Gedanken zum Gegenwärtig*innen

Spooky Season: Warum „Wednesday“ auch nur eine Verherrlichung der Vergangenheit ist

von
Julia Friese
Julia Friese

Drei Beobachtungen:

1. Stranger Teenie

Angst vor der Gegenwart führt zur Verherrlichung der Vergangenheit, schrieb der Kunstkritiker John Berger 1972 in seiner Abhandlung über das Sehen und Wahrnehmen von Kunstwerken „Ways of Seeing“. Der 1994 geborene Betterov besingt in seinem nach einem Berliner Kulturkaufhaus benannten Song „Dussmann“ die Sehnsucht nach seinem Geburtsjahr: „Tarantino gewinnt drei Oscars für Pulp Fiction / Jetzt läuft der Film nachts auf RTL II / Damals war’s die Nacht der Nächte / heute ist es nur noch irgendeine.“ In der man wahrscheinlich „Wednesday“ guckt.

Die von Tim Burton netflixisierte, also angeteenagerte, vercliffhangerte und liebesbedreieckte Neuauflage der „Addams Family“ (1938), in der Tochter Wednesday nun Teenager ist und aufs Internat geht. Obligatorisch beim Netflixisieren ist der gute, aber an der Oberfläche der Genres kratzende Pop-Soundtrack. Bei dem immer gilt: Wenn es nebelig und nostalgisch mit einer Nuance „vorausahnendes Unheil“ wirken soll, wird Roy Orbinson gespielt. Ebenfalls obligatorisch: der Schulball inklusive Tanz. Letzterer geht gerade auf TikTok – ursprünglich mal eine App für Tanz-Playback, nun sind Tänze dort aber fast nischig – viral. Zu The Cramps‘ „Goo Goo Muck“ (1981) tanzt die nie blinzelnde Wednesday selbstbewusst ausgeführte alberne Posen, ganz wie einst Uma Thurman in „Pulp Fiction“.

2. Krankenpfleger*innen heißen jetzt Gesundheitspfleger*innen

Thurman alias Mia Wallace trug wie Wednesday dunkle Haare und einen Pony. Denn enigmatische, wenige Gefühle zeigende weibliche Figuren müssen, so will es der männliche Blick, im Film dunkelhaarig und am besten auch noch blass sein, wie Enid Coleslaw in „Ghost World“ (2001), wie Faith in „Buffy“ (1998) und wie Daria und Jane in „Daria“ (1997). Neben den Enigmatikerinnen dürfen als Kontrastmittel dann blonde, gefühlsbetonte – also als „normal“ gesetzte – Frauenrollen auftreten. Bei der monochromen Wednesday handelt es sich um einen farbenfrohen Werwolf. Es ist 2023 und wir hantieren mit Schablonen älter als Betterov. Neu ist immer nur der Remix.

So gilt es als neu, wenn eine künstliche Intelligenz, wie die der App Lensa, aus ein paar Selfies und den Bildern des Internets, „neue“ Bilder von einem macht, die aussehen wie alte Grafiken oder Sci-Fi-Comics. Um ein neues Bild von psychischen Erkrankungen zu bekommen, wurden sie als Thema umbenannt. Mental Health ist das Positiv-Antonym-Rebranding, das eine Auseinandersetzung mit „psychischen Krankheiten“ ermöglichen soll, die an sich offenbar immer noch zu sehr nach „Durchgeknallt“ (1999, mit Angelina Jolie und Winona Ryder) klingen. Beide Schauspielerinnen waren – gemeinsam mit Christina Ricci – vor zwei Jahrzehnten die optisch idealen Besetzungen für den Archetyp: enigmatische, weil wenig gefühlsduselige „andere“ Frau.

3. Tanz auf weißer Fragilität

In all dem einzig frisch daherkommend ist die amerikanische Late-Night-Talkshow „Ziwe“, die man in Ausschnitten auf TikTok gucken kann. Die Schwarze Satirikerin Ziwe Fumudoh lädt Popstars wie die weiße Phoebe Bridgers ein und fragt sie, ob sie eigentlich ein Ally, also eine Verbündete gegen Rassismus sei. Bridgers sagt ja, und muss es dann aber noch mal direkt in die Kamera sagen: Ja, ich bin ein Ally.

Was folgt, ist ein Virtual-Signaling-Contest, der für Weiße nicht zu gewinnen ist. Natürlich nicht! Bridgers scheitert an der Ally-Keks-Dose voller Schwarzer Keksmännchen. Sie beißt ihnen nach Aufforderung vorsichtigst den Arm ab. Und Ziwe hebt tadelnd den Zeigefinger: Na, na! Blackness is not for your consumption! Eine Talkshow wie ein cringy Fragenparcours durch die Gegenwart. Ein so gutes, ein verbindendes Fremdscham-Schaudern.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 02/2023.


Ruhe, Ruhe, kein Ringen: Jan Müllers Nachruf auf Musiker Kristof Schreuf
Weiterlesen