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Verhasster Klassiker

Becks ODELAY ist Musik für Weltschmerz-Touristen mit schlecht sitzenden Hemden und Hosen

Seit Anfang 2019 schmeißt unser Autor Linus Volkmann eine Popkolumne bei uns, in der er im Wechsel mit Julia Lorenz regelmäßig auf die jeweils zurückliegende Popwoche blickt. Eine der darin auftauchenden Kategorien heißt „Verhasster Klassiker“, und man raunt sich im Internet zu, dass sich die Kolumne schon (oder wahlweise nur) wegen dieses Rants gegen Platten, die angeblich jeder mag, jede Woche aufs Neue lohne. Und sei es nur, um Linus zu beleidigen!

Als Services des Hauses stellen wir die „Verhassten Klassiker“ nachträglich auch einzeln heraus. Ihr ärgert Euch doch immer so gerne/schön über Linus, seine Auswahl und seine „Argumente“!

DER VERHASSTE KLASSIKER: Beck

Beck
„Odelay“
(VÖ: 18.06.1996)

Beck, dieser verschlafene Typ, ist nun wirklich das allergrößte Missverständnis der an Missverständnissen nicht armen 90er-Jahre. Wie die verklebten Träumer von Radiohead mit „Creep“, startet (Verb eigentlich viel zu dynamisch) auch Beck mit einem Hit in das mediokre Pop-Game.

„I’m a loser, baby, so why don’t you kill me!“

Jeder weiße männliche Geek, der damals hart unter seinen Privilegien leiden musste, ist sofort Feuer und Flamme. Da bringt es mal jemand auf den Punkt: Kokettieren mit der Niederlage, um etwas Abstand vom grassierenden Erfolgsdruck zu erlangen. Das ist einfach die damalige Version von emotionalem Dienstleistungs-Pop, wie er sich heute in den Lyrics von Revolverheld und Max Giesinger bloß professionalisiert hat.

Beck selbst ist diese Rolle als nächster Slacker-Superheini im Post-Grunge überhaupt nicht recht. Er sieht sich zu Höherem berufen und verbringt ähnlich wie Radiohead die ersten Alben stoisch mit der immer weiteren Dekonstruktion des eigenen Pop-Appeals. Beck einigt sich mit sich dabei erstmal auf das prätentiöse Quatsch-Werk ODELAY. Schon im Vorfeld (weil die Platte nach „Loser“) scharren sich alle Weltschmerz-Touristen mit schlecht sitzenden Hemden und Hosen zusammen: Was wird Beck ihnen diesmal bringen?

Antwort: gar nichts. Lo-Fi-Geruckel, halbfertiges Songwriting, aufgeblasene Skizzen. Dass das zentrale „Where it’s at“ dennoch eine Art „Hit“ wird, zeigt deutlich, wie verzweifelt die Hörerschaft ist. Man muss halt nehmen, was da ist. Auch wenn es klingt wie aus der Mülltonne von Herbie Hancock.

Nach der Jahrtausendwende macht diese eitle Dekonstruktion auch vor Beck als Person nicht mehr Halt. Ein Telefoninterview, das er einem unserer Autoren damals gibt, beendet er unmittelbar. Aufgelegt, nachdem eine Frage hinsichtlich seiner Scientology-Mitgliedschaft gestellt wird. Ja, alles klar. Was eine Loser-Story!

– Linus Volkmann („Musikjournalist“)

Dieser Rant erschien zuerst in Folge 21 von Linus Volkmanns Popkolumne:

Darin erklärt er außerdem, warum es auch 2019 noch gute Gründe gibt, um Frei.Wild zu hassen.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Linus Volkmann und Julia Lorenz im Überblick.


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