Highlight: Mittelmäßige Rocker und Comedians: Die Foo Fighters besitzen die Coolness von bierseligen Lehramtsstudenten

Popkolumne, Folge 29

SIDOs Deutschpop-Soße & Mitleid mit den Beatles: Die Popwoche im Überblick

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 32/2019

Was bei mir persönlich so los war? Danke der Nachfrage. Wandern im Ost-Park, viele Hörspiel-Kassetten gehört (u.a. „Gruselserie – Begegnung mit der Mörder-Mumie“, „Die Funkfüchse – Kemals letzte Chance“) und das Phantasialand besucht (51,50 EUR Eintritt – please kill me!). Der neue 4D-Coaster, also eine Achterbahn mit Virtual-Reality-Brille, war faszinierend. Möglicherweise. Bei mir liefen allerdings Bildspur (Thema: irgendwas mit Fledermäusen) und Fahrt nicht synchron. Was heißt, dass ich beim Stehen fuhr und umgekehrt. Das muss das Gehirn erstmal verarbeiten (lies: bin total verrückt geworden).

45 Minuten anstehen in einer Stroboröhre mit dünstenden Kids für den Ride. Totally worth it (not).

DIE SCHLIMMSTEN KOOPS – heute: SIDO

Diese Woche konnte man eines eher überraschenden Team-Ups gewahr werden: SIDO hat einen Song mit Monchi Fromm von Feine Sahne Fischfilet gemacht. Klingt im ersten Augenblick krass, ist in echt aber mehr so die proto-christliche Radio-Schnulze geworden, Carpe Diem und so.

Doch gerade als ich enttäuscht sein wollte, fiel mir ein, dass SIDO ja längst selbst auf diese Beschreibung (proto-christliche Radio-Schnulze) passt. Zudem scheint er ein sehr vernetzter Typ sein – zumindest zieht er übertrieben viele andere Künstler mit rein in seinen leider nicht mehr geilen Kram. Hier daher mal die 5 schlimmsten Koops von SIDO:

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05. SIDO // Ina Müller – „Der Himmel soll warten“

Oida, was soll man bei der Begegnung schon erwarten? Angenehm: In dem Ausschnitt brüllt Ina Müller zumindest nicht so hart, dass man wie sonst mal wieder das Volume auf 0,5 schalten will.

04. SIDO // Adel Tawil – „Zuhause ist die Welt noch in Ordnung“

„Und dann öffne ich diese Tür / Schau mich um und da seid ihr / Endlich bin ich wieder hier / Zuhause ist die Welt noch in Ordnung“. Ein Eskapismus-Schlager, der selbst Max Giesinger ein Spur zu anbiedernd wäre.

03. SIDO // Mark Forster – „Einer dieser Steine“

Ein Stück mit der Grinsekatze des ins Erwachsenenprogramm hochgewucherten Kindergeburtstags-Face: Mark Forster. Song zusammengefasst: „Wir sind die Wauzis / haben keine Mama / haben keinen Papa / keiner hat uns lieb!“

02. SIDO // Bushido // Peter Maffay – „Erwachsen sein“

Das hier übersteigt auch meine Möglichkeiten, Häme in Worte zu packen.

01 SIDO // Andreas Bourani – „Astronaut“

Textlich ein weiteres Stück gefühlige Neo-Deutsch-Pop-Soße. Das Elend der Welt wird diffus als Ganzes wahrgenommen – und im Nebenzimmer geparkt. Tja, man kann doch eh nichts machen! Der gemeine Hörer ist erleichtert: Hier wird er verstanden, hier kann er sein, wer er ist: ein unsolidarischer Relativist, dem alles außer ihm egal ist, der aber gern mal Anteilnahme simuliert. Na, Glückwunsch! SIDO hat daraus unzählige gemütliche Songs gemacht, ebenfalls eine Leistung.

BONUS: SIDO // Mario Barth

In dem gefloppten Kinofilm „Männersache“ von Mario Barth gönnt sich unser Protagonist auch einen Auftritt. Irgendjemand im Internet (siehe Titel des YouTube-Clips) hält das dann sogar für die beste Szene. Naja, wenn man (wie ich) auch den Rest mal gesehen hat, ist das sogar gar nicht völlig abwegig…

FABER DER WOCHE: Raus aus dem Volksmund

„Dass das eigentliche Thema total unterging, fand ich sehr schade. Ich habe das vorher schon geahnt, habe aber auch von vielen Leuten gesagt bekommen, ich sollte den Text so beibehalten, sonst wäre das Lied schwächer. Da hat es für mich dann erst den Release gebraucht, um zu realisieren: Das ist es doch nicht.“
[Faber, Quelle: taz]

Die Diskussion um den Schweizer Songwriter Faber hat in der vergangenen Woche der Indie-Szene Schnappatmung beschert. Ein Song pro Asyl, der dem Wutbürger den Schwanz in den Mund steckt? Faber selbst scheint mit diesen Zeilen auch nicht zufrieden gewesen zu sein, kassiert das Stück kurzerhand ein und gibt es in neuer Version wieder raus. Die ganze Story ist nachzulesen im Kommentar von Friedrich Steffes-lay. Mittlerweile sprach auch Faber über diesen holprigen PR-Stunt. Der „taz“ gab er ein Interview. Wer auf den aktuellsten Stand kommen möchte, schaut dort bei den KollegInnen mal rein.

