Diskografie

Zwischen Madsen, Pur und Thees Uhlmann: Die Alben von Bosse im Überblick

Für Urlaub hat Axel Bosse diesen Sommer keine Zeit. Auf dem Tourplan des 39-jährigen Gitarristen, Songschreibers und, nun ja, Indiepoppers aus Braunschweig stehen von Mai bis August dutzende Festivalauftritte zwischen Kaltenberg und Budapest, bei Hurricane, Southside und Kosmonaut etwa, dazu Soloshows, Fernsehauftritte und Außerordentliches wie das „Wir bleiben mehr“-Festival in Chemnitz. Ein paar Videos hat der umtriebige Schluffi in der vergangenen Monaten auch gedreht, zum Beispiel mit Anna Maria Mühe („Augen zu Musik an“), Bjarne Mädel („Ich warte auf dich“) und jeder Menge Freunden und Vokuhila („Hallo Hometown“). Selbst schuld, dass es so gut läuft, schließlich hat Bosse mit ALLES IST JETZT im Oktober 2018 sein zweites Nummer-1-Album in Folge veröffentlicht. Es ist sein siebtes Album in 13 Jahren. Beharrlichkeit, Ausdauer und Talent zahlen sich manchmal eben doch aus.

Woher Bosses Erfolg kommt? Angeblich unter anderem daher, dass er eben den nie mit dem Brecheisen wollte, ehrliche Songs schreibt – und weil er Typen wie uns nie gefallen wollte. Im Interview mit der „Hannoverschen Allgemeinen“ sagte er 2016: „Druck ist ja auch so eine Erwartungshaltung. Die finde ich grundsätzlich erst mal supernervig. Ich kenne so viele Kollegen, die es niemals schaffen können, einen ehrlichen Song zu schreiben, weil sie das immer nur für den Typen von der Intro oder dem Musikexpress machen. Ich glaube, dass alles, was jemand anderes von einem erwartet, was man selbst aber nicht ist, nervt und auch nichts werden kann. Also sitze ich beim Songschreiben da, als wäre ich 17: Ich habe ein weißes Blatt Papier, ein Klavier und eine Gitarre. Dann fange ich an und es ist mir total egal, wem das gefällt. Wenn jemand denkt, mit Musik will ich richtig viel Kohle machen, dem kann ich davon nur abraten.“

Bevor nach der Festivalsaison 2019 zu viel Couchstimmung bei Frau und Kind aufkommt, geht es im Januar für Bosse weiter: Zehn neue Termine und damit einen dritten Teil seiner „Alles ist jetzt“-Tour hat Aki, wie sein Spitzname lautet, im Juni angekündigt.

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Bosse auf „Alles ist jetzt“-Tour 2020 – die Termine:

  • 21.01. Kaiserslautern, Kammgarn
  • 22.01. Würzburg, Posthalle
  • 24.01. Wiesbaden, Schlachthof
  • 25.01. Lingen, Emsland Arena
  • 26.01. Oberhausen, Turbinenhalle
  • 28.01. Bremen, Pier 2
  • 30.01. Flensburg, Deutsches Haus
  • 31.01. Schwerin, Sport- & Kongresshalle
  • 01.02. Magdeburg, Stadthalle
  • 02.02. Bielefeld, Lokschuppen

Wer sich darauf ausgiebig vorbereiten möchte oder einfach einmal in Ruhe Axel Bosses musikalischen Werdegang nachempfinden will, dem seien Bosses bisherige Alben ans Herz gelegt. Manche mehr, manche weniger. Hier unser Leitfaden durch Bosses Diskografie – die Sammlung unserer Rezensionen zu seinen Platten, WARTESAAL exklusive (wir buddeln noch im Archiv und reichen die Kritik gegebenenfalls nach). Könnt Ihr auch nachprüfen, ob und wie sehr uns Bosses Songs trotzdem mal gefielen. Spoiler: meistens eher nicht so. Fazit vorweg: guter Typ, Platten eher nicht so.

Bosse – „KAMIKAZEHERZ“ (2005)

Pop: Ja ja, ganz lustig, was ihr da macht, aber ihr klingt für mich wie ausgedacht.

