Hitparaden-Kolumne „Die da oben“

RAF Camora: So hat es der Erfolgsatze erneut an die Chartspitze geschafft

von
Julia Lorenz
Julia Lorenz

Eines der Scherz-Patterns, das gern auf dem ewigen Pausenhof bleiben darf, ist der Chuck-Norris-Witz: Vermeintliche Fakten über den US-Kampfkünstler („Chuck Norris kauft keinen Honig, er kaut Bienen“), die dessen Stärke persiflieren. Mäßig lustig, trotzdem eingebrannt ins Millennial-Hirn. Und deshalb präsent, wenn es um den österreichisch-italienischen Produzenten und Rapper Raphael Ragucci geht, der unter dem munter triggernden Künstlernamen RAF Camora mal wieder ordentlich Erfolg hat – mit ZUKUNFT, einem Album, das es eigentlich gar nicht geben sollte.

Als Ragucci nämlich merkte, dass seine bombastische Steroidversion von HipHop und Dancehall irgendwann größer als er selbst war, wollte er 2019 seine Karriere an den Nagel hängen. Der Erfolgsdruck sei zu arg geworden, sagte er kürzlich im Interview mit dem Männermagazin „GQ“. Als dann noch Corona kam und eine Beziehungskrise dazu, schlug für die Maschine von einem Mogul die große Chuck-Norris-Stunde: „Ich hab’ erst mal Business gemacht, in Wien einen Barber Shop eröffnet, eine Brand Building Agentur gegründet, ein geiles Office eingerichtet, und nebenbei mein Buch geschrieben“, erklärte Ragucci. Nebenbei fand er auf einer Reise nach Dubai die Freude an der Musik wieder und therapierte sich selbst, indem er Ratgeberbücher studierte. Easy!

Dass sein Album ZUKUNFT trotz dieses Gewaltmarschs nicht wirklich anders als sonst oder gar futuristisch klingt, sondern einfach nach seiner Paraderolle als Erfolgsatze, der selbst in Gesellschaft von Typen wie Gzuz und Bonez MC von der 187 Straßenbande (mit dem er 2016 sein Durchbruchsalbum PALMEN AUS PLASTIK veröffentlichte) vergleichsweise frei von den ganz ekligen Skandalen geblieben ist – geschenkt. Zumindest für die Fans, die das Ding kürzlich wieder auf Platz 1 der Charts gehievt haben. In den Single-Top-20 treibt er aktuell mit drei Songs sein Unwesen, „2CB“ ist sogar Chartsspitze. Denken Sie sich an dieser Stelle bitte einen Scherz dazu: Das Genre des Raphael-Ragucci-Witzes darf spätestens jetzt begründet werden.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 11/2021.


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