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How To: Wie geht eigentlich Battle-Rap?

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Nicht nur in Deutschland hat Battle-Rap den Hype auf seiner Seite, daran konnte auch Corona nichts drehen. Im Netz zählen die Matches oft Millionen Klicks. Beleidigung als Sport? Na, bevor das am Ende noch olympisch wird, haben wir lieber mal genauer draufgeschaut …

Wer hat’s erfunden?

Der Ursprung von Battle-Rap liegt – natürlich – in den USA, genauer gesagt an der East Coast. Die kompetitive Grundlage der HipHop-Kultur fragt dort seit den Achtziger Jahren nicht bloß, wer ist der versiertere Rapper, der bessere Sprayer oder der akrobatischere Breakdancer, sondern auch: Wer kann einen Kontrahenten überzeugender in Grund und Boden beleidigen? Einen großen Popularitätsschub ereilt die rüde Kulturpraxis durch den Film „8 Mile“, in dem Eminem sich in einem solchen Turnier zu beweisen hat.

Wie funktioniert’s überhaupt?

Gemeinhin stehen sich die MCs in einem Eins-gegen-Eins gegenüber, es gibt aber auch die Variante des Doppels. Dabei beschreibt das Written Acapella Battle auswendig vorgetragene Schmähungen im freien Raum, bei On Beat Battles gibt dagegen ein DJ Rhythmus und Tempo vor. Das Match geht über drei Runden. Jeder hat so dreimal einige wenige Minuten Zeit, seinen Gegner maximal schlecht aussehen zu lassen. Ganz entscheidend ist dabei, dass es sich um keine dialogische Streit-Inszenierung handelt. Wenn der andere dran ist, hält man die Klappe, no matter what. Am Ende der Runden entscheiden Juror*innen oder das Publikum über den Sieger.

Und was ist mit political correctness, Du Hundesohn?

Für die Battle-Rap-Szene gilt als identitätsstiftend: Auf der Bühne beziehungsweise im Kreis (Cypher) ist alles erlaubt. Es handelt sich um einen performativen Rahmen, der eine Darbietung in uneigentlicher Sprache möglich macht. Die Beleidigungen im Battle-Rap genießen also die Freiheit der Kunst. Doch auch die unterliegt bei näherer Betrachtung gewissen
Regeln. So kann zum Beispiel das N-Wort heute nur von People Of Colour benutzt werden, ohne dass es einen Skandal
nach sich zieht. Zuletzt wurden aber auch immer öfter homophobe Zeilen diskreditiert – wohingegen misogyne Pointen
meist noch als Lacher beim vornehmlich männlichen Publikum durchgehen.

Das gibt’s auch in Deutschland?

Und wie! Getragen vom „8 Mile“-Nachhall stellt 2006 das Live-Format „Feuer über Deutschland“ einen Nukleus der deutschen Battle-Rap-Szene dar. Als Moderator der ersten Auflage fungierte seinerzeit Kool Savas. In den Zehnerjahren etablieren sich diverse unterschiedliche Ligen, die bis heute regelmäßige Turniere aufstellen. Am einflussreichsten sicherlich „Rap Am Mittwoch“, „Battle-Rap Bundesliga“ und vor allem „Don’t Let The Label Label You“ (DLTLLY).

Ey, wir brauchen Namen!

In den USA geiferten unter anderem Snoop Dogg, Common, Ice Cube oder LL Cool J bei solchen Gigs gegnerische Männchen an. Welchen Einfluss das Battle-Rap-Geschehen auch hier auf die hiesige HipHop-Szene nimmt, zeigt allein die Teilnehmerliste von „Feuer über Deutschland“: Maeckes, Casper, Marteria, Manuellsen traten hier noch weit vor ihren Charts-Erfolgen in Erscheinung, aber auch Acts wie Finch Asozial und Capital Bra besitzen einen solchen Beleidigungs-Hintergrund. Die Rapperin
Haszcara ist ebenfalls schon mal beim Battle-Rap in Erscheinung getreten, doch weibliche MCs bleiben in diesem „Sport“ absolute Ausnahmen. Aktueller Titelträger der größten Liga nennt sich Mikesh – und verkörpert mit einer smarten Art die schleichende Poetry-Slamisierung des Phänomens.

Dieser Text erschien zuerst im Musikexpress 02/2021.


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