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The Thrill Of It All: Die Diskografie von Roxy Music im Überblick

ROXY MUSIC (1972)

Die Avantgarde mag keinen Rock, er ist ihr zu gefestigt. Die jungen Roxy Music dagegen lehnen Rock’n’Roll nicht per se ab, Krach und Exzess sind schon okay, sie mögen aber nicht, was die herkömmlichen Bands aus ihren Möglichkeiten machen. So entsteht dieses Rock-Album von Leuten, die keinen Rock mögen, beginnt mit „Re-Make/ Re-Model“ und legt damit einen der meistbenutzen Slogans der Postmoderne vor. Bryan Ferry spielt Postpunk, ohne, dass es den Punk bereits gegeben hätte. Erstaunlich! „Ladytron“ ändert die Tonalität, Ferry spielt erstmals den Casanova zu Kastagnetten, die Melodie ist elegant, der mittelalterliche Zwischenteil duftet nach Prog. „Virginia Plain“ bringt Glamrock ins Spiel, das mehr als siebenminütige „Sea Breezes“ zeigt, dass Roxy Music es mit der Avantgarde noch sehr ernst nehmen. Die Frequenz der verstörenden Synthie-Elemente von Brian Eno ist hoch – die fette Rockgitarre von „The Bob (Medley)“ dennoch geiler! Zum 45. Jahrestag gibt es eine Sonderedition, neu gemastered, in allen möglichen Varianten.

ROXY MUSIC (1972)

Beauty Queen auf dem Cover: Kari-Ann Muller, spätere Ehefrau von Chris Jagger, dem Bruder von Mick. Zu sehen ist sie auch auf dem Cover des Mott-The-Hoople-Albums THE HOOPLE, hat hier aber unsinnigerweise die Gesichter der Mott-The-Hoople-Typen in ihren Locken.

FOR YOUR PLEASURE (1973)

Eno verlässt die Band, bevor das Album fertig ist. Er hat den Machtkampf gegen Ferry verloren, klar: Leg dich nie mit dem Sänger an. Das neun Minuten lange „The Bogus Man“ erzählt noch einmal die Geschichte der frühen Roxy Music anhand dieser Frontlinie: Ferry will möglichst aufregende Rockmusik erfinden, Eno hinterfragt jegliche Art von Funktionsmusik. Hier finden beide auf mysteriösen Wege noch einmal zusammen, ein magischer Song – auf Dauer kann das aber nicht gut gehen, weil der ständige Konflikt vor allem Ferry zu sehr anstrengt. Der Superstampfer „Do The Strand“ steht schon für die kommende Phase: Jetzt gibt’s die Hits, zu denen sich perverserweise sogar in üblichen Discos tanzen lässt, auch wenn kein Tänzer dabei auch nur ansatzweise so gut aussieht wie Ferry. Höhepunkt der sensationellen Platte: Das atmosphärische „In Every Dream Home A Heartache“, bei dem sich Nick Cave und Warren Ellis die aktuelle, an Loops orientierte Klangästhetik der Bad Seeds abgeschaut haben.

FOR YOUR PLEASURE (1973)

Beauty Queen auf dem Cover: Amanda Lear, zu dieser Zeit Freundin von Bryan Ferry und Muse von Salvador Dalí. Das Foto gilt in den 70ern als ikonisch, Lear bandelt dann auch mit David Bowie an, für Dalí macht sie Kunst, für ein britisches Magazin schreibt sie eine Tratsch- kolumne. Dann wird sie zur Disco-Queen.

STRANDED (1973)

1973 schreiben Roxy Music als Briten einen „Song For Europe“, das ist politischer Futurismus. Im instrumentalen Zwischenteil klingt die Eno-lose Band feierlicher denn je, aber auch nach Austritt des Verstörers ist STRANDED kein glattes Album. „Psalm“ ist dunkler und intensiver als die Balladen zuvor, auch dieses Stück mit seinen religiösen Bezügen dürfte für Nick Cave ein Einfluss gewesen sein. In „Just Like You“ wechselt Ferry stellenweise ins Falsett, die Zerbrechlichkeit tut der Platte gut und steht im Kontrast zur breitbeinigen Single „Street Life“, die zwar nach vorne geht, der Hitformel aber nichts Neues hinzufügt. Interessanter ist die Kunstmusik von „Sunset“ oder „Mother Of Pearl“, ein musikalisches Verwirrspiel mit Schweinesolo und Bluesriffs, auf das ein langer und abgehangener Part folgt, der Roxy als Funk-Band in Samt und Seide einführt. Die eigentliche Sensation ist aber das Timing: Zwischen FOR YOUR PLEASURE und STRANDED liegen gerade mal acht Monate.

