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Wie The Red Hot Chili Peppers mit John Frusciante larger than life wurden – und es vielleicht wieder werden

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Es sind wohl so drei, vier Dutzend Journalist*innen, die an diesem Junitag des Jahres 2002 den Tagungssaal eines der großen Hamburger Hotels bevölkern. Notizblöcke, Kulis, ein paar Laptops, hanseatisches Understatement, gespannte Erwartung. Frontalbeschallung ist angesagt, an der Stirnseite steht eine große Musik-Anlage. Eine kurze Einführung, dann erklingen die Songs des zu bewerbenden Albums BY THE WAY. Das geht so eine ganze Weile, bis unvermittelt die Tür des Saales auffliegt und plötzlich Chad Smith dasteht, mit erstauntem Blick. Dann durchzuckt es ihn, er schmeißt sich in Pose und spielt Luftschlagzeug zum Song, unter den konsternierten Blicken der Anwesenden. Das Schauspiel dauert keine zehn Sekunden, dann verschwindet Smith wieder, knallt hinter sich die Tür zu. Als wäre nichts geschehen, als wäre das alles eine kollektive Halluzination, läuft die Musik weiter.

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Über anderthalb Dekaden zuvor, am 17. August 1985, ist im weiten Rund vor der Loreley-Bühne von St. Goarshausen am Mittelrhein niemand so recht darauf vorbereitet, was da am Abend über das Publikum kommen sollte. Wie denn auch: Killing Joke mit Sänger Jaz Coleman mögen zu Beginn des WDR-Rockpalast-Festivals ein wenig Postpunk-Ingrimm verbreiten, der Schwerpunkt jedoch liegt auf gediegenem Entertainment. Die Untouchables spielen Rhythm & Blues, The Blasters Rock’n’Roll, im Anschluss hat Chris Rea fast ein Heimspiel. Tja, und dann kommen die Kalifornier – und nicht nur den Zuschauern vor Ort klappt die Kinnlade Richtung Gürtellinie, auch zu Hause an den Fernsehgeräten fällt den Rockpalast-Guckern die Bierdose aus der Hand.

Es ist der erste Fernsehauftritt überhaupt für die Red Hot Chili Peppers, und am Ende ihres vogelwilden Sets sorgen Kiedis, Flea, Cliff Martinez und Jack Sherman für einen dieser „Wo warst du, als es passierte?“-Momente: Zuerst betritt Flea wieder die Bühne, anschließend Sherman, dann folgt der Rest der Band, allesamt splitternackt, nur mit einer Socke über dem Gemächt. Aus heutiger Sicht mag das eine Lausbuben-Nummer sein. Für damalige, öffentlich-rechtliche Verhältnisse war es durchaus in Eklatnähe, gefühlt zwischen Nina Hagens Talkshow-Masturbation und Bill Grundys Aufeinandertreffen mit den Sex Pistols. „Rock Out With Your Cock Out“: ein Rock’n’Roll-Reim für die Ewigkeit.

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Beim Hamburger Showcase ist am 7. Juni 2002 von derlei Exhibitionsgelüsten wenig zu spüren. Vielleicht ist es auf dem Dach des Technikriesen Saturn auch einfach zu windig, als die Red Hot Chili Peppers die Bühne betreten. John Frusciante sieht aus wie ein zerzauster UPS-Bote, Anthony Kiedis trägt das Logo der Dead Kennedys auf dem Longsleeve und widmet die Show dem zwei Tage zuvor verstorbenen Dee Dee Ramone. Die Aftershow beehrt die Band nur kurz, Flea macht Smalltalk in einer Art Pyjama. Womöglich ruft wieder einer der persönlichen Coaches und mahnt zu ausreichend Schlaf oder der Einnahme makrobiotischen Tees. So geschehen am Nachmittag, als sich im Gespräch mit Frusciante plötzlich die Tür öffnet, diesmal jedoch nicht etwa Chad Smith samt Airdrums ins Zimmer poltert, sondern jemand aus dem Red-Hot-Chili-Peppers-Zirkel, mit dem Hinweis, dass es Zeit für eben jenes Heißgetränk sei. Frusciante leistet dieser Aufforderung umgehend Folge.

