Popkolumne, Folge 153

STILL T.I.R.E.D. – Paulas komplett kranke Popwoche (Superbowl-Spezial)

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Juhu, ich hatte „es“, das berühmte Virus aus der Zeitung. Zwei Jahre nachdem es rausgekommen ist, habe auch ich mir die aktuelle Version gesichert: Omikron satt. Sieben Tage lang hatte ich jeden Tag eine neue Überraschung an Symptomen und sang dabei mal weniger, mal mehr enthusiastisch meinen mir auserwählten Genesungssong und das war der hier:

Nicht so kämpferisch wie man jetzt vielleicht erwarten würde, aber man wird doch auch nachdenklich, melancholisch, gar demütig, wenn man diese Scheiße hat. Habt ihr auch einen Quarantänesong (gehabt)? Vielleicht einen, der sich noch besser als Durchhalteparole eignet? Schreibt ihn in die Facebook-Kommentare! Die nächste Infektion kommt bestimmt.

Ich musste dann auch unweigerlich daran denken, wie das vor zwei Jahren anfing, weil jetzt hatte ich ja „endlich“ das, vor dem wir uns 2020 so radikal versteckten. Es war schon komisch: Als ich mit meinen Freunden damals im Lockdown war, gab es in der Stadt, in der wir uns befanden, 11 (elf) aktive Fälle. Darüber kann man jetzt nur weinen. Und ich habe noch was wiederentdeckt: ein paar Folgen „Fest & Flauschig“ vom Anfang des Lockdowns, die superschlecht gealtert sind und in denen es einige, aus heutiger Sicht, sehr niedliche Aussagen gibt, wie (Gedankenprotokoll):

  • “Es wird nicht das Schlechteste aus den Leuten hervorbringen.”
  • “Wollt ihr jetzt wirklich alle Brot backen?”
  • “Vielleicht hattest du es ja schon.”
  • “Ich glaub’ nicht, dass Xavier Naidoo jetzt rechts wird.”
  • “Spätestens am Donnerstag wird das richtig anstrengend mit den Kindern.”

Naja. Damals dachte man auch noch, man müsse nur vulnerable Gruppen (vor allem „Omas“) schützen und hat noch wie das letzte Arschloch Leute fotografiert, die „immer noch“ auf der Straße waren. Naja, in meinem Fall war alles (dank Impfe) erträglich. Zum Glück gab es genug Serien und Arbeit, und zack, da war die Isolation auch schon wieder vorbei. Müde bin ich zwar immer noch, aber gespürt, dass ich noch am Leben bin, habe ich Dank der:

Superbowl-Halftime-Show

Einmal im Jahr tun einige Deutsche so, als interessierten sie sich für American Football, bestellen bei Burger King, hängen sich USA-Wimpel in die Stube und schlagen zu beim Pepsi-Cola-Sixpack-Angebot im Lidl. Schnell werden dann noch bei einer der langweiligen deutschen Sport-Webseiten die Regeln nachgeguckt, damit man nachher labern kann und dann GEILGEILGEIL, geht es los. Ich gucke wie jeder normale Mensch natürlich einfach die Halftime-Show am nächsten Morgen auf YouTube. Und… Ach du meine Güte, was war das denn? Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ihr sie noch nicht gesehen habt, here you go:

So, und jetzt müsst ihr sie noch so zehn bis achtzehn Mal gucken, dann seid ihr auf meinem Stand.

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Dieses übertriebene weiße Pult. Dres bescheidene und dann doch wieder überlegene Ausstrahlung. Dre und Snoop Dogg im Duo, die gleichzeitig wie süße Opas und bescheuerte Jungs aussehen. Diese liebevoll gestaltete Kulisse, die Detailverliebtheit. Die tollen Tänzer*innen, Musiker*innen, diese perfekt orchestrierte Show, bei der man bei jedem Mal ansehen was Neues entdecken kann. Dieses Line-Up: Dre, Snoop Dogg, 50 Cent, Mary J. Blige, Kendrick Lamar, Eminem, Anderson Paak und, irgendwie auch immer anwesend, 2Pac. Ich werd bekloppt, so gut ist das alles. Und on top kommen noch die ganzen subtilen bis deutlichen politischen Statements.

Dass HipHop als schon ewig erfolgreichste Musikrichtung überhaupt erst 2022 der Headliner der Halftime-Show sein darf, ist natürlich eh unfassbar. Dementsprechend „spät“ fühlt sich das alles auch an, es ist vor allem eine nostalgische, melancholische Rückschau gewesen und hier und da auch eine Wiedergutmachung für Versäumnisse in der Vergangenheit.

Geschichtsvergessenheit zeigten zum Beispiel die Reaktionen auf 50 Cents Performance. Der begann seinen Auftritt zu „In Da Club“ von der Decke hängend, wie damals im Musikvideo. Das kannten aber zu viele nicht (mehr) und machten sich darüber lustig oder sagten, er habe „einen auf Spiderman“ gemacht. Boah, haltet mich zurück! Andere rätselten, mit welchen Tricks man das überhaupt hinbekommen hätte, er sei doch wohl zu alt, um sich mit eigener Kraft hoch- und wieder runterzuhieven. Es tauchten nachher jedoch Videos auf, die bewiesen: Doch, doch, er kann’s noch. 50 in da house! An alle kulturlosen Internetkids, bitte sofort nochmal nachgucken:

Und dann war da noch das:

Wie bitte? Snoop Dogg raucht Gras?

