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Vermächtnis

So groß ist der Einfluss von The Notorious B.I.G. auf die deutsche HipHop-Szene

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Vor 24 Jahren, am 9. März 1997, ist die HipHop-Legende The Notorious B.I.G a.k.a Biggie Smalls im Alter von gerade einmal 24 Jahren nach einem Drive-By Shooting in Los Angeles verstorben. Bis zum jetzigen Tag konnte der Mord an dem King of Brooklyn nicht aufgeklärt werden, wodurch die Legacy des Rappers stets von einer mysteriösen Aura umgeben ist. Zusammen mit der Westküsten-Legende 2Pac, der ein halbes Jahr zuvor unter erschreckend ähnlichen Zuständen ums Leben kam, stehen die ehemaligen Konkurrenten als Sinnbild einer Goldenen Ära und ihr früher Tod als der absolute Höhe- beziehungsweise Tiefpunkt des Kampfs zwischen Eastcoast- und Westcoast-HipHop.

Es ist nicht zu leugnen, dass Biggie einen deutlichen Eindruck hinterlassen hat, der bis heute immer noch zu spüren ist. Erst vergangene Woche wurde auf Netflix der Dokumentarfilm „Biggie Smalls: Das ist meine Geschichte“ veröffentlicht, der sich spezifisch mit dem Leben und der Persönlichkeit des MCs mit dem unverkennbaren Rap-Stil befasst. Es ist auch nichts Neues, dass Biggie, der mit bürgerlichem Namen Christopher Wallace hieß, ein gefeierter Artist in Deutschland war und ist. Aber wie sieht es hierzulande mit seinem Vermächtnis aus?

Gib´s mir richtig, ganz egal wo

Schauen wir zurück in die Zeit, als Deutschrap in den Charts noch nicht allzu verbreitet war. Als Sido noch in der Bahn saß und ohne Ticket vom Märkischen Viertel nach Schöneberg ins Studio gefahren ist. Die Rede ist vom Jahr 2002. Damals war der deutsche Produzent DJ Tomekk in der US-Szene ein gern gesehener und geschätzter Gast, der bereits mit Größen wie Jay-Z, Coolio, GZA und Lauryn Hill zusammengearbeitet hat und nun auch versuchte HipHop im deutschsprachigen Raum salonfähiger zu machen. Im September jenes Jahres veröffentlichte Tomekk im Rahmen seines BEAT OF LIFE VOL. 1-Albums die gemeinsame Single „Kimnotyze“ mit der US-Rapperin Lil Kim. Die damalige Queen of HipHop und ehemalige Weggefährtin von The Notorious B.I.G. war unter anderem auf Songs wie „Players Anthem“ und „Get Money“ des verstorbenen Rap-Stars vertreten.

Was die damalige Single mit DJ Tomekk so besonders machte, war, dass sie ausschließlich in Deutschland, Schweiz und Österreich erschienen ist. Der eindrucksvolle Club-Banger mit Ohrwurmfaktor, der unter anderem die „Sesamstraße“ sampelte, war mit der gecoverten Hook und Namensinspiration vom berühmten Biggie-Song „Hypnotize“ eine wahre Ode an den verstorbenen Rapper. Auch wenn das Lied von Kritiker*innen eher schlechte Resonanzen erntete und das Album von Tomekk auch in den Charts mit Platz 55 nicht allzu gut bei der breiten Masse ankam, erreichte „Kymnotize“ Platz 6 der deutschen Single-Charts und gilt auch 19 Jahre nach seiner Veröffentlichung als mutiger Versuch HipHop in Deutschland unter das Volk zu bringen. Der Musikexpress kritisierte den Song damals übrigens als „oberprollig und ironiefrei“, pries jedoch die „verheißungsvolle Riege an Rap-Features“ an.

Der deutsche Biggie?