Dies sind die zeitlichen Eckpunkte, die Pole, die Antipoden, zwischen denen sich die Karriere der Red Hot Chili Peppers abspielt, als wäre sie eine Staffel von „Dark“; voller Zeitsprünge, mit Haupt- und Nebenschauplätzen, diffusen Charakteren, die kurz auftauchen und wieder verschwinden, mit geheimnisvollen Botschaften, nie zuvor gehörten Klängen, Menschen in komischen Klamotten, mit schrägen Frisuren, Narben, Körperschmuck, mit Stars und Statisten, einige kurzlebig, andere unsterblich: hier die Pimmel-Poser, mit schmaler Brust, frei von Tattoos, dort, siebzehn Jahre später, als „Elder Statesmen“ in einer anderen Welt unterwegs. Gereift, unübersehbar abgekämpft, schon drei Jahre vor BY THE WAY, im Clip zu „Scar Tissue“, ein Verweis auf das scherbenreiche Schleudertrauma, das die vier durchgestanden haben, wie sie da mit zerbrochenen Gitarrenhälsen und angekokelten Notizbüchern, blutigen Kopfverbänden und Schürfwunden an den Armen mit einer zerbeulten Limousine in den Sonnenuntergang der kalifornischen Wüste fahren.

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Als Tony Flow and the Miraculously Majestic Masters Of Mayhem waren sie fast 20 Jahre zuvor gestartet, die Schulkumpels Anthony Kiedis und Michael Balzary, den alle nur Flea nennen.
Gitarrist Hillel Slovak und Drummer Jack Irons, beide mit anderthalb Beinen bei der Band What Is This?, die es in den Clubs und Lounges von Los Angeles bereits zu lokaler Berühmtheit gebracht hat, sind auch an Bord. Die Kräfteverhältnisse verschieben sich zügig, die Stadt der Engel hat traditionell offene Arme für Combos, die ihr Innerstes nach außen kehren. Die Säle füllen sich, der neue Name, Red Hot Chili Peppers, birgt größeres Erfolgspotenzial als der Zungenbrecher-Gimmick, ihr Crossover aus Rap, Rock und Funk tut sein Übriges: 1984, gut anderthalb Jahre später, erscheint das selbstbetitelte Debüt, produziert von Andy Gill, Postpunk-Pionier mit Gang Of Four, einer der Lieblingsbands unter den Chili Peppers. Slovak und Irons sind kurz vor den Aufnahmen ausgestiegen, um ein Jahr später wieder an Bord zu kommen; die Fluktuation im Gefüge würde sich von nun an zu einem stabilen Strang der Band-DNA auswachsen.

MOTHER’S MILK bedeutet den Wendepunkt in der frühen Peppers-Karriere

Fünf Jahre und zwei weitere Alben brauchen Kiedis und Co., dann stehen die Zeichen auf Welteroberung. Der Karrieresprung hat seinen Preis, nicht nur das Personal ist da schon zur Hälfte
durchgetauscht: Hillel Slovaks Drogensucht wird ihm zum Verhängnis, er stirbt am 25. Juni 1988 an einer Überdosis Heroin. Jack Irons erleidet einen Nervenzusammenbruch und steigt wieder aus, auf D.H. Peligros kurzes Gastspiel folgt Drummer Chad Smith, der gekommen ist, um zu bleiben. Kiedis, selbst drogensüchtig, erwägt ebenfalls, die Band zu verlassen, entscheidet sich jedoch anders. Mit John Frusciante, einem 18-jährigem Gitarrengenie, komplettiert sich das Line-up in entscheidender Weise.

