Popkolumne, Folge 30

Keychange, Vivian Girls, Missy Elliott, Scooter: Die Popwoche im Rückblick

Eine Popwoche, die damit beginnt, dass David Berman stirbt, ist freilich eine Scheißwoche. Aber die schönsten Nachrufe sind längst geschrieben, und weil man sich ja nicht immer nur aufregen kann (zum Beispiel über den Saftladen True Fruits, der mal wieder infantile Pimmelwitz-Werbung macht), probiere ich diese Woche mal ganz was Neues: Constructive news, baby! Eine Popkolumne voll der guten Nachrichten, from me to you.

Zukunftsmusik: Keychange

Kollege Linus Volkmann und viele andere haben sich in diesem Sommer – ausgiebig und zu Recht – über mangelnde Diversität auf Festivalbühnen geärgert, über die Pimmelparade beim „Rock am Ring“ oder „Ruhrpott Rodeo“. Die gute Nachricht ist aber nicht nur, dass mittlerweile Line-ups, die noch vor einigen Jahren Standard waren, für einen Aufschrei sorgen – es spricht auch einiges dafür, dass sie bald der Vergangenheit angehören könnten. Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Initiative Keychange von der EU-Kommission mit 1,4 Millionen Euro gefördert wird. Seit der Gründung vor zwei Jahren setzt sich Keychange – damals ins Leben gerufen von der britischen Musikförderungs-Plattform PRS – dafür ein, dass bis 2022 Geschlechtergerechtigkeit auf Festivalbühnen herrscht. Das bedeutet: Festivalveranstalter, die die Absichtserklärung von Keychange unterschreiben, erlegen sich auf, es bis 2022 zu einem Künstlerinnenanteil von mindestens 50 Prozent in ihrem Programm zu bringen.

Dass die EU diese Initiative unterstützt, ist ein wichtiger Schritt. Denn einerseits wird das Prinzip Festival, das gemeinschaftliche Großevent, für den Pop immer bedeutsamer, andererseits sind Festivals ein Millionengeschäft. An dieser Stellschraube zu drehen, kann in der Musikbranche durchaus Veränderungen bewirken. Weil Plattenfirmen und Promoter in die Pflicht genommen werden, mehr Arbeit in die Förderung von weiblichen Acts zu stecken; weil das beliebte Argument, man „habe halt einfach nicht genug gute Frauen gefunden“, plötzlich nicht mehr nur ein Armutszeugnis auf persönlicher und politischer Ebene ist, sondern auch aus geschäftlicher Sicht ein Versagen. Wie provinziell viele deutsche Riesenfestivals mit Testosteronüberschuss im Vergleich zu Veranstaltungen wie dem spanischen Primavera wirken, wo in diesem Jahr erstmals die „Quote“ von weiblichen, trans und non-binären Künstler*innen übererfüllt war, ist eh augenfällig. Und wie gut die Selbstverpflichtung zu mehr Diversität Festivalprogrammen tut, wird man vermutlich auch beim Berliner Pop-Kultur beobachten können, das ebenfalls mit Keychange assoziiert ist und am kommenden Mittwoch startet.

Rückkehr der Woche: Vivian Girls

Wenn ich an meine Abizeit denke, kommt mir zuallererst „Disco Pogo“ der in jeder Hinsicht unappetitlichen Saufi-Saufi-Gruppe Die Atzen in den Sinn – dann die Vivian Girls. Der erste Song aus Gründen, die vermutlich nur verstehen kann, wer auf dem Land aufgewachsen ist und weiß, wie schnell das Musikangebot in der einzigen „Disco“ – nein, wir haben damals nicht Club gesagt – im näheren Umkreis ins Private zu strahlen beginnt. Die Vivien Girls hingegen entdeckte ich auf einer Rough-Trade-Compilation, die bis heute eine Zeitkapsel für mich ist: Mein Soundtrack für die finalen Fahrten über die heimatlichen Landstraßen, fürs kribbelige Warten auf das Danach.

