Interview

Hotlist 2018: Hit-Maschine Jack Antonoff definiert den Sound der Zeit

Mit Jack Antonoff zu sprechen, ist wie einem seiner Songs zuzuhören. Jeder Gedanke folgt einer bestimmten Melodie. Ein Flow aus Ideen, der gewitzt auf seinen Gesprächspartner einprasselt. Dabei wird er selten konkret, ihm geht es um das große Ganze, obwohl er viele Anekdoten erzählen könnte. Aber es fällt ihm schwer, das vergangene Jahr in Worte zu fassen. 2017 hat er an drei großen Pop-Platten mitgewirkt, darunter das meistverkaufte Album 2017: Für Taylor Swifts REPUTATION steuerte er sechs Songs bei. Er war an St. Vincents MASSEDUCTION beteiligt und produzierte und schrieb zusammen mit Lorde jeden einzelnen Song ihres zweiten Albums MELODRAMA. Hinzu kommen eine Platte mit seiner Quasi-Ein-Mann-Band Bleachers, sowie seine Projekte mit Pink und Banks.

Nicht schlecht für einen 33-jährigen Amerikaner, über den Lorde sagt, er sei „einer der merkwürdigsten Menschen, die ich jemals getroffen habe“ und das Online- Magazin „Pitchfork“, er sei für sein Alter „noch ein ziemlicher Teenager“. Antonoff
 ist der Typ Mensch, der sein Heimstudio – in der Wohnung, die er in Brooklyn mit Freundin und „Girls“-Schöpferin Lena Dunham teilt (teilte, sie trennten sich Anfang des Jahres; Anm. d. Red.)– mit Tiertapete ausstattet, damit es ihn an sein altes Kinderzimmer erinnert und der bei den MTV Video Music Awards mal eben eine Banane isst, wenn Katy Perry gerade auf der Bühne steht. Vor allem aber ist er ein Gegenpol zu Max Martin und dessen durchformatiertem Charts- Pop geworden.

Um zu verstehen, wie Antonoff als Co-Songwriter und -Produzent arbeitet, muss man in erster Linie begreifen, dass er selbst Musiker ist. Wenn
 er mit jemandem zu arbeiten beginnt, erzählt er gerne, fragt er als Erstes: „Was ist das Schlimmste, das dir je passiert ist?“ Denn vom mentalen Tiefpunkt aus könne alles nur noch besser werden. Und dass Frauen ehrlicher seien, wenn es darum geht, was in ihrem Leben gerade schiefläuft, sei auch der Grund, warum er viel öfter mit ihnen zusammenarbeite als mit Männern. Außerdem denke er automatisch an Kate Bush, Björk oder Fiona Apple, wenn er eine Idee für einen Song hat.

Musikexpress: In den Stücken, die du schreibst, herrscht meist ein Gefühl, das irgendwo zwischen Nostalgie und Moderne pendelt.

AntonoffIch schreibe oft Songs über Verlust. Es gibt immer einen kleinen Teil in dir, der in solchen Momenten einfriert. Wenn du dich später in diese Momente zurückversetzt und sie aus dem Hier und Jetzt betrachtest, dann entsteht ein Gefühl von Nostalgie, das sich mit Zukunft mischt. Die Bleachers-Songs leben von diesem Gefühl. Von dem, was ich von diesen Momenten loslassen möchte und auch von dem, was ich nicht loslassen kann.

Wenn man sich zum Beispiel „Don’t Take The Money“ anhört, merkt man, wie persönlich das Stück zu sein scheint. Ist das die Grundlage für all deine Songs?

Ja, auch wenn es natürlich nur Andeutungen sind. Für mich entsteht jeder Song im Prinzip aus der Position des Außenseiters heraus – selbst wenn er die Massen erreicht. Unser gesamtes Bedürfnis, Musik zu machen, basiert auf einem bestimmten Gefühl, einer Melodie oder einem Gedanken, den wir mitteilen müssen, weil wir uns von der Welt missverstanden fühlen.

Macht das für dich gutes Songwriting aus?

Ja, es schreibt doch niemand Musik, weil er sich von der Welt verstanden fühlt und
 alles super ist. Im Gegenteil! Alles beginnt mit einer sehr persönlichen Unzufriedenheit. Jeder Song ist im Ansatz so. oder, besser gesagt: Ich glaube, dass es so sein sollte.

Gibt es so etwas wie ein Rezept für den perfekten Popsong?

Ich habe bisher keins gefunden. Vielleicht ist das das einzig wahre Rezept – nicht daran zu glauben, dass es überhaupt ein Rezept gibt. Die Songs, die wirklich herausragen, sind immer solche, bei denen du geradezu fühlen kannst, dass sie nicht geplant waren. Man darf nicht versuchen, es zu erzwingen. Das ist eigentlich schon alles.