Bosse - Kamikazeherz

Bosse also. Ein Wahlberliner, 25. Gleicher Produzent wie die Guano Apes, Band aus Uncle-Ho- und Heyday-Überresten. Die EMI wollte jetzt eben auch mal ein Deutschrock-Ding in die weiterhin brandende perfekte Welle schmeißen. Aber komm schon, so richtig gut ist das doch nicht? „Das ist halt was für 23-, 24-Jährige, nicht so alte Säcke wie uns.“ Aber: Gut ist es doch trotzdem nicht? „Das ist egal, das wird abgehen.“ Ach so. Na dann. Sollte es wirklich genug Leute geben, denen diese reißbretthafte, irgendwie in seltsamem Verhältnis gemischte Melange aus gutgängigen Deutschrockismen (ein bißchen sportfreundliches Mutmach-Sonnenpunkpop-Ding hier, etwas wohlfeil Wir-Sind-Heldenhafte Konsumkritik und Aufmüpferei da, viel kumpelhaftes, „edgy“ Joachim-Deutschland-Geprolle dort und dick Selig-esk triefigen Romantik-Schwulst drübergeschmiert, dazu, Stichwort: Markenzeichen, ein paar nervige Gesangs-Manierismen – Axel Bosse macht so ein superrundes „0″“ und rundet Zischlaute komisch ab, so daß zum Beispiel das Wort „schon““ sich bei ihm anhört wie „shoooohhn“ -, fertig ist die Laube) so viel sagt oder gibt, daß sie „abgehen““, dann sei es eben so. Da kann man dann nichts machen, das ist dann eben Pop und Marketing.

Wer das alles ganz fürchterlich und verachtenswert findet, soll nicht rumheulen, wie schlecht die Welt im Allgemeinen und das Rockgeschäft im Besonderen sind, sondern sich zum Beispiel die neue JaKönigJa oder Fink kaufen (und zwar kaufen, und nicht brennen), die sind originell, originär und indie. Die anderen können sich Bosse neben Astra Kid, den Jungen mit der Gitarre und Silbermond stellen/filen. Wenn man ohne große Ansprüche rangeht an KAMIKAZEHERZ, könnte man nämlich ohne zu lügen auch sagen: okay gemachter Poprock. Die Talsohle der NDB (Neue Deutsche Bands – bitte merken den Ausdruck, hab ihn auch erst letztens beigebracht gekriegt) dürfte das auf jeden Fall noch nicht sein, da kommt bestimmt noch viel Schlimmeres nach. Darum erstmal: www.bosse-rockt.de

2 Sterne (Josef Winkler)

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Bosse – „GUTEN MORGEN SPINNER“ (2006)

Die neue deutsche Heimeligkeit geht auch ohne Juli, Silbermond und Mia. – wie der Schülerlotsen-Rock auf dem zweiten Album von Bosse beweist.

Bosse - Guten Morgen Spinner

Jochen Distelmeyer will kein Vorbild sein. Das mußten schon die grundsympathischen Jungs von Virginia Jetzt! erfahren, und es ist gut möglich, daß demnächst auch Bosse Post von Onkel Distelmeyer bekommen. Denn der Blumfeld-Sänger, fraglos ein Intellektueller, hat sich ja – als nicht mehr ganz so junger Mann – bekanntlich mit dem aktuellen Album VERBOTENE FRÜCHTE (Themenspektrum: diverse Apfelsorten, allerlei Tiere, bunte Blümelein und leise rieselnder Schnee) endgültig als Vorgarten-Spießer geoutet, und nun kriegt er die Quittung. In Form von „Frankfurt/Oder“, einem Song vom zweiten Bosse-Album GUTEN MORGEN SPINNER.

In dem wird fröhlich und garantiert ironiefrei der Besuch bei den Schwiegereltern in spe gepriesen: Man sitzt im ostdeutschen „Gartenpavillon“, der Schwiegersohn-Anwärter trinkt mit dem Brautvater Kartoffelschnaps, dazu wird „Bockwurst mit Kartoffelsalat“ gefuttert. „Mir war schon immer egal, wo wir waren“, singt Axel Bosse, und diese Haltung sei ihm unbenommen.

