Gedanken zum Gegenwärtig*innen

Im Westen nichts Neues: Ist in der Musikindustrie alles nur ein Duplikat von einem Duplikat?

von
Julia Friese
Julia Friese

Drei Beobachtungen:

1. x-tina hat madonna auch geküsst

Wir sind an einem Punkt in der Geschichtsschreibung, in der es für alles Präzedenzfälle zu geben scheint, ein neuer Atomschlag würde mit Hiroshima verglichen werden. Über Nagasaki, die Stadt auf die die zweite Atombombe fiel, spricht und singt kaum jemand. Eine junge Wiener Postpunk-Band, die Leftovers, nennt einen ihrer Songs „Hiroshima“, und muss sich musikalisch mit Nirvana und Die Nerven vergleichen lassen.

Ihre Lyrics erinnern an Isolation Berlin, und damit also auch an die Ton Steine Scherben. KRACH ist ein Album, auf dem die Leftovers „Ko-ka-in“ intonieren, und „Ich find dich scheiße“ brüllen, und damit Erinnerungen an Falco und Tic Tac Toe wachrufen, ohne sie zu benennen. Bob Dylan hat in seinem gerade auf Deutsch erschienenen drittem Buch „Die Philosophie des modernen Songs“ über das Lied als Kulturtechnik geschrieben, das sich schon immer Gewesenes angeeignet habe, um es dann fortzuschreiben. Es gibt nichts Einzigartiges. Alles ist nur ein Duplikat von einem Duplikat. Immer die gleiche Leier. Im Westen nichts Neues?

2. copy past(e)

Erstmals hat mit Kim de l’Horizon eine nichtbinäre Person den Deutschen Buchpreis gewonnen. Und erstmals stand mit Kim Petras eine Transfrau an der Spitze der amerikanischen Charts. Die in Köln geborene Petras singt in „Unholy“ das, was sie schon vor Jahren gesungen hat: dass sie einen Sugardaddy möchte, der ihr Balenciaga kauft.

Balenciaga ist die derzeit am meisten genannte Luxusmarke im Pop, ist das Wohlstands-Signifikat des Pop. Eine Firma, die Crocs und schmutzige Sneaker, sowie zuletzt Gummistiefel und Chipstüten rekontextualisiert: als Luxusgut. Als rosa berüschtes, aber gleichzeitig zeitgeistiges Luxusgut inszeniert sich auch die mit Hartz 4 aufgewachsene Schriftstellerin Jovana Reisinger.

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In ihrem Essay-Zyklus „Enjoy Schatz“ verhandelt sie autofiktional ihre Lust und ihre Scheidung, streift die Themen Schreiben und Gender und Klasse. Fragt sich, warum sie Liebe und Beziehungen überhaupt will, sich mitunter auf nichts anderes konzentrieren kann. Die Kopie welcher alten Behauptungen ist diese Sehnsucht nach Liebe eigentlich? Nur die Liebe zählt? Ist das ein Slogan, eine Show, oder die Wahrheit? „War das alles nicht echt?“, singflüstern die Leftovers in „Schizo“.

3. iconic

Auf den sozialen Netzwerken konsumieren wir täglich die PR anderer Leute. Wirksame PR setzt auf die Verwendung nostalgischer Elemente, um Konsument*innen emotional zu aktivieren. Kim Kardashian zwängte sich in Marilyn Monroes „Happy Birthday, Mr President“-Kleid, und hoffte, sich mit den Insignien der Ikone aufladen zu können, um selbst eines Tages wie diese unvergessen zu sein – ohne dafür aber natürlich zu früh sterben zu müssen.

Langlebig und dauerhaft iconic! Wie der Samba-Turnschuh. Man trägt ihn wieder. Aber muss doch einen neuen kaufen, denn er heißt jetzt Velosamba, man kann ihn in eine Fahrradpedale einklinken, er sieht nicht exakt aus wie der alte. Nur fast. „Unholy“, Kim Petras und Sam Smiths Nr.-1-Hit, klinge erfrischend anders, heißt es. Der Song ist weder in Moll noch Dur geschrieben, sondern in Phrygian. Was im Westen selten ist, aber dennoch nicht neu. In Phrygian geschrieben sind z.B. auch Beyoncés „Naughty Girl“ (2003) und „Beautiful Liar“ (2006). Die Zweitausender waren so iconic.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 01/2023.


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