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Kritik

„Deutschland 89“ auf Amazon Prime Video: Ein Mann für alle Fälle

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Auch in Staffel 3 fällt den Showrunnern Anna Winger und Jörg Winger noch allerhand ein: Die Handlung rund um politische Ereignisse des Herbsts 1989 nimmt schnell an Fahrt auf, hat dabei aber auch die nötige Zeit, um sich auf Schlüsselthemen zu fokussieren.

Doch wo starten wir? Martin Rauch (Jonas Nay) hätte nach seinen beiden aufreibenden Spionage-Einsätzen vor allem eines gerne gehabt: seine Ruhe. Im Jahr 1989, also zu Beginn der Handlung von Staffel 3, hat er diese noch. Martin arbeitet gerade bei Robotron, einer Firma, die sich auf Computergeräte spezialisiert hat, und geht zudem voll in seiner Rolle als Vater auf, ist er doch seit dem Weggang seiner Ex-Freundin Annett Schneider nach Moskau für die Erziehung des gemeinsamen Sohnes Max verantwortlich. Nun kommt es aber, wie es kommen muss und Martin wird erneut von der HVA, dem Außengeheimdienst der DDR, eher widerwillig für einen Auftrag reaktiviert. „Kolibri“, so sein Deckname, ist zurück.

Alle wollen Martin Rauch

Rauch soll herausfinden, wie der neue Regierungsentwurf für ein Reisegesetz aussieht und ob Generalsekretär Egon Krenz darin „über das Ziel hinaus“ schießt. Falls ja, soll er verhindern, dass das Papier in die Regierungssitzung am 9. November 1989 kommt. Der Text gelang in die Sitzung und es war – man kennt es aus den Geschichtsbüchern – Günther Schabowski, Sekretär für Informationswesen, der in der darauf folgenden Pressekonferenz zum Thema Reisefreizügigkeit die berühmten Worte „…nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich“ sagte und die Menschen vor ihren Fernsehgeräten gleichermaßen in Ungläubigkeit und Jubel ausbrechen ließ. Auch der weitere Verlauf ist bekannt. Martin muss sich in der Folge von der HVA Kritik in Bezug auf seine nicht erfüllte Mission und den Auswirkungen seines fehlenden Eingreifens (Mauerfall) anhören. Er wird aber, obwohl er eigentlich dem Leben als Spion schon abgeschworen hatte, von allen Seiten umworben. KGB sowie CIA und BND wollen ihn haben. Für die letzteren beiden – es kommt zum Wiedersehen mit der ehemaligen Affäre Brigitte Winkelmann (Lavinia Wilson) – sagt er zu.

Ein beständiger Zwiespalt als roter Serien-Faden

Zum Hauptaugenmerk von „Deutschland 89“ gehört der Blick auf die Auswirkungen des historischen Moments: Nach dem Fall der Mauer war nichts mehr wie zuvor und das realisieren auch die meisten Figuren der Serie recht schnell, obgleich manche besonders Linientreue noch zu verleugnen versuchen, dass dies das Ende der DDR bedeuten könnte. Der Zwiespalt sorgt für einige besonders absurd-widersprüchliche Augenblicke in den Folgen, die mal komisch ausgelegt werden, mal aber auch eine gewisse Realitätsflucht im gerade zusammenfallenden System unterstreichen. Der Idealismus bröckelt, genauso wie der lang gehegte Lebensentwurf: Kann man jetzt einfach noch so weitermachen? So oder so lässt sich auch in der Serie gut beobachten, dass aus Fragen wie dieser zwangsläufig eine Art Machtvakuum entsteht, das die Szenerie in den Chefetagen manchmal wie ein Durcheinander wirken lässt, in dem keiner so recht weiß, ob er noch die politische Verantwortung oder doch lieber das eigene Glück im Exil suchen möchte.

Ostdeutscher Pragmatismus

Die beiden vorherigen Staffeln – „Deutschland 83“ sowie „Deutschland 86“ – waren globale Erfolge, liefen in sämtlichen Ländern, wurden mit Preisen ausgezeichnet. Auch hier wurden schon absurde Gegensätze aufgezeigt, beispielsweise wenn in Staffel 2 der vorm Finanz-Bankrott stehende DDR-Staat Geld zu generieren versucht, indem – quasi als Mittelsmann – Waffendeals zwischen dem Klassenfeind BRD und dem südafrikanischen Apartheid-Regime abgewickelt werden, obwohl die DDR eigentlich die Widerstandsbewegung in Südafrika unterstütze. Auf ähnlich (nennen wir es mal so) ostdeutschen Pragmatismus kann man sich auch in „Deutschland 89“ schon einstellen, beispielsweise wenn es darum geht, was aus dem Vermögen der DDR wird.

