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Popkolumne, Folge 113

Mine, Monster-Trash, Memes und meine Mutter: Linus Volkmanns Popwoche im Überblick

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

LOGBUCH Kalenderwoche 18/21

Habe meine legendäre Mutter (Carola Maria) getroffen. Wir sind jetzt beide geimpft, um endlich Deutschland für euch wieder aufzubauen (Erinnerungen an unsere Zeiten als Trümmerfrauen wurden wach). Zum Eis essen allerdings hat es bei allem damit einhergehenden Optimus (Aufschwung, The Wirtschaftswunder) aber noch nicht ganz gereicht.

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: Mine

Es muss 2017 gewesen sein, es lief bei meinem Freund diese Platte, die ausschließlich aus Pärchen-Schlussmach-Stücken besteht, früher im Metal hätten wir zu sowas „Konzept-Album“ gesagt – bei Mine und Fatoni hieß sie ALLE LIEBE NACHTRÄGLICH. Mit der darauf folgenden „normalen“ Platte KLEBSTOFF bin ich dann auch „normaler“ Mine-Fan geworden. Bei jener sind dieser Tage nun gerade ziemliche Festwochen, das jüngste Album HINÜBER ist vergangene Woche erschienen und diesen Montag konnte man sie auch noch im Live-Stream von Danger Dan am Klavier sehen – für dessen Platte DAS IST ALLES VON DER KUNSTFREIHEIT GEDECKT sie die Streichersätze komponiert hat. Doch als ob es all diese beflissenen Journo-Aufhänger brauchen würde, um die grundsympathische Wassermann-Frau aus Schwaben um ein Gespräch bitten. Mine ist eine der Künstlerinnen, die wirklich was zu sagen haben. Na, dann… los.

Foto: Simon Hegenberg

Deine neue Platte entstand im vergangenen Jahr, ist also ein Pandemie-Produkt, wie lief das so?

MINE: Dadurch, dass ich quasi gar keine Live-Konzerte 2020 hatte, kam ich tatsächlich in einen sehr intensiven Flow mit meiner Arbeit an der Musik. Ich bin meist total früh aufgestanden, weil ich überhaupt nicht still halten konnte, sah mich um halb acht morgens bereits am Klavier sitzen und habe teilweise bis nachts um zwei dann weiter an dem Material produziert.

Deine Musik mag kein HipHop sein, aber es gibt wieder Berührungen mit dem Genre, auf dem Stück „Audiot“ hast Du Crack Ignaz und Dexter als Gastrapper. Welche Rolle spielt für Dich die Diskussion um Sexismus in Rap-Texten? Wie tangiert Dich sowas?

MINE: Ich weiß noch, als „Lutsch Mein Schwanz“ von Kool Savas rauskam und totaler Hype war, da war ich ungefähr 14 und kann sagen, dass ich das kacke fand. Ich habe mich richtig angegriffen gefühlt von solchen Texten. Damals war das Internet ja ziemlich neu und vieles drehte sich um Porno in der jüngeren Generation. Das allein hat der eigenen Intimität schon so eine Erwartungshaltung aufgedrückt – und dann lief auch noch so ein Scheiß bei allen.

Und wie ist das heute mit Dir und Rap? Aufgelöst hat sich toxische Männlichkeit dort ja bis heute nicht.

MINE: Ich glaube, dass man ab einem gewissen Punkt Acts einfach nicht mehr hören kann. Also so geil ich die neuen Beats von SSIO und Xatar finde, ich kann’s mir einfach nicht reinziehen, da rollen sich halt die Fußnägel hoch.

R.I.P.: NICK KAMEN

Es gibt in der Cartoonreihe „Egon Forever“ einen One-Panel-Gag, der so beliebt ist, dass dessen Schöpfer davon regelmäßig Aufkleber drucken lässt. Eine Figur übergießt sich mit Frittiertem und singt „I Pommes Myself“. Lustig, wobei ich mir sicher bin, nicht jeder könnte den Song abrufen, der dem Witz zugrunde liegt. Er bezieht sich auf den größten Hit von Nick Kamen, „I Promised Myself“, und stammt noch aus dem fernen Jahr 1990. Nick Kamen war Model und in den Achtzigern von Madonna auch als Sänger entdeckt und gefördert worden. 1986 erschien sein Debüt-Stück „Each Time You Break My Heart“. Diese Woche verstarb er mit 59 Jahren an Krebs.