Haftbefehl ist ein deutscher Künstler, der noch nie einen Hehl aus seiner Vorliebe zur Musik des Rappers aus Clinton Hill gemacht hat. Vor allem zu Beginn seiner Karriere um das Jahr 2010 herum nannte der Rapper immer wieder Biggie als große Inspirationsquelle, auch wenn sein Faible zu dem New Yorker viel mehr der Rivalität zu Haftis großem Bruder geschuldet ist, der immer ein großer Fan von 2Pac war. Im zarten Alter von 15 Jahren kam der Frankfurter erstmals in Berührung mit Biggies Musik, als er sich heimlich aus seinem Elternhaus schlich und einen Nachtclub besuchte, in dem die Musik des Rappers gespielt wurde. Von dort an ließ er sich immer wieder von den rohen Texten von Wallace inspirieren. Insbesondere die Vortragsweise auf seinem zweiten Album KANACKIS wurde von Kritiker*innen mit dem markanten Rap-Stil von The Notorious B.I.G. verglichen. Das Ganze ging so weit, dass einige Magazine Haftbefehl sogar als den deutschen B.I.G. feierten. Das Azzlack-Oberhaupt wusste es, sich diesen besonderen Status zunutze zu machen und veröffentlichte 2012 über die Internetseite Splash!Mags kurzerhand das Remix-Mixtape THE NOTORIOUS H.A.F.T. Lediglich ein kurzer Blick auf das Cover beweist, dass viel mehr Biggie bei einem deutschen Projekt nicht möglich scheint.

Auf dem 16 Tracks starken Projekt befinden sich Remix-Versionen von Haftbefehls umschwärmten Debüt-Album AZZLACK STEREOTYP mit asphaltstarken Boom-Bap-Beats von Produzenten wie Dexter, Kova, Suff Daddy und Mortis One. Auch wenn die Beats keine Originale von Biggie waren, was allein aufgrund des Kopierschutzgesetzes wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre, erinnern einige Produktionen stark an den experimentierfreudigen Biggie von LIFE AFTER DEATH. In Kombination mit Haftbefehls Flow und Schreibweise, die ohnehin einen merkbaren B.I.G-Einfluss haben, entstand mit THE NOTORIOUS H.A.F.T. eine gestandene Lobeshymne an die verstorbene East-Coast-Kultfigur aus Brooklyn. Mit einer Veröffentlichung am 24. Februar war das Erscheinungsdatum sogar überraschend nah am 15. Todestag des „Juicy“-Rappers dran. Das Mixtape bekam von Kritiker*innen mäßige bis gute Bewertungen und sorgte im Allgemeinen für nicht übertrieben viel Aufmerksamkeit. Unter treuen Fans gilt es dennoch bis heute als absoluter Klassiker eines Haftbefehls vor „Chabos wissen wer der Babo ist“. Aufgrund der hohen Nachfrage erschien das Projekt 2015 sogar als Vinyl-Auflage.

Getting mad blunted in the 600

2011 waren KC Rebell und Summer Cem noch weit entfernt von ihrem jetzigen Ruhm und Glamour. Summer Cem hatte ein Jahr zuvor über Eko Freshs Label German Dream sein Debüt-Album FEIERABEND veröffentlicht, das ihm mit Songs wie „Laser“ zwar einen Namen in der Szene verschaffen konnte, kommerziell aber keine signifikanten Erfolge verbuchte. Das Album stieg auf Platz 85 der deutschen Charts ein und verschwand eine Woche später komplett von der Bildfläche. Bei KC Rebell lief es zu dieser Zeit nicht wirklich besser. Er veröffentlichte 2011 sein Debüt-Album DERDO DERDO, das von Liebhaber*innen zwar als Meisterwerk betitelt wird, von den Charts jedoch gar nicht erst beachtet wurde. Auf diesem Album befindet sich mit „600 Benz“ jedoch ein Song, der zwei Jahre später mit einer Remix-Version mit Summer Cem für großes Aufsehen sorgen sollte und zudem einen direkten Einfluss von Biggie Smalls aufweist.

Der Beat besteht aus einem Vocal-Sample vom 1995 veröffentlichten Song „Think Big“. Auf dem Song rappt Biggie auf einem verstaubten und düsteren Boom-Bap-Beat die berühmten Zeilen: „Lyrically I’m untouchable, uncrushable/ Getting mad blunted in the 600 /Benz, ask your friends who’s the illest /Licking shots, ni**as screaming ‚Biggie Smalls tried to kill us’“. Für das Fundament von „600 Benz“ wurde die Acapella-Spur der ersten zwei Takte dieses Verses übernommen, auseinandergeschnitten und anschließend immer wieder geloopt. Später legte Juh-Dee noch ein paar simple Drums und einen unscheinbaren 808-Bass unter das Sample und das Grundgerüst eines Hit-Songs war entstanden.