STRANDED (1973)

Beauty Queen auf dem Cover: Marilyn Cole, wiederum Ferrys Freundin zu der Zeit. Ein Jahr zuvor ist sie im „Playboy“ zu sehen und trägt seitdem den Ehrentitel des „first frontal nude playmates“ der Magazingeschichte. Nach dem Ende der Affäre mit Ferry heiratet sie einen „Playboy“-Teilhaber.

COUNTRY LIFE (1974)

Genau ein Jahr später das nächste Meisterwerk, auch dieses beginnt mit einem Stampfer, doch „The Thrill Of It All“ hat einen anderen Drive, Manzaneras Gitarre jault jenseitig, dazu gesellt sich Edwin Jobsons aufgekratzte E-Violine – das ist der Ursprung der „Big Music“, die zehn Jahre später Mike Scott mit den Waterboys ausformuliert. Es gibt weitere laute Momente auf COUNTRY LIFE, doch Ferrys Stimme strebt nach Eleganz. Die Band zieht mit, sodass selbst dem Kracher „All I Want Is You“ die letzte Dreckspur ausgetrieben wird, wozu dem Chef nur noch ein Reim einfällt: „L’amour, toujours“. Das ist fast ironisch, wie auch der Boogiewoogie von „If It Takes All Night“. Danach macht die Band wieder Ernst: „Bitter-Sweet“ ist ein düsteres Stück aus dem Cabaret mit wunderbarem Schlussteil. Zwei der besten Songs stehen am Ende: „A Really Good Time“ setzt auf Streicher, wechselt zwischen erhabener Ruhe und nervöser Suche, „Prairie Rose“ zeigt, dass die Briten auch Americana können.

COUNTRY LIFE (1974)

Beauty Queen auf dem Cover: Constanze Karoli, Cousine vom Can-Gitarristen Michael Karoli, und Eveline Grunwald, dessen Freundin. Ferry trifft sie in Portugal, seine Vorgabe an den Fotografen lautet, „Bitter-Sweet“ zu illustrieren.

SIREN (1975)

Perfektion im Pop? Der Anfang von „Love Is The Drug“ ist ein Beispiel dafür, jede Sequenz: Typ geht zum Auto, öffnet Tür, kurz die Gitarre, dann der Bass, das Saxofon, der Motor heult auf, die Karre fährt weg, der Beat setzt ein, die Gitarre begleitet – Heilige Scheiße! Roxy Music erkennen die Macht, die in der Disco- Musik steckt, SIREN ist der Zwilling von Bowies YOUNG AMERICANS, jedoch hat Ferry – sorry, David – dieses Mal die besseren Songs. „End Of The Line“ bringt nach der Party die Sehnsucht ins Spiel, neu ist, dass auf SIREN zum ersten Mal in der Roxy-Geschichte vor allem der trockene Bass auffällt. Der dritte Song „Sentimental Fool“ beginnt als zerschossene Collage, wandelt sich dann in eine Verliererballade, Ferry leidet, aber nach und nach holt ihn die Band zurück, so lange, bis das Stück als langsame Disco-Nummer funktioniert. „Both Ends Burning“ führt zurück auf den Dancefloor, „Just Another High“ ist das abgeklärte Finale des Roxy-Albums, von dem man nie genug bekommt.

SIREN (1975)

Beauty Queen auf dem Cover: Jerry Hall, Ferrys Verlobte zu dieser Zeit. Doch die Sache hält nicht, weil Hall bei einer Party in Manhattan mit Mick Jagger durchbrennt. Die Jagger-Brüder sind jetzt jeweils mit einer anderen Ferry-Ex zusammen.

MANIFESTO (1979)

Dreieinhalb Jahre lang gibt es kein neues Album von Roxy Music, das ist in den 70er-Jahren nicht nur eine Pause, das ist ein Grund zur Besorgnis, zumal sich Ferry mit sei- nen playboyhaften Soloplatten ein eigenes Publikum erspielt. Die Vorabsingle „Trash“ floppt, dabei hat sie Wave-Gitarren, einen Beat und böse Lyrics wie bei Elvis Costello und seinen Attractions. Das Stück ist also auf der Höhe der Zeit. Aber dort will man Roxy Music gar nicht haben, diese Band ist dann am besten, wenn sie vorgreift auf das, was kommen wird. An die Spitze der Charts zurück geht’s mit „Dance Away“, dem wegweisenden Stück auf MANIFESTO, das 1979 die 80er-Jahre vorweg- nimmt: die Dekadenz und den Hedonismus, die langen Nächte in Samt und Seide, das viele Geld, das es zu ver- schwenden und zu vertanzen gibt. Die anderen Songs von MANIFESTO halten da nicht mit, der Wille, irgendwie auch die New Wave zu erwischen, hemmt die Lust auf Innovationen. Dass das Songwriting intakt ist, zeigen Kompositionen wie „Still Falls The Rain“, dennoch wird schnell klar: Dies ist ein Übergangsalbum.

