Die da oben

Wer zuletzt lacht: Warum Alligatoah wenig wirklich zu lieben scheint

von
Julia Lorenz
Julia Lorenz

„Lustige“ Songs sind die komplizierteste Sache der Welt, das wusste schon Frank Zappa, der bekanntlich zu den wenigen ernsthaft (und freiwillig) komischen Musiker*innen der Popgeschichte gehörte. DOES HUMOR BELONG IN MUSIC? fragte er auf seinem gleichnamigen Live-Album von 1984. Wenn man heute, fast vierzig Jahre später, ROTZ UND WASSER hört, das neue Album von Alligatoah, möchte man Zappa ins Jenseits nachrufen: No, never, bitte nicht.

Lukas Strobel, wie Alligatoah wirklich heißt, ist seit Jahren absurd erfolgreich als Klassenclown, den manche schlicht zum Bekringeln finden, manche unbedarft beim Wort nehmen – und andere dafür lieben, dass sie sich klüger fühlen dürfen als eben jene, die bei Zeilen wie „Komm’ wir gehen zusammen den Bach runter“ wirklich voll doll was fühlen.

Zu verspannt, um einfach lustiger Nonsens zu sein

Mit seinem Rap, der immer wieder gen Schlagerpop und Schweinerock schielt, parodiert Alligatoah beharrlich mehrere totparodierte Genres, was ja noch zu verschmerzen wäre – würde er nur auf ROTZ UND WASSER (immerhin auf Platz 2 der Charts!) nicht derart wirr mit Metaphern um sich ballern, dass jeder Mensch mit einem Funken Sprachgefühl einen Hirnkrampf bekommt: „Es schließt sich der Kreis, runde Sache / Wir sind ’ne runde Sache / Komm wir werden fett / Im Duett“. Das ist zu verspannt, um einfach lustiger Nonsens zu sein, funktioniert aber auch kaum als Parodie, weil dieses Entlangwitzeln an Phrasen ja nun mal wirklich zum Grundrepertoire des deutschen Humors gehört.

Überhaupt ist die Grundlage guter Parodien das unbedingte, unironische Ernstnehmen einer Sache; „It’s Gonna Be A Long Night“ von Ween ist deshalb die lustigste Motörhead-Persiflage aller Zeiten, weil Dean Ween Lemmy Kilmisters Bourbon-Speed- und Wahnsinnsnummer mit vollem Körpereinsatz nachturnt, im Rausch übertreibt, quasi zu Tode liebt. Und das erfordert Mut. Die Kunstfigur Alligatoah, das legt zumindest sein neues Album nah, scheint wenig so wirklich zu lieben – bis auf das Gefühl, der Letzte zu sein, der lacht. Was seinen Erfolg zumindest irgendwie erklärt.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 06/2022.


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