Viele wissen dabei gar nicht, dass die ursprüngliche Version ein Solo-Track von KC Rebell ist. Die zwei Jahre später veröffentlichte Remix-Version befindet sich auf der Bonus-Edition seines dritten Studio-Albums BANGER REBELLIEREN, was zudem seine erste Album-Veröffentlichung unter den Fittichen von Farid Bangs Label Banger Music markiert. Außerdem stellt der Song auch die erste offizielle Zusammenarbeit von dem Duo dar, das einige Jahre später mit seiner Maximus-Reihe die deutschen Charts im Sturm erobern sollte und dessen Erfolg schon fast an die ruhmreichen Tage von JBG 2 erinnert.

Wem das Sample bekannt vorkommt, ohne viel über Biggie oder Summer Cem & KC Rebell zu wissen, der denkt vielleicht an den Pusha-T-Track „Untouchable“ aus dem 2015 erschienenen Album KING PUSH – DARKEST BEFORE DAWN: THE PRELUDE. Pusha-T samplete dafür nämlich den selben Song auf ziemlich ähnliche Weise. Nebenbei bemerkt stellt „600 Benz“ nicht das einzige Lied dar, bei dem sich die Produzenten von den beiden Maximus-Rappern an einem alten Biggie-Song bedient haben. 2014 samplete Juh-Dee das READY TO DIE-Classic „Big Poppa” für den REBELLUTION-Song „True Fucking Players“.

Flizzy, Flizzy, Flizzy can´t you see?

Doch auch in aktuelleren Produktionen ist das Vermächtnis von Big immer wieder aufs Neue zu vernehmen. Ende 2020 schockte die YouTube-Bloggerin turned Rapperin Katja Krasavice das Land wieder einmal, als sie das anzügliche Musikvideo zu ihrem Song „Million Dollar A$$“ mit dem Berliner Skandal-Rapper Fler in die Welt setzte. Und auch wenn der perfide Club-Banger beim ersten Hinhören keine direkten Ähnlichkeiten zu Big Poppa aufweist, lieferte Katja Krasavice im zweiten Teil ihres ersten Parts eine direkte Hommage an den „Dead Wrong“-Rapper. Wie bereits Lil Kim im Jahr 2002 machte der YouTube-Star dabei Gebrauch von Biggies letzter Single, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde, „Hypnotize“.

Flizzy, Flizzy, Flizzy, can’t you see? / Die Hoes stehen Schlange vor mei’m V.I.P. / Und ich trag‘ nichts unter dem Blazer / Twerk‘ auf deinem Girl und popp‘ den Champagne

Fler spielt in dem Lied zumindest in Bezug auf Biggie keine allzu tragende Rolle. Dennoch hatte er bereits im Vorhinein mehrmals verdeutlicht, dass auch er ein großer Fan von dem Bad-Boy-Rapper war und ist. Sein Alias Frank White ist direkt an Biggie angelehnt, der primär zu Beginn seiner Karriere ebenfalls unter diesem Pseudonym aufgetreten ist. Wallace ließ sich dabei jedoch vielmehr von US-Schauspieler Christopher Walken inspirieren, der für den 1990 erschienenen Film „King of New York“ in die Rolle des fiktiven Drogenbarons Frank White schlüpfte. In einem Interview mit dem Rap-Format „16Bars“ erklärte Fler 2018, dass er sich bei dem berüchtigten Fan-Kampf um die Frage 2Pac oder Biggie immer auf die Seite des Eastcoast-Rappers gestellt hätte. Seiner Meinung nach würde Biggie im Gegensatz zu 2Pac einen klassischen, krassen Rapper widerspiegeln, während der Status vom Makaveli-Rapper eher mit dem eines Propheten verglichen werden könnte.

Feelin´ better now, Gucci Sweater now

Jedoch hat Biggie Smalls nicht nur in der Musikbranche seine Spuren hinterlassen. Der New Yorker MC hatte neben Rhymes und Flows auch ein Händchen für die Modewelt. Während er zu Zeiten von READY TO DIE eher eintönige Fashion à la Baggie-Pants mit Timbaland-Boots und überweitem „Red and Black Lumberjack with the hat to match“ trug, entwickelte er im Laufe der Jahre einen Hang zu knalliger und auffälliger Designer-Mode. Dabei zählten vor allem extravagante Marken wie das fränkische Carlo Colucci und Versace zu seinen absoluten Favoriten. Mit seinen grellen und Stil-bewussten Outfits wurde Biggie im Laufe der Zeit so neben einem renommierten Rap-Star auch zu einer Art Mode-Ikone, die 1997 im grauen Anzug mit Gehstock und Hut, ganz im Mafia-Stil, sogar auf der Frontseite des „Source“-Magazins abgebildet wurde. Es ist offensichtlich, dass Biggie im Rap-Game zu den Pionieren gehört, die damit angefangen haben Mode-Marken in ihre Musik einfließen zu lassen (I’m clocking ya, Versace shades watching ya). Doch welche von diesen Modeerscheinungen ist nach 24 Jahren tatsächlich noch relevant geblieben? Und das im deutschsprachigen Raum?

