Popkolumne, Folge 142

Wir kiffen (Taylor’s Version) – Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Es gibt dieses Klischee, dass Schriftsteller*innen, also Leute, die irgendwas schreiben, sich in Hütten zurückziehen und dort dann ihren großen neuen Roman, ihr Theaterstück, ihre Musikexpress-Kolumne (hehe), ihr Drehbuch oder sonstwas „entwerfen“ oder gar komplett schreiben oder auch „beenden“. Ich denke dann sofort an Colin Firth als Jamie in „Love Actually“ (deutsch: „Tatsächlich Liebe“), der für seinen neuen Horrorschinken schön in ein (sein?) französisches Landhaus fährt und dort von der Portugiesin Aurélia bewirtet wird und sich natürlich in sie verliebt und sie sich auch in ihn. Es ist meine unliebste Storyline des Films, den ich mir in diesem Jahr trotzdem schätzungsweise zum elftausendachthundertsiebenunddreißigsten Mal ansehen werde.

Letztens erfuhr ich von mehreren Menschen, die so ungefähr der GEN-X angehören, dass sie den Film, den ich für einen (mittlerweile) absoluten Klassiker gehalten habe, gar nicht kennen, aber das ist ein anderes Thema. Ich will trotzdem noch schnell meine Lieblingsstelle sagen: Da wo gerade Keira Knightley als Juliet rausbekommen hat, dass Andrew Lincoln als Mark, der beste Freund ihres Mannes, in sie „ist¡. Jedenfalls rennt er danach so aus der Situation raus, es ist ein kalter nebliger Englandtag, er raucht seinen Atem aus und transportiert dieses Scheißgefühl der unerwiderten Liebe so gut. Er macht dann mit seinen Händen auf einer Mauer rum, „Here With Me“ von Dido setzt ein und ich hab das immer sehr gefühlt.

Warum ich ja überhaupt auf diesen Film gekommen war, war diese Schreibhüttensache, die einfach so nicht funktioniert. Falls doch, meldet euch bei mir und beweist mir das Gegenteil (mit all euren Büchern, die da entstanden sind). Man hat vor allem richtig viel Zeit und Raum für Gedanken und dann Angst, es fallen einem plötzlich so ganz viele Sachen ein, die man vielleicht auch mal „beackern sollte“, na super. Trotzdem hilft es natürlich, nicht den eigenen Haushalt um sich herum zu haben und Freunde, die was trinken gehen wollen … Hach, was trinken gehen … Aber die Welt erreicht einen nur durch den Fernseher, man frönt dem Nägelkauen, draußen und drinnen ist es düster und man hat nix zu tun … Moment mal, wie mit 14!

Es ist selten so wie bei Colin Firth mit Frankreich, Sonne und Schreibmaschine; ich zum Beispiel habe mir direkt an Tag 1 schon alles mit dem 500-Seelen-Örtchen verdorben, indem ich noch an die Stadtlautstärken gewöhnt zu meiner Begleitung in der einzigen Einkaufsmöglickeit, dem NAHKAUF, brüllte: „Hier gibt es nur Scheiße!“ Kann ja niemand wissen, dass ich das eigentlich eher positiv meinte (Sachen zum Aufwärmen und Limo, gut). Die subtile Ironie der Großstadtschnepfe kam nicht so gut an, fortan ging ich dort dann auch da nicht mehr hin.

Taylor Swift, ein Schal, Jake Gyllenhaal

Die einzige Popsache, die mich so richtig erreicht hat, war dann passenderweise Taylor Swifts 10-Minuten-Version von „All Too Well“ (eigentlich ein Song von 2012, jetzt neu aufgelegt in der angeblich originalen langen Version, wahrscheinlich haben es eh alle mitbekommen), es ging auch nicht anders, denn es war überall. Mittlerweile berechne ich die Dauer von Sachen nur noch in wie viele „All Too Well“s, die ich dabei hören kann. Und ich entdecke immer wieder neue tolle Textstellen, die mich umhauen, an denen ich ruminterpretieren kann und die mich komplett abholen. Den meisten da draußen ging es ja um den Gossipfaktor des Songs. Denn es geht in dem Lied wahrscheinlich um die Beziehung, die Swift vor über zehn Jahren mit Jake Gyllenhaal geführt hat. Und in „All Too Well“ erzählt sie, dass sie in dem Haus der Schwester der besungenen Person ihren Schal gelassen hat und jetzt sprach das Popinternet die ganze Zeit über diesen Schal und warum Gyllenhaal ihn nicht rausrücken wolle. Swift beantwortet die Frage im Song später quasi selbst, nämlich weil der Schal ihn an sie erinnern würde und das ist natürlich nur eine Hoffnung des lyrischen Ichs, ist doch wohl klar. Wenn es den Schal überhaupt wirklich gibt, weil – danke Deutschunterricht sechste Klasse – er ist eine Metapher.