MOTHER’S MILK (1989), das fünfte Album der Peppers, bedeutet den Wendepunkt. Am Vorabend der 90er-Jahre verschiebt sich das musikalische Gestirn, Alternative Rock, Indie und Grunge regieren bald MTV und damit die musikalische Welt. Die Red Hot Chili Peppers passen bestens dazu – als Universalschlüssel zwischen den Stilen, in Gestus und Look einerseits als Rockband positioniert, wagen sie andererseits den Spagat von den weißen Jungs, die angeblich nicht springen können, zum Groove der Black Community, zum feisten Funk der Urväter Brown, Clinton, Collins – ein Erfolgsmodell quer durch die Marktsegmente. Mit „Give It Away“ schließlich, vom endgültigen Durchbruchsalbum BLOOD SUGAR SEX MAGIK (1991) verpasst die Band dem angesagten Crossover-Genre seine Hymne, lange bevor der „Judgement Night“-Bus durch die Nacht zuckelt.

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Produzent Rick Rubin spielte eine entscheidende Rolle für den Erfolg dieser Platte. Dabei sah die Gruppe selbst ihn ursprünglich nicht unbedingt als die beste Lösung. „Wir hatten unsere Zweifel, ob das alles zusammenpasst. Bands wie Slayer oder Danzig mit ihren Ziegenköpfen, wo würde unser Platz da sein?“, sagte Kiedis später. „Aber dann entpuppte Rick sich als die perfekte Wahl, ein total offener, freigeistiger Typ, mit dem wir uns absolut wohlfühlten.“ Rubin tut für die Arbeit am Album einen Ort mit massig Geschichte auf: In der Mansion am Laurel Canyon Boulevard hat Hendrix bereits gewohnt, ebenso die Beatles, die angeblich dort zum ersten Mal Acid gekickt hatten. Die Chili Peppers werden später behaupten, das Haus sei von freundlichen Geistern bewohnt gewesen, die den sieben Wochen dauernden Aufnahmen, fast durchweg in völliger Isolation, ihren ganz speziellen Vibe gegeben hätten. Frusciante erzählt später gar von einer sexuellen Begegnung mit einem weiblichen Gespenst.

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Am selben Tag wie Nirvanas NEVERMIND und Soundgardens BADMOTORFINGER veröffentlicht – am 24. September 1991 – wird das Doppelalbum zwei Monate später vergoldet, aktuell verbucht es sieben Mal Platin, weltweit wurden 13 Millionen Exemplare verkauft. Fünf Singles ringt die Band der Platte ab, mit „Soul To Squeeze“ schafft es ein Klassiker in spe nicht einmal unter die siebzehn Albumtracks. Der bis dato überschaubaren Stilpalette fügt Frusciante auf BLOOD SUGAR SEX MAGIK einen zukunftsträchtigen Zwischenboden ein. Songs wie „Under The Bridge“, „I Could Have Lied“ und „Breaking  The Girl“ zeigen die Band plötzlich von ungewohnt kontemplativer Seite, retrospektiv in den Lyrics, innovativ in der Melodieführung.

Crossover? Nein, das ist etwas ganz anderes. Das fast schon traditionelle Synkopen-Geknüppel kontert Frusciante mit Gitarren-Texturen, oft so minimalistisch wie effektiv. Kleine Arpeggios, Solo-Miniaturen und gebrochene Akkorde ergeben nun das klangliche Alternativmodell im Hause Red Hot Chili Peppers. Frusciante, so wird er es 2002 in einem Interview zum Album BY THE WAY zugeben, sabotiert den eingeschriebenen Stil der Band nach seinem Gusto: „Zu Anfang war ich immer darum bemüht, Songs zu schreiben, die zum Sound der Chili Peppers passen, mittlerweile fühle ich diesen Drang überhaupt nicht mehr. Es geht mir nicht im geringsten darum, mich irgendwelchen Blaupausen früherer Alben anzupassen.“

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Frusciantes zunehmende Entfremdung wird zum Problem. „Am Ende der Aufnahmen war mir klar, dass ich aussteigen musste. So sehr ich die Studioarbeit auch liebte, alles andere wurde zu viel, zu groß. Ich wollte nicht mehr touren, das war für mich das Gegenteil dessen, was ich am Album selbst so wunderbar gefunden hatte.“ Frusciante wendet sich den Drogen zu, im Mai 1992 dann der Meltdown. Unmittelbar vor einer Show in Tokio verkündet der Gitarrist seinen Ausstieg. Tourmanager Tony Selinger kann ihn noch zum Konzert überreden, am Tag darauf fliegt Frusciante nach Hause, nach Los Angeles, wo er vollends den Drogen verfällt, erst sechs Jahre später den Entzug schafft – und zur Band zurückkehrt.