Screenshot der Faber-Webseite

FILM DER WOCHE: „Geschenkt ist noch zu teuer“

Auf Netflix herrscht gerade ein wenig Sommerloch, oder? Als ob wir alle im Urlaub oder am Badesee wären. Es lebe die Computerbräune. Und um die weiter zu pflegen, weise ich auf eine sehr unterhaltsame Komödie aus dem Spielberg-Empire hin, die vielleicht nicht jeder auf dem Schirm hat. In „Geschenkt ist noch zu teuer“ von 1986 erstehen Walter und Anna (gespielt von Tom Hanks und Shelly Long) ein zauberhaftes Haus, das sich allerdings nach dem überstürzten Kauf als die Königin aller Bruchbuden herausstellt. Anleihen an klassischen Harold-Lloyd-Slapstick wechseln sich ab mit dem ewigen Drama: Was passiert eigentlich mit der Beziehung, wenn man plötzlich in die gemeinsame Wohnung zieht? Ikonisch für den Film ist dabei vor allem die Szene – Vorsicht, Spoiler – wenn die Freitreppe unter Walter zusammenbricht.

Besser als jeder Trailer daher das hier:

MEME DER WOCHE:

VIDEO-PREMIERE DER WOCHE: Schrottgrenze

Ah, endlich mal wieder die Hamburger Band mit dem schlimmsten Namen im Game dissen: Schrottgrenze. Fällt auch nicht schwer, deren Indie-Gitarren-Schrammel hat mich persönlich gerade wegen der Texte genervt. Da war mir immer viel zu viel prätentiöses Gefummel – verschachtelt mit betont smarter Attitüde, die letztlich auf Alles und vor allem Nichts verwies. Hey, ich meine, 2003 hieß eine Platte „Vaganten und Renegaten“ – ich werde schon bei der Erinnerung an diesen Titel wieder wütend! Musik für den labilen Gymnasiasten mit halb urbanem Background, der für die Ansprache von Thees Uhlmann etwas zu sensibel ist.

Irgendwann wähnte ich die Gruppe bei den Akten, bis 2017 nach zehn Jahren Pause ein neues Album erschien. Und GLITZER AUF BETON hat nun wirklich alles auf den Kopf gestellt. Sänger Alex kehrt offen schwul und in Drag zurück, das Album ist allgemein ein einziges Outing. Tja, und plötzlich hat man, wie es mir scheint, in den Texten wirklich Wahrhaftiges zu erzählen statt bloß alles Mögliche bedeutungsschwer anzudeuten. Man spürt zudem die Nervosität vor dem Schritt, den Mut, die Euphorie… Sowas macht eine außergewöhnliche Platte aus. Seitdem bin ich Fan. Hätte ich mir jetzt auch nicht träumen lassen, verratet es nicht meinem Nuller-Jahre-Alter-Ego, das sich nur über die Abgrenzung zu Samba und Schrottgrenze definierte.

Heute freue mich jedenfalls, ihr neues Video in dieser Kolumne zu premieren – Vorbote eines weiteren Albums. Die Anspannung, die GLITZER AUF BETON noch ausmachte, ist darauf hörbar dem Feiern der eigenen Selbstverständlichkeit gewichen. Man muss sich nicht mehr raustrauen, sondern ist da schon, so sieht’s aus: „Life is queer“.

DER VERHASSTE KLASSIKER: The Beatles

The Beatles
„The Beatles“
(1968)

Kann sich überhaupt noch jemand an diese Kurhaus-Kapelle erinnern? Ja, sorry, jetzt bei Folge 25 dieser epischen Reihe hier wird es wirklich langsam nischig. Da muss auch mal in den C-Topf gegriffen werden.

Also die Beatles jedenfalls, das waren vier Freunde und immer noch variierende Typen on top, die in den Medien als „der fünfte Beatle“ bezeichnet wurden. Wahlweise Manager, Produzent, Pförtner, Tourbusfahrer… eigentlich fast jeder im Showbiz der damaligen Zeit (außer natürlich Yoko Ono).

Die Karriere der Beatles besaß dabei einige Höhepunkte, das will ich nicht bestreiten. Zum Beispiel gewann England 1966 den WM-Pokal, was sicherlich auch für die sogenannten Pelzköpfe eine Freude war. Denn schließlich stammten sie aus Liverpool, dem Bitterfeld Großbritanniens. Musikalisch ist das Vermächtnis der Gruppe an einer Hand beziehungsweise zwei Fingern abzuzählen: Die Songs „Ob-La-Di Ob-La-Da“ und „Octopus’s Garden“. Joa, ich weiß, nicht so pralle, aber kann halt nicht jede Gitarren-Band total epochal abliefern. Obladingsbums befindet sich auch auf dem Diskographie-Lowlight „The Beatles“ (von Fans und Familie auch als „Das weiße Album“ bezeichnet). Immerhin!

Danach packte die Band langsam zusammen. Es war geschafft. Dass ihre Alben bis heute in den Bestenlisten von Musikkritikern auftauchen, lässt auf eine starke soziale Ader von jenen schließen. Schließlich leben einige der Gruppenmitglieder bis heute unter uns und freuen sich über den ein oder anderen Tantiemen-Dollar. Also, auch wenn’s schwer fällt aufgrund der umgekippten Schönklang-Mehlschwitze dieser Musik: Hört ruhig mal wieder in diese Combo rein. Es ist ja für einen guten Zweck.

„Mute“ drücken natürlich vorher nicht vergessen!

– Linus Volkmann („Musikjournalist“)

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.

 

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