Uns aber ist eines nicht egal: Was wir hören – ganz gleich, wo wir sind. Welcome to the neue deutsche Heimeligkeit, und bevor jetzt jemand sagt, daß der Bosse-Sound nichts mit dem dem aktuellen Blumfeld-Album zu tun hat, sagen wir: richtig. Bosse klingen wie Juli und Silbermond mit Eiern in der Hose, Bosse sind auch ein kleines bißchen Tocotronic respektive Tocotronic für die Landbevölkerung (also: Madsen) – vor allem aber sind Bosse: eher lästig, reichlich unoriginell und sehr viel Schülerlotsenrock. „Mach die alte Tür zu, und eine neue geht auf“ ist eine Plattheit in „Plötzlich“; „und es steht ein Stillstand still“ ist ein Flachsinn, der in „Unterm Staub“ eine Heimat gefunden hat. GUTEN MORGEN SPINNER? Gute Nacht, Bosse. Bitte bald damit aufhören. Und ab zum Jahresurlaub, in den nächsten Gartenpavillon.

1 Stern (Martin Weber)

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Bosse – „TAXI“ (2009)

Gut gemeinter Gitarren-Pop and it won’t stop! Der Mann mit dem Kamikazeherz macht jetzt einen auf einfühlsam. Herrgott, wie doch die Zeit vergeht! Da meint man, Bosse müsse doch der Typ sein, der letztens noch meinte, er habe so viel „Kraft“. Oder brauchte der für alles immer soviel „Kraft“? TAXI ist Axel Bosses drittes Album, Nummer zwei hat man irgendwie verpasst. Doch dann nimmt einem der Waschzettel all den Ärger und den Frust über die eigene Unaufmerksamkeit, weil auf dem 2006er Album GUTEN MORGEN SPINNER genau der gleiche „goile Rock’n’Roll, Alder“ wie auf KAMIKAZEHERZ aus dem Jahr 2005 enthalten gewesen sein soll. Auch gut.

TAXI hat – Gott sei Dank – das Banner „Punk-Rock“ abgenommen und stattdessen „Gitarren-Pop“ gehisst. Das klingt dann in etwa so, als ob Pur Madsen covern würden. Manchmal geht einem dabei tatsächlich das Herz auf, etwa wenn der regelmäßig zwischen Hamburg und der Türkei hin und her pendelnde Hanseate Zeilen singt wie „Es gibt so viele Dinge, die ich reparieren und zurückgeben muss / es gibt so viele Worte, die ich revidieren und zurücknehmen muss“. Manchmal fühlt man sich dann eben doch leider an Pur erinnert, was einerseits an den (wohl auch bei Pur) bewährten Harmonie- und Tonfolgen und andererseits an der Intonation von Bosse liegt, die der von Hartmut Engler nicht unähnlich ist. Spätestens aber, wenn Sätze fallen wie “ Life’s a bitch und life’s a beach“, ist alles zu spät, dann ist schlimmstes Fremdschämen angesagt.

2 Sterne (Lothar Gerber)

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Bosse – „WARTESAAL“ (2011)

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Bosse – „KRANICHE“ (2013)

Der Songwriter-Rock von Bosse wird interessanter arrangiert als zuletzt.

„Erzähl mal von dem Schrank, in dem du dich Jahre lang verschanzt hast und von deiner Verlustangst“, singt Axel Bosse in „Familienfest“, während die Streicher so tun, als ob alles paletti sei, da im Schrank. Ein ganz und gar herrlicher Song voller Abgründe aus der eigenen Sippe. Ohnehin speist sich KRANICHE aus dem eigenen Erfahrungsschatz. Es geht um Nirvana-Shirts und Küsse, um Istanbul, wo Teile des Albums geschrieben wurden, um Mädchen, die so tun, als ob sie 24 wären, obwohl sie 36 sind und die Sonne, die „draußen am Bordstein“ aufgeht. Eins-zu-eins-Songwriting also, manchmal zu klischeehaft, aber musikalisch mithilfe von Martin Wenk (Calexico) und Valeska Steiner (Boy) durchaus angenehm in Szene gesetzt.

