„Reflektor“-Kolumne

Jan Müllers „Reflektor“-Kolumne, Folge 9: Warum ein Gespräch mit International Music genau wie ihre Musik ist

von
Jan Müller
Jan Müller

„Im Studio werden die Karten neu gemischt
Der Dschungel kennt die Reihenfolge nicht
Was erst ganz leise war, wird laut
Und legt sich uns zu Füßen dar
Und wird von Neuem aufgebaut“

Bei diesen Zeilen aus dem Song „Dschungel“ von International Music denke ich an eines meiner liebsten Kinderbücher: „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak. Nur dass der Dschungel in dem Song nicht wie im Buch im Kinderzimmer wächst, in das der Protagonist Max von seiner Mutter zur Strafe geschickt wurde, sondern im Studio erblüht, in welches man sich als Band ganz freiwillig begibt.

Für mich gibt es kaum etwas Feierlicheres, als gemeinsam mit meiner Band im Studio zu sein. „Die Gitarrenmusik ist tot!“ – das musste ich mir schon 1993 anhören. Oder auch ein überhebliches „Also, ich höre nur noch HipHop!“ (1995 und 2020). „Techno ist das Einzige von Relevanz!“ (1996). „Der Dancefloor ist die neue Utopie!“ (1997). „Nur noch die bildende Kunst zählt!“ (2000). „Das Theater ist die neue Drehscheibe des Diskurses!“ (2005). „Die Mode ist der wahre Rock’n’Roll“ (1999). „Nur noch das Angeln ist von Relevanz!“ (2023). Warum auch nicht? Ich finde das ja sogar alles sehr interessant.

Wahrscheinlich machen viele junge Leute im Proberaum nur wenig Neues

Dennoch habe ich nie das Interesse daran verloren, mich mit guten Freunden in einem Raum zusammenzufinden, die Verstärker anzuschalten und ziemlich laute Musik zu fabrizieren. Bis heute erzeugt das in mir eine unvergleichbare Gänsehaut. Interessant ist auch, dass es auch heutzutage noch immer junge Menschen gibt, die das ganz genauso empfinden. Wahrscheinlich machen viele von ihnen dort im Proberaum nur wenig Neues. Sie machen es sich in diesem oder jenem Genre bequem, versuchen ihre Idole zu kopieren oder aber sie nutzen den Übungsraum nur, um sich ungestört und ungehemmt dem Bier- oder Drogenkonsum widmen zu können.

Auch Kombinationen aus mehreren dieser Möglichkeiten sind denkbar. Aber einige dieser Proberaumbewohner schaffen es tatsächlich auch noch immer, Neues, Ungehörtes und Spannendes zu fabrizieren. Und dazu zählen ohne Zweifel auch die eingangs zitierten International Music. Sie sind eines der besten Beispiele dafür, wie viel Innovation noch immer in dem Format Gitarrenband stecken kann.

Im Jahr 2015 überzeugten die beiden Freunde Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti ihre neue Bekanntschaft Joel Roters davon, dass es eine gute Idee sei, als Drummer mit ihnen zusammen eine Band zu gründen. Er nahm die Herausforderung an, obwohl er noch nie zuvor hinter einem Schlagzeug gesessen hatte. Seitdem bescherten sie uns zwei großartige und ungewöhnlich umfangreiche Alben. Ein klarer Fall für meinen Podcast.

International Music sind lebendig und humorvoll, schenkelklopfender Klamauk ist ihnen jedoch fremd

Als ich die drei zum Interview treffe, ist es gleich vom ersten Augenblick an schön zu sehen, wie sie miteinander agieren. Ein Gespräch mit International Music ist wie ihre Musik: Was sie sagen, ist reflektiert und dennoch erhalten sie sich ein Interesse, ihre Position erneut zu überdenken oder zu hinterfragen. Sie sind lebendig und humorvoll, schenkelklopfender Klamauk ist ihnen jedoch fremd.

Und vor allem sind sie im regen Austausch miteinander. Sie sind keine dieser Bands, die einen Sprecher haben, der das vorgibt, was die anderen dann bestätigen. Die Musik von International Music lässt uns viel Raum und Freiheit, sie zu erleben. Sie lässt sich Zeit, ist korsettfrei und dennoch Pop-Musik. International Music wurden dann auch gleich bei Erscheinen ihres Debütalbums mit viel Lob überschüttet. Nicht nur in diesem Heft hier wurden sie frenetisch besprochen. Richtig so.

Zu guter Letzt möchte ich noch mit einem Gerücht aufhören, das sich leider recht hartnäckig hält: Wiederholt wurde behauptet, International Music fabrizierten „Nonsens-Texte“. Was für eine Missachtung der poetischen Kraft der Texte dieser Band! Großartigerweise funktionieren die Texte von International Music ganz genau so wie ihre Musik. Sie sind frei, aber von Nonsens sind sie weit entfernt. Ich möchte daher diese Kolumne so beenden, wie ich sie begonnen habe: mit einen Textzitat. „Weinen will ich nicht, das befeuchtet mein Gesicht zu sehr.“ Wie wunderbar! Ich wünsche mir noch viele weitere Alben von International Music!

Zu Jan Müllers „Reflektor“-Podcast: www.viertausendhertz.de/reflektor

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 11/2021.


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