Hast du das Gefühl, dass es heute schwieriger ist, einen Hit zu landen als früher?

Schwer zu sagen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir
 nie so richtig Gedanken darüber gemacht, wie Musi­ker in anderen Zeiten Pop­songs geschrieben haben.
 Ich liebe es, Musik aus allen Epochen zu analysieren – aber jedes Mal, wenn ich über den Schreibprozess nach­ denke, komme ich am Ende immer wieder nur bei mei­ner eigenen Erfahrung an. Für mich ist das, als würde ich Farben sehen. Wir haben ja alle einheitliche Begriffe für Farben, aber wer weiß schon, was jeder Einzelne von uns wirklich sieht und empfindet? Wenn ich am Piano sitze oder anfange, ein paar Zeilen zu schreiben, bin ich in diesem Moment ganz allein.

Viele sagen, 2017 war „das Jahr von Jack Antonoff“ – wie hast du das empfunden?

Ich weiß noch nicht so richtig. Ich versuche noch immer, auf unterschiedliche Arten damit umzugehen: Es ist wundervoll und gleichzeitig ziemlich hart, das alles in die Welt hinaus­ zu tragen.

Wie meinst du das?

In diesem Jahr habe ich so viel von allem gemacht. Ich habe selbst Musik aufgenommen und mit anderen produziert.

Gibt es für dich Einschränkungen, mit wem du zusammenarbeitest?

Meine Entscheidungen folgen da keinem Plan. Das ist bei mir alles ein Bauchgefühl. Ich weiß es einfach. Jedes Mal aufs Neue fühle ich mich dann wie ein Kind und bin hin­ und hergerissen, ob ich gleich bei meinem neuen Freund über­nachten soll, oder doch lieber noch nicht.

In einem Interview hast du gesagt: „Ich bin nur daran interessiert, mit Leuten zu arbeiten, die eine klare Vision von etwas haben.“ Wie sieht so eine klare Vision aus?

Eine klare Vision hat man, wenn man genau weiß, wohin man will. Das muss man für mich nicht mal artikulieren können, aber man muss für sich selbst wissen, wohin die Musik führen soll. Ich verste­he das als eine Art Qualitäts­-Level, das man erreichen will. Darum geht es.

Jack Antonoffs Musikvorhersage für das Jahr 2018

Genre is dead

Das mit der Genrefragmentierung predigen sie seit Jahren, aber 2018, meint Antonoff, wird sie sich mehr denn je manifestieren: Pop, Soul, R’n’B und HipHop, alles werde ineinander übergehen. Diese Freiheit biete viel Raum für Experimente.

Das kommt uns doch bekannt vor…

Musik bedient sich schon immer am Fundus – aktuell eben an den 90ern. Jack Antonoff findet: es hätte schlimmer kommen können.

Mehr zwölfsaitige Gitarren!

Ja, das meint Antonoff ernst. Im Gegensatz zur Standard-Gitarre ergibt die zwölfsaitige Gitarre ein volleres Klangbild (Chorus- Effekt). Man könne damit vielseitige Effekte erzielen, sagt er: „Die Musik klingt schimmernder.“ Mit recht einfachen Mitteln kann man ein Stück so interessanter machen.

Keep it real

Jacks Beobachtung: Aktuell sind vor allem die Künstler erfolgreich, die ganz sie selbst sind. Bestes Beispiel: SZA. Der Grund, warum die R’n’B-Songwriterin für fünf Grammys nominiert ist, liegt für Antonoff vor allem in ihrer radikalen Selbstsicherheit.

What Jack did

  • 2008 wird er Lead-Gitarrist von Fun. Die Hit-Single „We Are Young“ verkauft sich 2012 weltweit mehr als zehn Millionen Mal und gewinnt zwei Grammys.
  • 2014 erscheint „I Wanna Get Better“, die erste Single seines 80s-Pop-geschulten Bandprojekts Bleachers.
  • Im selben Jahr ist er Co-Songwriter und -Produzent von Taylor Swifts Album 1989. Dafür schreibt er „Out Of The Woods“.
  • Discogs zählt 108 Antonoff-Credits, unter anderem fürs Songwriting von: Carly Rae Jepsen – „Sweetie“ (2012), Sara Bareilles – „Brave“ (2013), Grimes – „Entropy“ (2015), Sia – „House On Fire“ (2016), Zayn & Taylor Swift – „I Don’t Wanna Live Forever” (2016), Lorde – „Green Light“ (2017).

Einen Einblick in unsere gesamte Hotlist gibt es hier für Euch – oder in vollem Print-Umfang am Kiosk.

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