FILM DER WOCHE: „Love And Monsters“

In meiner vorherigen Popwochen-Ausgabe habe ich mich über „LOL – Last One Laughing“ ausgelassen. Das ist eine Sendung, deren hiesige Variante darauf fußt in sechs Folgen zu beweisen, dass bei deutschem Humor der Spaß aufhört. Das haben Teddy-Ultras, Bully-Herbig-Apologeten und Paola Irmschler zum Anlass genommen, um mir digital den Acker zu salzen. Heute will ich beim Thema Serie beziehungsweise Film daher auf jeden Fall ein wenig mehr Konsens, man kann ja nicht jede Woche vor Gericht erscheinen, gerade jetzt wo auch das Wetter wieder besser wird. Also, was liegt da näher als ein frecher Spielfilm aus dem fernen Amerika?

„Love And Monsters“ ist ziemlich neu auf Netflix und eine schöne Allegorie auf den Lockdown: Die Menschen müssen sich nach drinnen zurückziehen, weil mutierte Kleinlebewesen (allerdings eher Echsen denn Viren) ihnen sonst den Kopf abbeißen – oder Schlimmeres. Aus Liebe verlässt ein tollpatschiger Nerd-Held dennoch seinen Bunker, er will seine High-School-Flamme finden. Das macht ihn, wenn man die Allegorie weiterspinnt, zu einem mutigen Corona-Maßnahmen-Übertreter, der zum Schluss von der Story auch noch Recht dafür bekommt. WTF?! Beim unheiligen Brüggemann, soweit wollte ich das Bild nun wirklich nicht treiben! Belassen wir es doch besser so: „Love And Monsters“ ist ein freundlich bubblegum-iger Endzeit-Film mit viel Charme und noch mehr Monster-Trash.

NEUE MUSIK DER WOCHE (I): EGOTRONIC

Es gibt Leute, die glimmen nicht bloß ein wenig, sondern stehen lichterloh in Flammen. Aufregender Zustand, klar, allerdings auch einer, der schwerlich von Dauer sein kann. Bei Torsun Burkhardt allerdings scheint diese Einschränkung einfach nicht zu gelten, denn jener kippt nun schon seit 20 Jahren Benzin in seine Kunst beziehungsweise das Projekt Egotronic. Im Juli erscheint das zehnte Album STRESZ und ein Vorbote daraus ist bereits diese Woche zu hören: „Nadel verpflichtend“. Impfen als Thema, Corona-Leugner als Feindbild – und das alles inklusive eines Videos, das (Vaccin-)Bomber über Dresden fliegen lässt. Kuschelig und altersmilde wirkt das jetzt nicht gerade. Burn, baby, burn!

NEUE MUSIK DER WOCHE (II): BABSI TOLLWUT

Eine der Rap-Artists der Jetztzeit. Babsi Tollwuts Texte verbinden das Lebensgefühl „Attacke“ mit sehr persönlichen Momenten. Heftig, politisch, nahbar, nie ohne Witz. „Analyse und Genick“ rekurriert wie „Nadel verpflichtend“ von Egotronic an einigen Stellen ebenfalls auf die neue Unmenschlichkeit, die sich selbst als „Corona-Maßnahmen-Kritik“ inszeniert. Babsi Tollwut ätzt diese ganze Camouflage des neuen (und diesmal um die Grundrechte) besorgten Bürgers mit diesem voluminösen Stück einfach weg. Doch der Blick des Songs geht weit über Aluhut-Spezialisten hinaus und schaut genau hin auf all die neuen und alten reaktionären Gruppierungen. Musikalisch erinnert das teilweise sogar an Crossover, ist also eine kleine Postkarte auch aus den 90ern. Am 20. Mai erscheint die dazugehörige EP „Rapisoden“, jetzt aber eben erstmal das hier.