Ein kratziges, wolliges Kleidungsstück, das auch ein striktes Erkennungsmal des verstorbenen Rappers ist, feierte vor einigen Jahren sein großes Comeback und wird seitdem auch gerne von deutschen Rap-Künstlern in Musikvideos und öffentlichen Auftritten getragen. Die Rede ist vom legendären COOGI Pulli. Ursprünglich verhalf Bill Cosby den bunten Wollpullis in den 80er-Jahren erstmals zu größerer Aufmerksamkeit, jedoch wurden sie erst nachdem Biggie sich mit dem auffälligen Kleidungsstück auf Konzerten präsentierte zu einem gefeierten Mode-Trend. Nach dem abrupten Tod des „Hypnotize“-Rappers 1997 verloren die Wollpullis allerdings wieder an Beliebtheit, ehe sie 2014 erneut auf der großen Bildfläche erschienen. Zwei Jahre später posierten die Hamburger Straßenbanden-Rapper Bonez MC & GZUZ im How-High-Style und in stolzer COOGI-Montur für das Cover ihres gemeinsamen Albums HIGH UND HUNGRIG 2.

Und selbst wenn die 187er und Fler nicht bekannt für ihre gegenseitige Sympathie sind, in Sachen Kleidungsstil teilen sie offenbar eine Meinung. Im Musikvideo zu seinem 2018 erschienenen Song „Keinen wie mich“ trägt Flizzy einen dieser Wollpullis mit buntem Papagei-Muster, während er rappend vor einem an der Tankstelle parkenden 3er-BMW steht. Auf dem gemeinsamen Album EPIC mit West-Berliner Rapper Jalil widmeten die beiden MCs dem modischen Kleidungsstück mit „COOGI“ sogar einen eigenen Song, auf dem Biggies legendäre Textzeile „Feelin´ better now, COOGI Sweater now“ von der Single „Big Poppa“ gesampled wurde. Und im Allgemeinen: Steckt nicht eigentlich in jeder Textzeile, in der ein 18 Karat oder Capital Bra über Versace und Gucci rappen, ein kleiner Funken B.I.G.?

 Fazit

Die oben genannten Songs und Erscheinungen sind allesamt nur kleine Indizien, die beweisen, dass der Geist und das Schaffen von Biggie Smalls auch fast ein Viertel-Jahrhundert nach seinem Tod immer noch präsent ist und eine bleibende Wirkung auf die deutsche Rap-Landschaft hinterlassen hat. Viele der Rapper, die heute ein großes Publikum an Zuhörer*innen ansprechen, sind mit Songs wie „Juicy“, „One More Chance“ und „Kick in the Door“ aufgewachsen und haben diese Eindrücke später mehr oder weniger aktiv in ihre Musik einfließen lassen. Und selbst wenn bei Rappern wie Haftbefehl der Einfluss von Biggie über die Jahre stetig abgenommen hat, lässt sich nicht verneinen, dass das künstlerische Schaffen des New Yorkers zu einem Teil von ihnen geworden ist.

Zum Schluss bleibt die Frage offen, ob die Musik des P. Diddy-Schützlings auch für die neue Generation an Rappern relevant sein wird. In Amerika sieht es zumindest so aus, als würde der Trend in die entgegengesetzte Richtung gehen. Bekannte Rapper wie Lil Xan gaben längst zu, mit der Musik von einigen HipHop-Legenden nicht viel anfangen zu können – oder die Klassiker gar nicht erst kennen. Vielleicht sollte man aber auch darüber nachdenken, ob es nicht die Aufgabe der älteren Generationen ist, den jüngeren unter uns über die Ursprünge und Geschichte des Genres aufzuklären, dass die Welt nun schon so lange fasziniert und auch weiterhin ein essenzieller Teil der populären Musikszene bleiben wird.


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