Schon damals löste der scheppernde, Paisley-Underground-mäßige Sound von Songs wie „Where Do You Run To“ eine Menge in mir aus – ohne, dass ich hätte benennen können, warum eigentlich. SHARE THE JOY, das letzte Album der Band, erschien vor acht Jahren, 2014 später war Schluss mit der Band. Ein Jahr später verkaufte ich mein Auto. Nun haben meine Landstraßenbegleiterinnen den neuen Song „Something To Do” veröffentlicht, klingen mit ihrem verrauschten Chorgesang zum 90ies-Gitarrensound wie immer – und trotzdem besser als dutzende artverwandte Acts, vor allem aber: nicht so unangenehm aus der Zeit gefallen, so schlecht geblitzaltert, wie es Bands so oft tun, die vor zehn Jahren das große Ding waren. Am 9. September wird das neue, (ausgerechnet!) MEMORY betitelte Album der Band erscheinen – und ich habe immer noch kein Auto. Trotzdem: Good to have you back, girls.

Gewinnerin der Woche: Missy Elliott

Ob ein Award, der Michael Jacksons Namen trägt, nach den Debatten um „Leaving Neverland” noch immer eine unzweifelhafte Ehre sein kann, ist fraglich. Aber abseits aller Kontroverse um den King of Pop sei vermeldet: Wenn am 26. August die MTV Video Music Awards verliehen werden, wird Missy Elliott den „Michael Jackson Video Vanguard Award“ für ihr Lebenswerk erhalten. Nachdem sie 2018 als erste Rapperin in die Songwriter Hall of Fame aufgenommen wurde und seit Kurzem die Ehrendoktorwürde des Berklee College of Music führen darf, gönnen wir ihr auch diese Ehre von Herzen – nur, dass sie nicht denkt, wir hätten vergessen, dass sie uns ein neues Album versprochen hat!

Verkannte Kunst (7): Scooter – Happy Stumpfsinn wider das Checkertum

Wer den irrwitzigen, langanhaltenden Erfolg von Scooter verstehen will, sollte sich die Folge der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit“ anschauen, in der H. P. Baxxter, seit mehr als 25 Jahren das solariumfrische Gesicht der Formation, und Heinz Strunk gemeinsam durch Hamburg streunen: Einen sympathischeren Künstler als Hans-Peter Geerdes hat man in diesem Format selten erlebt. Einen, der trotz Bling-Bling-Prollkettchen und gänzlich unmöglicher Haarfarbe so unaufgeregt, bescheiden und freundlich wirkt, dass man ihn gleichzeitig seinen Sauffreunden und seiner Familie vorstellen könnte.

Eben dieses unnachahmliche Zusammenspiel von Volksnähe und Eskapismus begründet die Massenkompatibilität von Scooter. H. P. Baxxter gibt zwar den maßlosen Brüllaffen, der als Kind in einen Kessel Red Bull gefallen ist; den drei-Tage-wachen Duracell-Zeremoniemeister mit schlumpfblauer Aura, ist aber eigentlich: ein großer Gleichmacher. Denn was bei Scooter zuerst über Bord geht, ist der Sinn: Selbst alltägliche Phrasen und Fragen (wohl am ikonischsten: „How much is the fish?“) werden um ihren Gehalt gebracht, bis alles, was von der Sprache bleibt, eine Art debiles Party-Esperanto ist.

Scooter bedeutet gelebte Rave-Demokratie, happy Stumpfsinn wider das Checkertum, Extase für alle, die zu unwissend zum Ecstasykaufen sind, weil sie die Dealer vorm Club nicht von den fertigen Sauftouristen unterscheiden können – im Grunde also: Volksmusik ohne Volk.

Julia Lorenz schreibt für den Musikexpress sowie für Medien wie taz, Zeit, Zitty und tip Berlin über Musik und alles, was anfällt. Im Wechsel mit Linus Volkmann schaut sie in unserer Popkolumne auf die vergangenen Tage zurück.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.


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