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Interview

Rag’n’Bone Man im Interview: „Die Leute sollen mich nicht für ein One-Hit-Wonder halten“

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Junge Künstler*innen, die durch die Veröffentlichung eines Hit-Songs schlagartig berühmt werden, haben oft Probleme damit, diesen Erfolg über längere Zeit aufrecht zu erhalten. Dieses Phänomen ist nicht erst seit Zeiten von Viralität, TikTok und Co. bekannt. Bands und Sänger*innen wie The Proclaimers, Alannah Myles und Vanilla Ice hatten schon früher massive Probleme damit, an ihren einstigen Erfolg anzuknüpfen. Viele dieser Künstler*innen werden Jahre nach ihrem Erfolg nur noch als One-Hit-Wonder betitelt.

Der enorme Erfolg von „Human“

Auch Rag’n’Bone Man sah sich mit dieser Problematik konfrontiert. 2016 wurde er mit der Veröffentlichung seines Songs „Human“ zum Weltstar. Die mitreißende Single konnte in mehr als 15 Ländern die Chartspitze stürmen, wurde mehrfach gecovert und wurde zudem in etlichen Werbefilmen und Filmprojekten platziert. Es folgten eine Welttournee und dutzende TV-Auftritte, doch musikalisch blieb es zunächst eine ganze Weile still um den britischen Sänger mit der herzergreifenden Stimme.

Alles andere als eine Eintagsfliege

Fünf Jahre nach dem Riesen-Erfolg folgt nun endlich das zweite Album von Rag’n’Bone Man. Mit LIFE BY MISADVENTURE will er auch den letzten Kritiker*innen das Maul stopfen und endgültig beweisen, dass er alles andere als eine Eintagsfliege der Musik-Industrie ist. Wir haben mit Rag’n’Bone Man, der mit bürgerlichem Namen Rory Charles Graham heißt, gezoomt und mit ihm über die Entstehung des neuen Albums und den Druck, der durch einen Welt-Hit anfällt, gesprochen.

Musikexpress.de: Hi Rory, Wie geht es Dir?

Mir geht es wirklich gut, danke. Die Dinge fangen langsam an ins Rollen zu kommen und es fühlt sich sehr gut an, nach all der Zeit endlich wieder Musik an die Leute zu bringen. Es ist toll, wieder zurück bei der Arbeit zu sein.

Wie waren die vergangenen Jahre für Dich? Musikalisch war es recht still, obwohl der Erfolg von „Human“ auch fünf Jahre nach der Veröffentlichung noch spürbar ist.

Mein Leben war nach der Veröffentlichung von „Human“ nie wieder dasselbe. Plötzlich macht deine Welt eine krasse Kehrtwende und jeden Tag passiert etwas neues Aufregendes. Es waren drei bis vier verrückte Jahre, vollbepackt mit Touren und der Möglichkeit, die Welt zu sehen, indem man einfach das macht, was man liebt. Irgendwann musste ich mir aber eine Auszeit nehmen. Ich wollte nicht dieselbe Platte zwei Mal machen. Deswegen hat es etwas gedauert herauszufinden, was ich wirklich wollte.

Hatte der Erfolg von „Human“ auch seine negativen Seiten?

Ein paar wenige, aber das gehört dazu. Vor allem am Anfang ist es mir sehr schwergefallen, dass die Leute mich überall erkannt haben. Ich habe mit der Zeit jedoch gelernt, dass es etwas ist, womit man in meiner Position klarkommen muss, denn es wird nicht einfach aufhören. Auch wenn ich es immer noch nicht so toll finde, wenn die Leute morgens um 9 Uhr ein Foto von mir wollen. (lacht)

Der Druck der entsteht, wenn das Debüt durch die Decke geht, hat schon viele Newcomer*innen vor Probleme gestellt. War das auch einer der Gründe, wieso es so lange gedauert hat, das neue Album aufzunehmen?

An sich habe ich nur in der Hinsicht Druck verspürt, was das Label von mir erwartet. Das musste ich dann hinten in meinem Kopf vergraben, ansonsten hätte ich einfach nur probiert, Songs zu machen, die radiotauglich sind. Als das dann geklappt hat, war auch kein wirklicher Druck mehr da. Es ging mir wirklich primär darum, Songs zu machen, auf die ich in zehn Jahren zurückschaue und stolz sein kann.

Als Du HUMAN aufgenommen hast warst Du auf dem Weg ein Weltstar zu werden. Als Du LIFE BY MISADVENTURE aufgenommen hast, warst Du bereits einer. Hattest Du das Gefühl, einen Ruf verteidigen zu müssen?