Largerthanlifeisierung dank John Frusciante

Es ist Frusciantes Mindset, dem die Band schließlich mit CALIFORNICATION (1999) ihre Quasi-Heiligsprechung verdankt, jene nur ausgesuchten Acts vorbehaltene Largerthanlifeisierung. Mitte der Dekade hatte das nicht unbedingt danach ausgesehen. Mit Dave Navarro, dem Ex-Gitarristen von Jane’s Addiction, verbuchte man nach Arik Marshalls Zwischenspiel zwar namhaften Ersatz. Der Spirit der Songwriting-Sessions – weniger Jams, mehr Stillarbeit – verschiebt den Sound ebenso wie Navarros unüberhörbar rockigere Sozialisation. ONE HOT MINUTE (1995) klingt 25 Jahre danach in weiten Teilen einnehmender als zur Zeit seiner hypothekenschweren Entstehung. Eine verzögerte Rezeption, der CALIFORNICATION (1999) gar nicht erst anheimfällt, Songs wie „Otherside“, bereits erwähntes „Scar Tissue“ oder „Road Trippin’“ werden schnell Teil des alternativen American Songbooks.

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Mit STADIUM ARCADIUM (2006) hat die Band noch ein Album in dieser Besetzung unterm Gürtel. Drei Jahre danach streicht Frusciante erneut die Segel, will sich auf sein Schaffen
als Solist konzentrieren. Sein Nachfolger Josh Klinghoffer macht einen respektablen Job, steigt 2012 als jüngstes Mitglied in die Rock And Roll Hall Of Fame auf. Auch wenn die folgenden Alben I’M WITH YOU (2011) und THE GETAWAY (2016) bestenfalls solide geraten, scheint die Strahlkraft der Band ungebrochen, vielleicht auch, weil sich in ihr unverändert Widersprüche und Brüche spiegeln, zwischen Introspektive und Exhibitionismus immer noch alles möglich scheint: fernöstliche Tees und Model-Freundinnen, löchrige Wollpullis und Designer-Anzüge, Drumduelle mit Will Ferrell, nackt neben James Corden, Rückzug ins Private, Rückkehr auf die Rampe, verschrobene Soloalben und ja, auch das Altern im Pop als kontinuierlich zu bekämpfende Kontradiktion. Dennoch: Wie Flea da in der Punkväter-Doku „The Other F-Word“ unter Tränen von seiner Tochter schwärmt, zeigt dann letztlich, wie weit weg die ollen Pimmelsocken, die albernen Nebenrollen in Actionfilmen und auch die Drogen-Eskapaden sind, und dass statt Blood und Sugar und Sex und Magik mittlerweile eben auch Blutzucker, Liebe und Makrobiotik die Themen sind.

Einerseits.

Andererseits pocht da immer noch dieses dunkle Herz in der Brust. Und das würde es zu gern noch einmal, nur noch dieses eine Mal erleben, wie es ist, wenn die Schallmauer durchbrochen
wird, der Gipfel erklommen, der Mond, der Mars, der Saturn betreten wird. Wer über die Formel dafür verfügt, ist allen bekannt: John Frusciante. Und so wartet diese Heldengeschichte möglicherweise auf eine weitere Pointe, eine weitere Klimax. Ende 2019 ist der verlorene Sohn erneut zurückgekehrt, hat Josh Klinghoffer seinen Platz auf der wieder einen Namen länger gewordenen Ahnentafel eingenommen, ruhen die Hoffnungen – mal wieder – auf John Frusciante. Der kalifornische Traum, er ist noch nicht zu Ende geträumt.

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Dieser Artikel erschien erstmals im ME 09/2020.

 


Red Hot Chili Peppers: Neues Album mit John Frusciante fast fertig
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