Da wir uns hier ja im Spionage-Genre befinden ist aber ein treibender Spannungsfaktor der Serie, wer denn nun auf wessen Seite steht und wer wen zu hintergehen versucht. Dieser Aspekt ist in „Deutschland 89“ ganz speziell aufreibend, spielt die Serie eben zur Wendezeit und die meisten Beteiligten sind sich im Stillen klar darüber, dass es die DDR bald nicht mehr geben wird. Somit sind die per se eigentlich Agenten für ein Land, das es noch in seinen letzten Zügen hängt und bald vom in der Serie omnipräsenten Helmut Kohl von der Idee einer Wiedervereinigung überzeugt werden wird.

Zeitgeschichte alles andere als staubtrocken vorgetragen

Zurück zu unserem Protagonisten: Für Martin Rauch soll die mit Brigitte Winkelmann und ihrem amerikanischen CIA-Kollegen Hector Valdez (Raul Casso) vereinbarte Mission seine letzte sein, er will danach mit seinem Sohn ein bürgerliches Leben in Ruhe führen. Doch der Einsatz gestaltet sich angesichts der Welle an politischen Ereignissen als komplexer als erwartet: Martin landet samt seiner neuen Freundin Nicole Zangen (Svenja Jung) – sie ist die Lehrerin von Max – erst in Frankfurt am Main, wo sich eine folgenreiche Begegnung mit seiner Tante Lenora (gespielt von der kürzlich erst mit dem Emmy ausgezeichneten Maria Schrader) ereignet, die zudem noch eine Rechnung mit ihrem Neffen offen hat. Überhaupt kulminieren in der finalen Staffel sämtliche Konflikte. Es gibt zahlreiche Schießereien, überraschende Wendungen, die Stimmung wirkt aufgeladen: In „Deutschland 89“ gerät so einiges ins Wanken – und das bei weitem nicht nur in Ost-Berlin: Die Figuren verschlägt es nach Leipzig sowie nach Rumänien und Italien. Das klingt alles erstmal nach nicht wenigen Nebenschauplätzen, dennoch vermag die neue Staffel den Fehler aus dem etwas überladenen Vorgänger auszubügeln und hier die Fäden besser zu verknüpfen. Zeitgeschichtliche Ereignisse – wie beispielsweise der Aufstand gegen das Ceaușescu-Regime in Rumänien – werden klug in der Story verwoben und nicht staubtrocken erklärt; auch Archiv-Material wird bei Gelegenheit klug eingesetzt.

„Deutschland89“ bewegt sich federleicht durch die Weltgeschichte ohne dabei auch nur annähernd in bedeutungsschwangeres Pathos zu verfallen. Immer mal wieder gibt es zudem komische Momente, die einerseits einen „comic relief“-Effekt erzielen, andererseits den spannenden (und auch den brutalen) Momenten einen nötigen Freiraum schaffen. Auch die Romanze zwischen Martin und Nicole ist plausibel und schön eingebaut; Martins frühere Freundin Annett Schneider, die in Staffel 1 und 2 noch eine tragende Rolle spielte und nun, wie man hört, zu höheren Ämtern nach Moskau versetzt wurde, kriegt man in Staffel 3 nie lebend zu Gesicht.

Corinna Harfouch und Isolation Berlin sind auch dabei

Ansonsten ist die Personenkonstellation größtenteils gleichgeblieben: Der hochrangige Genosse Markus Fuchs (Uwe Preuss) spielt mit, genauso wie die Buchhalterin Frau Dietrich (Anke Engelke) sowie Florence Kasumba als Rose. Ein Wiedersehen gibt es auch mit Martins Mutter Ingrid (Carina Wiese), ebenso mit seinem leiblichen Vater und HVA-Mitarbeiter Walter Schweppenstette (gewohnt grandios gespielt von Sylvester Groth), der nach dem Mauerfall mit neuer Identität nach Frankfurt am Main geschickt wird, um eine Bank zu unterwandern. Zum Ensemble gesellt sich mit Corinna Harfouch – sie spielt Walters Tarn-Ehefrau Beate in Frankfurt – eine schauspielerische Hochkaräterin, die in einigen Szenen absolut die Show stiehlt, vor allem, wenn sie in brenzligen Augenblicke selbst die Hände am Drücker hat. Und eben solche Situationen gibt es in diesem enorm unterhaltenden Machtspielchen der Geheimdienste nicht selten.

Ein Schmankerl für Fans deutschsprachiger Indie-Musik dürfte der kurze Auftritt der Band Isolation Berlin sein, die in der dritten Folge einen spontanen Gig in einem Innenhof hinlegt und dabei „Kicks“ sowie „Der Bus der stillen Hoffnung“ performt.

Fazit: „Deutschland 89“ ist eine wirklich lehrreiche und besonders unterhaltsame Staffel geworden, die vor allem durch einen wunderbaren Cast zu überzeugen weiß. Doch es ist auch eine Serie über politische Akteure und ihre (Neu-)Positionierung, über politische und persönliche Wenden und über eine historische prägnante Zeit geworden, die bis ins Jetzt wirkt und unsere Zeit nach wie vor prägt.

Die acht Folgen von „Deutschland 89“ erscheinen am 25. September auf Amazon Prime Video.


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