Für mich war wichtig, dass die Leute mich nicht für ein One-Hit-Wonder halten. LIFE BY MISADVENTURE ist ein Projekt und nicht nur einfach das nächste Album. Natürlich kommt ein gewisser Druck von Leuten, die einfach nur Hits wollen, aber als Musiker muss man seiner Vision treu bleiben und das machen, was einem gefällt.

Du hast Dich auch nach außen hin stark verändert. Du hast Dir mehrere Gesichts-Tattoos stechen lassen. Wie kam es zu diesem Entschluss?

Das Erste Face-Tat, das ich mir habe stechen lassen, war ein Tribut an meinen Sohn. Danach dachte ich mir: „Jetzt hast du eh schon eins, also kannst du dir auch noch mehrere machen lassen“. Manche Menschen fühlen sich dadurch auf merkwürdige Art und Weise angegriffen, aber ich denke, wenn jemand ein Problem damit hat, ist es ihres und nicht meins.

Der Einfluss von Soul & Blues und HipHop ist auf diesem Album nicht so stark zu vernehmen, wie auf vorherigen Projekten. Liegt das daran, dass Du Deinen eigenen Sound kreieren wolltest?

Definitiv. Natürlich liebe ich Blues- & Soul-Musik, aber ich höre auch gerne Singer & Songwriter wie Paul Simon, John Lennon und Elton John. Ich habe mich dieses Mal mehr an anderen Inspirationsquellen orientiert. Außerdem hatte ich die Vorstellung von einem organischen Album, das nicht überproduziert ist. Wir haben alles ja auch live eingespielt.

Wie kam es dazu? In Zeiten, in denen Mainstream-Musik meist digital und genauestens getaktet ist, ist das mittlerweile (leider) eher unüblich.

Diesen Ansatz hatten wir schon immer verfolgt, aber dieses Mal wurden wir dazu noch in diese Situation gedrängt. Wir sind nach Nashville, USA geflogen, wo wir für drei Wochen ein Studio gebucht haben, um das Album aufzunehmen. Genau zu dieser Zeit ist leider auch die Pandemie ausgebrochen, weswegen wir gezwungen waren, zwei von diesen drei Wochen in Quarantäne zu verbringen. Als dann insgesamt nur noch sechs Tage übrig waren, mussten wir kreativ werden.

Das klingt nach Stress. Wie ist das Ganze dann abgelaufen?

Wir sind schon früh morgens ins Studio gegangen und haben alles aufgebaut. Uns war klar, dass der einzige Weg, dieses Album in so kurzer Zeit fertig zu kriegen ist, es als Band zu spielen und aufzunehmen. Es wurde zum Schluss auch wirklich eng. Den letzten Song haben wir am Tag vor unserer Abreise aufgenommen.

Wie würdest Du diese Situation rückblickend beurteilen?

Man hat den Zeitdruck auf jeden Fall gespürt. Gleichzeitig war es aber eine tolle Erfahrung, weil der Druck dazu geführt hat, dass alle, die am Projekt beteiligt waren, durchgehend ihr Bestes gegeben haben. Es gab kein Wenn und Aber. Für Niemanden.

Die Musik-Szene in Nashville boomt. Stars wie Julien Baker und Hailey Williams nehmen ihre Musik ebenfalls dort auf. War das auch einer der Gründe dafür, dass es Dich in die Staaten gezogen hat? Deine früheren Projekte sind ja alle in UK entstanden.

Das hat sich während des Schreibprozesses vom Album ergeben. Ich habe die ersten sieben oder acht Songs bei mir zu Hause geschrieben. Irgendwann war ich aber an einem Punkt, an dem ich mich uninspiriert gefühlt habe. Deswegen haben wir uns entschieden, nach Nashville zu fliegen, um dort die restlichen Songs zu schreiben.

Ihr habt im Studio von Mike Elizondo aufgenommen, richtig?

Ja, das war wirklich cool. Wir haben Mike in einer Writing-Session in Nashville getroffen und er hat sofort eingewilligt, das Album zu produzieren. Für mich war das eine wirklich große Sache. Er ist ja schließlich einer der größten Produzenten aller Zeiten. Sein Tonstudio hat mich komplett aus den Socken gehauen. Wenn du ihm erzählst, dass du einen bestimmten Drum-Sound von Black Sabbath oder das Keyboard von The Stranglers magst, hat er es da. Die beeindruckende Menge an Studio-Equipment, kombiniert mit seinem Wissen – das ist wahrhaft faszinierend!

Beim Hören von LIFE BY MISADVENTURE entsteht der Eindruck, dass Du um einiges erwachsener geworden bist.

