Reflektor

Nur zu Besuch: Jan Müller schwelgt in Erinnerungen an seine Reeperbahn-Zeiten

von
Jan Müller
Jan Müller

Zurück in Hamburg. Früher wäre für mich ein Fußweg, der länger als 15 Minuten benötigt, nicht infrage gekommen. Heute liebe ich es, meine alte Heimat zu Fuß wiederzuentdecken. Eben hatte ich ein Gespräch mit meinem Freund Steven Spirou für meinen Reflektor-Podcast. Ich denke an unsere Unterhaltung zurück, während ich die Kennedybrücke überquere. Steven lernte ich in den 90er-Jahren in den diversen Kaschemmen der Reeperbahn-Seitenstraßen kennen. Er agierte dort als stets euphorischer Psychedelic- und Sixties-DJ Starlight Stevie. Im Podcast erinnern wir uns an diese Tage. Wir sprechen über Rosies Bar, den Gun Club, den Komet und all die anderen Läden. In früheren Jahren liefen dort meist Tapes.

Irgendwann stand dann in jedem von ihnen in einer Ecke ein DJ-Pult. Und wenn man sich nicht nur auf das Bier- und Schnapstrinken konzentrierte, so konnte man entdecken, welch wunderbare Musik erklang. Typen wie Steven hatten eine kulturelle Mission. Bis dann, später am Abend, zu den immergleichen uralten Hits alle durchdrehten. Ich laufe durch Planten und Blomen, diesen wundervollen Park. Carsten Friedrichs wünscht sich völlig zu Recht, nach seinem Ableben hier begraben zu werden. Berlin hat nicht etwas ähnlich Wundervolles zu bieten. Trotzdem besser für mich, jetzt in der Hauptstadt zu leben, denke ich.

Was ist schöner und zugleich gnadenloser als die Reeperbahn bei Tag?

Von den Wallanlagen aus betrete ich die Reeperbahn. Was ist schöner und zugleich gnadenloser als die Reeperbahn bei Tag? Dennoch: Wie emsig hier in den vergangenen Jahren das meiste, was in seiner Schrottigkeit so einzigartig romantisch war, entfernt wurde. In der Davidstraße ist der alte Geist noch spürbar. Ich biege in die Bernhard-Nocht-Straße ab. Die ehemals besetzten Hafenstraßen-Häuser sind mittlerweile von Neubauten eingezwängt. Hier habe ich das erste Mal ein Mädchen geküsst. Sie hatte kurze grüne Haare. Das Wandbild mit Hans-Martin Schleyer und der Sprengstoffformel ist verschwunden.

Ich denke an die Konzerte im Hafenstraßen-Club Störtebeker. Und ich denke an die Konzerte in der Roten Flora. Im schimmeligen Florakeller sah ich 1993 ein Konzert der schottischen Crust-Band Sedition. Ihr Album EARTHBEAT verkauften sie in einem Cover aus Jute. Die Musiker sahen aus, als wären sie soeben aus irgendeiner Höhle gekrochen. Selbstverständlich waren ihre Haare und alles sonst an ihnen übelst verfilzt. Konsequent bis in die letzte Pore. Ich muss lächeln, als ich mich bei dem Gedanken ertappe, sie auf der nächsten Veranstaltung der Hannoveraner Sektion von Fridays for Future live auf der Bühne zu sehen.

Ich habe den Fischmarkt erreicht. Hier, in einem der letzten Altbauten in der großen Elbstraße, lebte ich zehn Jahre lang. Schon als wir im Dezember 2001 einzogen, hatte der Fischmarkt viel von seinem Charme verloren. Die im Zweiten Weltkrieg verursachten Baulücken waren bereits in den 80er-Jahren geschlossen worden. Dennoch, der Ort hat sich seit meinem Wegzug weiter verwandelt. Das Golem gibt es nicht mehr, leider. Wie schön es war, Alvaro, Olli und all die anderen Piekfeinen bei ihrem nächtlichen Tun zu begutachten.

Unsere Gesangsbeiträge waren fragwürdig, aber inbrünstig

Plötzlich kommt mir wieder in den Sinn, wie ich gemeinsam mit Alvaro, Rasmus, Deniz und anderen dort einst eine kleine Aufführung mit Songs der Band Cotzbrocken abgehalten hatte. Live am Piano. In Thies Mynther hatten wir einen begeisterungsfähigen Partner gefunden. Nachdem er Klavierauszüge erarbeitet hatte, die in ihrer Eckigkeit den besten Kompositionen von Kurt Weill in nichts nachstanden, gab er sie eigenhändig zu Gehör. Ausnahmsweise hatte er sich mit grüner Bomberjacke und Domestosjeans bekleidet. Unsere Gesangsbeiträge waren fragwürdig, aber inbrünstig. Leider gibt es von diesem denkwürdigen Abend keinerlei Bild- oder Tonaufzeichnungen.

Natürlich existiert auch das Headbangers Ballroom nicht mehr. Gibt es eigentlich etwas Angenehmeres, als blitzblanke Metal-Kneipen? Genervt hatten mich lediglich die Brüllwettbewerbe, die die Metal-Jünger jedes Jahr vor der Tür des Etablissements als Warm-up zum Wacken Open Air veranstaltet hatten. Aus meinem ehemaligen WG-Zimmer blicke ich auf die Elbe. Die Farbe blättert vom Fensterbrett. Ich sehe die Hafenkräne und die Köhlbrandbrücke. Nie werde ich es völlig verwinden, diesen allerschönsten Ausblick der Welt nicht mehr täglich genießen zu können. Im Blohm und Voss Dock 11 gegenüber auf der anderen Elbseite schaue ich auf eine riesige Yacht. Gehört sie einem russischen Oligarchen? Obszön ist sie so oder so. Mein Ex-Mitbewohner Christoph wohnt jetzt mit Philipp zusammen, einem Punk mit Lederjacke und Stachelhaaren. Der gibt ein Fanzine mit dem sehr guten Namen „Scheiße“ heraus und hat eine Ein-Personen-Band namens Bitter. Geheimtipp!

Zu Jan Müllers „Reflektor“-Podcast: www.viertausendhertz.de/reflektor

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 06/2022.


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