Ich liebe diesen Song, weil er viel viel mehr als eine Abrechnung ist, weil es so deutlich ist, dass es eigentlich um SIE gehen soll und nicht um IHN. Darum, was ältere Typen mit ihren Spielchen jüngeren Frauen antun (Gyllenhaal war tatsächlich schon 30 und Swift 20, als die beiden zusammen waren). So erzählt sie, wie die besungene Person sie missachtet, sie aufgrund ihres Alters zurückweist, sie an ihrem 21. Geburtstag versetzt und schließlich: „And I was never good at tellin‘ jokes, but the punch line goes: I’ll get older, but your lovers stay my age“.

Und ja, auch Gyllenhaal gehört zu den Typis, die für immer Anfang 20-Jährige daten. Die Verzweiflung mit der Swift die Bedeutung der Protagonistin in die Geschichte reinschreibt, ist so krass spürbar, vor allem am Ende als es immer wieder heißt: „I was there, I was there“. Es klingt alles wie: „Hallo, ich bin ein Mensch, ich war dabei, erinnerst du dich überhaupt?“ und „Hat es dir was bedeutet, diese kleine Sache, die für mich so groß war, dass sie mich kaputtgemacht hat?“ Kennt man. Sie erinnert sich viel zu gut. Und der verdammte Schal ist die Hoffnung, dass er sich auch erinnert. Er hat ihn wahrscheinlich gar nicht mehr.

Adele und Amy Winehouse

Natürlich kam auch noch das neue Adele-Album 30 raus, aber ich werd vielleicht langsam alt, weil ich merke: Ich brauche Zeit, Leute. Ich kann so schnell nix mehr zu Alben sagen, Adeles Alben waren für mich sowieso immer sogenannte Grower, Lieblingssongs kristallisierten sich meist erst nach Jahren heraus (zur Zeit ist es zum Beispiel „Send My Love (To Your New Lover)“ vom 25-Album, das mich 2015 noch gar nicht so sehr interessiert hat). Währenddessen haben eh schon alle Leute alles gesagt, besonders hat mich die Rezension vom A.V. Club bisher abgeholt, in der genau wie ich (musikjournalistisches Genie, das ich bin) Gabrielle Sanchez die Nähe von 30 zu Amy Winehouse festgestellt hat, vor allem an deren Album FRANK fühlte ich mich auch hier und da erinnert. Ansonsten ist alles wieder sehr tröstlich und dramatisch und ich freue mich schon, euch 2025 meinen Lieblingssong verkünden zu können. Interessanterweise habe ich im deutschsprachigen Raum jetzt schon paar Mal von Musikmännern den Take gelesen, dass Adele nicht singen könne … Männliche Edginess gone crazy, Mainstreamhass schön und gut, aber blamieren müsst ihr euch deswegen nicht, Jungs. Zieht lieber mal einen durch. Und genießt dabei „Ein Abend mit Adele“, den es jetzt in der ARD-Mediathek gibt.

Apropos: Nachdem jetzt das Cannabis wirklich legalisiert werden soll, hab ich mich erinnert, an Anfang der 2000er wo das noch ein aufregendes politisches und kulturelles Thema war. Es passiert ja wirklich alles 20 Jahre zu spät immer, und so richtig schockt die viel zu späte Legalisierung jetzt auch niemanden mehr. Das merkt man unter anderem daran, wie befremdlich sich diese Kifferinszenierungen der Vergangenheit anfühlen. Wo mit riesigen Tüten in Filmen und Musikvideos noch provoziert werden konnte, wo man versuchte unerkannt ins Chillhouse zu gehen, wo ungestraft Stefan Raab nicht nur einen, sondern mindestens drei Songs übers Kiffen machen konnte und die als mutiger Humor galten. Neben „Wir kiffen!“ in mehreren Versionen (eine Weihnachtsversion zum Beispiel!), gab es auch diesen Wahnsinn, den ihr vergessen habt, mit dem ich mich jetzt aber aus dieser Kolumne schon verabschieden mag, … was ist das nur für eine seltsame Zeit gerade …:

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