FANZINE DER WOCHE: DRACHENMÄDCHEN #14

Die Funktion von Fanzines – also von kleineren Heftchen mit geringer Auflage im Selbstverlag – hat sich völlig gewandelt. Zumindest erlebe ich es so. Früher haben mich dort die Infos, Konzertempfehlungen und all das Geheimwissen über Bands aufgescheucht. Diese Rolle hat heute natürlich längst das Internet inne. Impulse und Stress zieht man sich digital. Ein analoges Fanzine, das ist dagegen kein direktes Kommunikationsmedium mehr, eher ein Verschnaufen im Alltag. Man kann höchstens mit Kuli und für sich selbst kommentieren und es dreht sich thematisch auch nicht alles um die dauernde Empörung.

Das Drachenmädchen kommt einem dabei weit entgegen. Hier herrscht eine gute Grundstimmung und textlich scheint alles möglich, ohne dass man dafür erstmal all das Uninteressante und schlecht Geschriebene aufwendig wegsieben müsste. Nö, das hier ist einfach eine Sammlung hübscher kleiner Beiträge. Zum Beispiel geht es um Lieblings-Alben von Musiker:innen, als diese 18 waren – oder ein weiteres Listicle: „Fünf Dinge, die ich früher nicht mochte, heute aber abfeiere“. Wen solche Rubriken nicht interessieren, der muss doch zen oder verstorben sein.

Ebenfalls viel Charme besitzt die Geschichte, wie eine vom Lockdown gebeutelte Band sich im Winter draußen im Industriegebiet traf, jeder zerrte dabei zum Abholen rausgestellte Weihnachtsbäume hinter sich her, damit man ein Feuer machen konnte. Doch was passiert eigentlich, wenn Nadelbäume brennen? Dank dieser Story weiß ich es jetzt.

Drachenmädchen ist zu beziehen über www.myruin.de.

PODCAST DER WOCHE (#05): Das war vor Jahren – Tocotronic Werkschau

„Hey, da wird einfach mal stundenlang über eine einzelne Platte von Tocotronic geredet!“

Natürlich besitze ich die Phantasie, dass so eine Aussage den einen oder die andere nicht dazu bringt, unmittelbar rechts ran zu fahren und in eine Tüte zu atmen. Mir allerdings ergeht es genau so. Wenn Christian Ihle vom taz-blog und sein Gefährte Motorhorst Bayreuth sich mit fränkischem Zungenschlag und einer obszön ausagierten Nerd-Attitüde der weißen Platte von Tocotronic nähern, dann ist das für mich 169 Minuten (!) Podcast-Porn. Insidertalk, grumpy Gossip, Abschweifen ohne Ende. Wer diesen zauberhaften Podcast (übrigens schon der dritte über Tocotronic und sie sind erst beim weißen Album von 2002) ebenso zu schätzen weiß, kann mich übrigens jederzeit anrufen zum Plaudern. Wir haben garantiert viel gemeinsam, oder wie es in diesem Kontext hier heißen muss: „Wir könnten Freunde werden“.

MEME DER WOCHE

https://www.instagram.com/ilona_hartmann/

DER VERHASSTE KLASSIKER: DER SCHUH DES MANITU

Natürlich gibt es auch Gutes über Michael „Bully“ Herbig im Jahre 2001 zu berichten: Beispielsweise hat er kein Flugzeug in ein Hochhaus gelenkt. Davon abgesehen hat er allerdings das Humorverständnis eines ganzen Jahrzehnts ruiniert wie sonst nur al-Qaida und George W. Bush. 2001 erschien „Der Schuh des Manitu“. Dass Schwulsein in der Comedy auch im neuen Jahrtausend bedeutet, als eine für Heteros aufbereitete Lachnummer dargestellt zu werden, das wird das letztlich als das größte „Verdienst“ des „Münchner Ausnahmeregisseurs“ (Fix & Foxi #492) in die Geschichte eingehen. Hei-ti-tei my ass.

P.S.: Über „(T)Raumschiff Surprise“ ließ ich mich bereits an anderer Stelle aus.

 

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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