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Kritik

„Biggie: I Got A Story to Tell“ auf Netflix: Das Leben von The Notorious B.I.G. umfasst mehr Geschichten als die seines Todes

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The Notorious B.I.G gilt auch mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner Ermordung als einer der meist umworbenen Artists aus dem Genre des Rap. Jedoch hat man immer häufiger das Gefühl, dass bei neuen Filmprojekten über den Rapper lediglich seiner sowie der mysteriöse Tod von West-Küsten-Legende Tupac beleuchtet werden, wodurch sein eigentliches Werk zunehmend in den Hintergrund gerät.

Der Tod von Biggie und Tupac als unerschöpfliche Geldquelle

Im Jahr 2018 wurde beispielsweise die Netflix-Serie „Unsolved“ veröffentlicht, deren erste Staffel explizit von den Morduntersuchungen der beiden Rapper handelt. Ein Jahr zuvor strahlte Fox die zweistündige Dokumentation WHO SHOT TUPAC AND BIGGIE? aus. Noch diese Woche soll der Film „City Of Lies“ erscheinen, bei der Johnny Depp und Forest Whitaker Ermittler spielen, die versuchen, die seit Jahrzehnten ungelösten Morde aufzuklären. Da kommt natürlich irgendwann die Frage auf, ob tatsächlich noch Interesse an der Person hinter Hits wie „Juicy“ besteht – oder ob ihr Tod einfach nur eine weitere, unerschöpfliche Geldquelle für uninspirierte Hollywood-Produzenten darstellt. Denn wenn die Morde nach 24 Jahren noch nicht aufgeklärt wurden, ist es durch aus im Rahmen des Möglichen, dass sie auch in weiteren Jahren ungelöst bleiben. Dadurch gäbe es zumindest genug Raum für Interpretation und waghalsige Hypothesen, die Stoff für etliche weitere halbherzige Filme liefern würden.

Emmet Malloy will die privaten Seiten des Rappers aufdecken

Diesem auffallenden Trend wollte Regisseur Emmet Malloy mit der neuen Netflix-Doku BIGGIE: DAS IST MEINE GESCHICHTE offenbar entgegenwirken. Ziel des Films war es vor allem die Aspekte von Biggies Leben und Charakter abzudecken, die der breiten Maße bisher weniger bekannt waren. Und auch wenn es zugegebenermaßen kaum noch möglich ist, etwas Neues über den King of Brooklyn ans Tageslicht zu bringen, macht die Doku einen guten Job dabei, den Zuschauer*innen die Geschichte von B.I.Gs Leben vor dem weltweiten Erfolg von READY TO DIE auszuführen.

So sehen wir einen Sean Combs, auch bekannt als P. Diddy und Mentor von Biggie, wie er von der Zeit berichtet, als der maßlose Erfolg seines Schützlings noch in den Sternen stand und dieser deshalb weiterhin hinter seinem Rücken als Drogen-Dealer auf der Fulton Street aktiv war. Interviews mit Biggies Mutter, Voletta Wallace deckten unter anderem auf, dass der damals 20-jährige Big Poppa während den Aufnahmen zu READY TO DIE in Unmut versank und extreme Angst davor hatte, dass das Projekt nicht den erwünschten Erfolg verzeichnen würde. In Bezug auf seine Kindheit erzählt sie von dem wechselnden Leben zwischen dem tristen Bedford-Stuyvesant in Brooklyn und ihrem geliebten Heimatort in Trelawny, Jamaika. Dort soll Biggies Interesse zu Musik erstmals erkennbar geworden sein, als sein Onkel ihn in die Kultur der Sound System eingeführt hat.

Exklusive Interviews mit Freunden und Angehörigen

Allerdings sind es viel mehr die Gespräche und nie zuvor gesehene Archivaufnahmen von weniger bekannten Leuten aus Biggies früherem Leben, die die Dokumentation greifbar machen und von vorrangegangenen Produktionen abhebt. Besonders interessant ist zum Beispiel das Interview mit Jazz-Saxophonist Donald Harrison, der damals im selben Bezirk wie Biggie gelebt hat. An einer Stelle beschreibt dieser Biggies einzigartiges Gespür für Reime und vergleicht seine Kadenz mit der eines Jazz-Schlagzeugs. Untermalt wird diese Behauptung durch einen Videoausschnitt von einem Drum-Solo des legendären Schlagzeugers Max Roach, über das ein Ausschnitt von einem Biggie-Freestyle gelegt wurde.

Weiterhin geben Erzählungen von alten Freunden explizite Einblicke in das düstere Leben im Drogenzentrum des Crack-verseuchten Brooklyns der 80er und 90er, in dem Big aufgewachsen ist und später als Rauschgift-Verkäufer tätig war. Digitale Kartenansichten von Bezirken und Blöcken helfen dabei, die Orte, an denen er aktiv war, zu verbildlichen und zeigen auf, wie eingeschränkt sein Radius für den Großteil seiner Jugend war. Dabei wird ebenfalls deutlich, dass Bigs kriminelle Machenschaften im Drogenmilieu vor allem den sozialen Missständen geschuldet waren, in denen er und seine alleinerziehende Mutter sich befanden.

„Biggie: I Got a Story to Tell“ weicht endlich von einem Handlungsschema ab, das sich hauptsächlich mit dem Tod der East-Coast-Legende befasst. Selbstverständlich werden Dutzende Fakten und Informationen übermittelt, die jedem Biggie-Head schon seit etlichen Jahren bekannt sind. Allerdings liefert die Doku daneben ausreichend Raum für interessante Geschichten und private Archivaufnahmen aus Biggies direktem Umfeld, die einen seltenen Blick auf den Menschen hinter der Legende bieten. Dabei wurde viel Wert darauf gelegt Biggies Versuchung, sich an das gefährliche, aber wirtschaftlich stabile Leben des Straßenhandels zu klammern, abzubilden und zu zeigen, dass seine kriminellen Ambitionen ihn beinahe eine Karriere als Weltstar gekostet hätten. Zum Ende der Doku, wie auch im 2009 erschienenen Biografie-Film zeigen Aufnahmen vom öffentlichen Trauermarsch nach seinem Tod den riesigen Einfluss, den The Notorious B.I.G. nicht auf Brooklyn, sondern auf die komplette Rap-Geschichte ausgeübt hat.

Die Dokumentation „Biggie: I Got A Story to Tell“ ist auf Netflix im Stream verfügbar.

 


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