-Produzenten. Die Band entwickelte einen brachial-politischen Electro-Funk in deutscher Sprache, so etwas hatte man bis dahin nicht gehört. Gabi Delgado war der Mann für die Slogans und die Emotionen. Die Musik war elektrisch, verführte Körper und Geist, eine Frühform der Electronic Body Music. Den Text zur ersten DAF-Single „Kebabträume“ schrieb Delgado nach einem Ausflug nach Berlin, er lief durch Kreuzberg, fand „umgeben von Stacheldraht, inmitten eines kommunistischen Staates diese Türk-Kültür in voller Blüte“, wie er sich später erinnerte. Was ihn faszinierte, machte der deutschen Bürgerlichkeit Angst, er sang: „Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei!“ Und: „Wir sind die Türken von morgen!“ Rückblickend fragt man sich ratlos, warum Gabi Delgado nicht viel häufiger in den unzähligen Politik-Talks zu Gast war, in denen sich die Integrationsdebatte im Kreis dreht. Er hätte dem Gerede einen neuen Spin gegeben, ganz sicher.



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