MANIFESTO (1979)

Beauty Queen auf dem Cover: Rund ein Dutzend Models. Bryan Ferry hat genug von den Enttäuschungen und geht auf Nummer sicher. Auf der Picture Disc gibt es die Frauen auch zu sehen – und zwar nackt.

FLESH AND BLOOD (1980)

Mit „In The Midnight Hour“ covern Roxy Music zum Auftakt den alten Soulhit von Wilson Pickett – kreative Bankrotterklärung oder Schachzug der zitierfreudigen Postmoderne? Man denkt darüber nach, da singt Ferry den vielleicht schönsten Refrain seiner Karriere: „There’s a band playing on the radio, with a rhythm of rhyming guitars.“ „Oh Yeah“ führt die Eleganz von „Dance Away“ fort. „Over You“ bringt die Band endgültig in die 80er. Dort angekommen, covert sie „Eight Miles High“ von den Byrds als slicken Disco-Rock. Ein bisschen orientierungslos wirkt diese Band, aber mit diesem Gefühl ist sie nicht allein. Dennoch steckt FLESH AND BLOOD voll Brillanz: „Same Old Scene“ führt auf Samtpfoten zurück in die Disco, „Rain Rain Rain“ oder „My Only Love“ sind Stücke für teure HiFi-Anlagen, aber in ihrer Melancholie steckt viel Empathie für die Suchenden.

FLESH AND BLOOD (1980)

Beauty Queen auf dem Cover: Aimee Stephenson, Shelley Mann und auf dem Backsleeve: Roslyn Bolton. Casting by Peter Saville, Designer für Joy Division und New Order.

AVALON (1982)

Die Suche nach dem perfekten Sound endet zwei Jahre später auf AVALON: für die einen ein vertontes Poster der damals mit Fantasy- Motiven für sich werbenden Provinzversicherung, für andere das beste Popalbum der 80er. Mit „More Than This“ haben Roxy sofort alle Argumente auf ihrer Seite, der Hit ist ein Who-is-Who der geschmackvollen 80er-Effekte. Musik wie diese kann nur entstehen, wenn begnadete Bands Tausende von Dollars in den Drumsound stecken. Ferry klingt auf vielen Songs schon wie der Solostar, der er gleich wird. Von der Stammbesetzung sind nur Gitarrist Phil Manzanera und Saxofonist Andy Mackay dabei, sie tragen zur Klangkulisse bei, vor der Ferry großartige Songs wie „While My Heart Is Still Beating“ oder „Take A Chance With Me“ singt. Alles ist Eleganz, sophisticated und distinguiert. Ferrys Vision ist aufgegangen.

AVALON (1982)

Beauty Queen auf dem Cover: Lucy Helmore, Ferrys Freundin zu dieser Zeit. Weil Ferry keinen Jagger erregen will, lässt er sie auf Idee von Peter Saville einen Mittelalter-Helm tragen, in der rechten Hand einen Falken. Helmore und Ferry heiraten. Das Paar hat vier Söhne, lässt sich 2003 scheiden. Drei Jahre später heiratet Helmore einen adeligen Sandwich-Unternehmer.

VIVA LA DIVA – DIE LIVEALBEN VON ROXY MUSIC

Nach dem 75er-Album SIREN pausieren Roxy Music, Bryan Ferry forciert seine Solokarriere, landet mit „Let’s Stick Together“ einen Hit, bereitet sein erstes groß gedachtes Soloalbum IN YOUR MIND vor, das 1977 erscheint. Das Virgin-Label bekommt es mit der Angst zu tun: Ist es das gewesen mit Roxy, kommt da noch was? Nichts dem Zufall überlassend, wird mit VIVA! ein solides Live- Album mit Aufnahmen aus den Jahren 1973 bis 1975 veröffentlicht: kein geschlossenes Konzerterlebnis, sondern eine Collage, die Non-Album- Single „Pyjamrama“ ist ein echter Höhepunkt. Brian Eno ist auch auf den Aufnahmen aus dem Jahr 1973 nicht mehr zu hören. Wer dieses Vergnügen sucht, braucht die halb-offizielle Live-LP VALENTINE, ein Mitschnitt aus der deutschen Fernsehsendung „Musikladen“ – mit einem aufgedrehten Eno an diversen lärmenden Tasteninstrumenten. 1990 erscheint mit HEART STILL BEATING ein Konzertmitschnitt aus dem Jahr 1982, das Programm bietet auch die neuen Songs, der Sound ist aalglatt und erinnert an die Rock-Großereignisse der Dekade – was vor allem daran liegt, dass sich Phil Manzanera bei den Live-Konzerten nicht so zurücknehmen will wie auf AVALON. Als Roxy Music 2001 zurückkehren, ist klar, dass es ein Dokument der Tour geben wird: LIVE aus dem Jahr 2003 ist nicht übel, aber eigentlich nur ein Souvenir für die Leute, die damals bei den Gigs dabei waren.

 

VIVA! (1976)

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