Zwischen HUMAN und diesem Album ist in meinem Leben sehr viel passiert. Ich habe die Welt bereist und habe ein Kind bekommen. LIFE BY MISADVENTURE beschreibt diesen Prozess des Erwachsenwerdens. Ich würde es jedoch mehr als eine Zeitlinie beschreiben, denn es geht auch um Themen aus meiner Vergangenheit und wie ich mich momentan in meiner Position als Vater fühle. Der Job des Vaterseins kommt auch mit Zukunftsängsten daher, die auch ihren Platz in diesem Werk gefunden haben. Das Gesamtkonzept ist aber definitiv erwachsener als frühere Projekte von mir.

In der Single „Anyway Away From Here” mit Pink singst Du darüber, dass es Dir von Zeit zu Zeit immer noch schwerfällt, Dich anzupassen und das alles zu schwer wird. Bist Du denn in der Musik-Industrie angekommen?

Ich bin der Meinung, dass ich es mittlerweile verdiene. Zuvor habe ich mich immer gefragt, in welche Spalte der Pop- und Mainstream-Industrie ich hineinpasse. Und oft kam es mir so vor, als ob es diese Spalte nicht gibt. Dadurch habe ich mich häufig unwohl gefühlt und das ist auch, worum es in „Anyway Away From Here” geht. Mittlerweile fühle ich mich nicht mehr so. Dieses Gefühl wollte ich aber trotzdem noch mal aufgreifen und verarbeiten.

Wieso hattest du das Gefühl, nicht hineinzupassen?

Es war das Zusammenkommen von mehreren Dingen. Ich war lange Zeit im Untergrund der Musik-Industrie tätig und habe mich dementsprechend auch als Untergrund-Künstler gesehen. Als ich dann die Möglichkeit hatte, einen Schritt weiter zu gehen, war ich mir unsicher, ob ich in diesen Dimensionen dazugehöre. Außerdem ist der Glitz & Glamour, der häufig so wichtig gesprochen wird, einfach nichts für mich. Du wirst mich nie auf irgendeiner Celebrity-Party treffen. Mich interessiert so ein Mist nicht. Deswegen kam es vor allem am Anfang häufig vor, dass meine innere Stimme mir gesagt hat: „Bro, du gehörst hier nicht her“.

Im Musikvideo zur Single „All You Ever Wanted“ existiert ein Schild, auf dem „Roubens Café“ steht. Was hat es damit auf sich? Ist das eine Anspielung auf Deinen Sohn?

Wow, da hat jemand gut aufgepasst! Ich mag es, hier und da kleine Schnipsel einzuwerfen, die meinen Sohn später daran erinnern werden, dass diese Musik oft von ihm handelt. Er ist mit drei Jahren noch etwas zu jung, um das zu lesen. Aber wenn er älter ist, wird er es bestimmt verstehen.

Also besteht die Möglichkeit, dass Du eines Tages ein Café mit Deinem Sohn eröffnest?

Man weiß nie. Ich bin zumindest ein sehr guter Koch. (lacht)

In einem älteren Interview hast Du mal darüber gesprochen, dass es Dir unglaublich viel Inspiration und Selbstbewusstsein gibt, wenn Du auf der Bühne die positiven Reaktionen Deiner Fans siehst. Wie schwer ist es für Dich, dass das schon so lange nicht möglich ist?

Es hat eine lange Zeit gedauert, bis ich mich wirklich wohl auf der Bühne gefühlt habe. Mittlerweile bin ich an einem Punkt, wo es mir unglaublich viel Spaß macht. Dass einem das dann einfach weggenommen wird, hat mich sehr traurig und wütend gemacht. Ich glaube aber daran, dass wir dieses Jahr noch für einige Tagebuch-Einträge sorgen können. Es sind einige Dinge in Planung. Ob sie am Ende stattfinden, ist natürlich die andere Frage. Ich kreuze aber die Daumen und Zehen, dass wir bis September endlich wieder Live-Shows spielen können.

Das Album ist gerade erschienen. In diesem Sinne hast Du Deine Arbeit vollendet. Was sind von hier an Deine Pläne für die Zukunft?

Ich will meinen Fokus darauflegen, eine atemberaubende Live-Show auf die Beine zu stellen. Nicht nur die Musik soll passen, sondern das Gesamtpaket der Performance. Ich habe viel Arbeit in das Artwork vom Album gesteckt. Dieses Artwork will ich auf die Live-Show projizieren und hoffe damit eine Art immersive Erfahrung zwischen Musik und Kunst zu kreieren. Wenn es schon so lange dauert, bis wir wieder performen können, will ich den wartenden Fans auch die bestmögliche Erfahrung liefern.

Rag’n’Bone Man zweites Studio-Album LIFE BY MISADVENTURE ist am 07. Mai 2021 erschienen.


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