3 Sterne (Jochen Overbeck)

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Bosse – ENGTANZ (2016)

Größer, bunter, symphonischer: Bosse hebt seinen Pop auf ein neues Level.

Eigentlich sitzt Aki Bosse seit seinem Debüt KAMIKAZEHERZ (2005) zwischen den Stühlen. Er war stets smarter als der average Dudeldude aus der Radioschule, aber eben nie übermäßig am Diskurs interessiert. Vermutlich lag es daran, dass es acht Jahre dauerte, bis er mit KRANICHE ein Album in den Spitzenregionen der Charts platzieren konnte und den Bundesvision Song Contest gewann.

ENGTANZ versucht drei Jahre später nun, die Bosse-Klammer noch einmal weiter zu öffnen. Man hört vom ersten Ton an: Da steckt Arbeit drin, viel Arbeit. Bläser, Streicher, ein Chor, aber auch krumme Beats und Sequencer – das hier ist quasi Bosses Musiker-Album. Andererseits: Angst vor Größe und vor Pathos hat Bosse keine Sekunde.

In „Mordor“ hören wir Mumford-&-Sons-„Hey, Hey“-Chöre, in „Krumme Symphonie“ rappt Casper. Bosse schenkt dazu nonstop Weisheiten aus, erzählt vom Tresen, vom Quigong-Kurs, vom Käsefrühstück in der Normandie und von der Stadt, die „flach unterm halben Mond“ atmet. Davon, wie er jemandem Cola in den Wein kippt und jemand anderes Cha-Cha-Cha auf Faith No More tanzt. Manchmal eigenartig, meistens gut, immer interessant.

4 Sterne (Jochen Overbeck)

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Bosse – „ALLES IST JETZT“ (2019)

Der Liedermacher mit Weichspülgarantie wirbt für Hedonismus und Verbürgerlichung.

Hey, die Metapher war doch gut! Also, warum nimmt man sie nicht gleich zwei Mal? Der Hüftschwung, der zurückkommt, als Bild für neue Lebensfreude, den benutzt Bosse auf seinem neuen Album sowohl in „Ich warte auf Dich“ als auch im Titelsong von ALLES IST JETZT.

Diese Lebensfreude „schmeckt nach Rotwein und Zungenkuss“ oder klingt nach Rollkoffer auf Asphalt, den der Protagonist von „Wanderer“ hinter sich herzieht, während er um Sympathie für seine Verbürgerlichung wirbt. Wahlweise wird sie auch gewürzt mit griffigen Weisheiten wie „Das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht“. Man darf das als inhaltliches Programm identifizieren, denn gleich zum Auftakt des Albums hatte der niedersächsische Liedermacher getönt: „Ich habe gelernt, das Leben zu genießen.“

ALLES IST JETZT ist also fest im Griff des Hedonismus, auch wenn der oft getarnt daherkommt als leicht esoterische, irgendwie linke, windelweiche Manufaktumwohlfühligkeit. Ja, man kann sich gut vorstellen, wie Tausende Festival­besucher, die Mate-Flasche in der Linken, das Ablass-Afro-Food vom Geflüchteten-Stand in der Rechten, mitsingen: „Was du träumst, das musst du machen, all die besten Supersachen, alle machen, alle machen!“

Selbst wenn Bosse in „Robert de Niro“ politisch wird und über „den Nazi-Scheiß“ singt, dann sind die Beobachtungen oberflächlich und die Einsichten gefühlig: Als Fazit wähnt er sich bloß „im falschen Film“. So wie die Texte macht sich auch die Musik auf vom Indie-Rock zum Mainstream-Pop und verbreitet einen nachgerade zwanghaften Optimismus.

Selbst die Melancholie des Heimaturlaubs verkommt in „Hallo Hometown“ dermaßen zum Pathos, dass man Aki Bosse fast mit Thees Uhlmann verwechseln könnte. Aber das Pathos des Tomte-Chefs ist gnadenlos, eine Haltung mit Leidenschaft, das von Bosse wirkt im Vergleich verklemmt und wie in Weichspüler getaucht.

2 Sterne (Thomas Winkler)

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