Zum Glück musste die „New York Post“ dafür schon bezahlen und würde mit genug Häme überschüttet, so dass ich hier jetzt nicht noch mal nachtreten muss.

Und dann war da noch der unglaubliche Auftritt von Kendrick Lamar, der seine Black-Lives-Matter-Hymne „Alright“ performte. Aus unerfindlichen Gründen fehlt die Zeile „We hate po-po“ („po-po“ = police) – ob’s Zensur war oder Kendrick sie selbst rausgelassen hat, weiß keiner. Die ganze Performance ist trotzdem genug eindrucksvoll und wäre so vor ein paar Jahren noch nicht vorstellbar gewesen. Die NFL hat immer wieder antirassistische Statements unterbunden oder versucht zu unterbinden, allen voran die „Kniegeste“, die, bekannt geworden durch Quarterback Colin Kaepernick, seit 2016 ein Zeichen gegen strukturellen Rassismus in der USA ist. NFL Media gegenüber sagte der damals:

“I am not going to stand up to show pride in a flag for a country that oppresses black people and people of color, to me, this is bigger than football and it would be selfish on my part to look the other way. There are bodies in the street and people getting paid leave and getting away with murder.”

Nachdem es in den vergangenen Jahren immer wieder Kontroversen und Boykotte wegen dieser Geste gab, hat sie Eminem in diesem Jahr durchgezogen und das ganze 90 Sekunden lang, während Dre erst 2Pacs „I Ain’t Mad At Cha“ anspielt und dann zu „Still D.R.E.“, dem Finale übergeht. Dre lässt sich natürlich nicht die Zeile „Still not loving police“ nehmen, was die NFL angeblich vorher zu verhindern versucht hatte.

Eminem hatte sich schon in „Like Home“ (2017) unterstützend gegenüber den Protesten positioniert:

“So much, got a sprained neck, know we would rise up
Against this train wreck and take a stand
Even if it means sittin‘ when they raise the flag
To sing „The Star-Spangled Banner“

Das alles ist umso mutiger, wenn man sich anguckt, womit diese Halftime-Shows mal angefangen haben, und zwar mit dem übelsten Patriotismus. Ich hab mir also die letzten Tage so gut wie alle Auftritte der letzten 30 Jahre angeguckt und hier ist jetzt mal meine vorläufige Top 10.

Die Top 10 der Super-Bowl-Halbzeitshows von 1991-2022

Platz 10: 1991

Es ist wirklich nicht zu fassen und deswegen muss es in diese Liste. Diese Disney-World-Show hat wirklich „alles“: Creepy Disney-Kostüme, geschminkte Kinder, die „den Truppen“ danken, die New Kids on the Block und noch mal dreisteste Kriegspropaganda mit den Bushs: „Tonight the real heroes are protecting peace in the Middle East.“ Es ist alles wie in einem Fiebertraum, aber wahr. Paar Wochen später trat Donnie Wahlberg übrigens bei den American Music Awards mit einem „War sucks“-T-Shirt auf.

Platz 9: 1998

Motown-Spezial mit The Temptations, Smokey Robinson, Martha Reeves, Queen Latifah und BoyzⅡMen. Obwohl ich großer Fan von letzteren bin, haben die mit ihrem stimmungskillenden „Mama“-Song einen höheren Platz versaut. Sehr unangenehm, sonst alles toll.

Platz 8: 2009

„It’s crazy that there was a football game at a Bruce Springsteen concert“, hat jemand in die Kommentare geschrieben und es ist genau das.

Platz 7: 2007

Die Halftime-Show von Prince gilt für Viele als die beste. Ich will eigentlich nicht widersprechen, aber trotzdem haben mir ein paar andere noch besser gefallen. Schön ist auch die Sache mit den Foo Fighters, deren Song „Best Of You“ Prince hier gecovert hat. Sie wussten vorher nichts davon und es schien wohl eine Art Rache gewesen zu sein, weil sie mal einen Prince-Song („Darling Nikki“) gecovert haben und ihm das nicht gefallen hat. Hehe.

Platz 6: 2004

 Es ist ein Jammer, dass wegen weniger Sekunden am Ende die ganze gute Performance in den Schatten gestellt wurde. Aber diese Sekunden gingen als „Nipplegate“ in die Geschichte ein und Janet Jackson wurde nicht nur geslutshamed (Justin Timberlake als Verursacher hat hingegen kaum Probleme bekommen), sondern auch boykottiert. Dabei ist es wirklich eine super Show gewesen und neben Jackson und Timberlake waren noch Jessica Simpson, P. Diddy, Nelly und Kid Rock dabei.

Platz 5: 1993

Michael Jackson steht erstmal eine Weile lang nur so da und selbst da rasten alle schon aus. Am Ende natürlich Kinderchor und Weltfrieden.

Platz 4: 2012

Völlig drüber, wie es nur Madonna kann. Nicki Minaj und M.I.A. als Cheerleader (!).

Platz 3: 2001

Was für eine unglaubliche Kombination: Aerosmith, Britney Spears, NSYNC, Nelly UND Mary J. Blige. Aber es funktioniert perfekt.

Platz 2: 2022

Hier noch mal nur Kendricks Performance, weil man sie nicht oft genug sehen kann.

Platz 1: 2016

Da wurde man einfach allem gerecht, deswegen ist das vielleicht die Superbowligste Show überhaupt. Familie, Hippietum, one world, Love, die alten Disneygefühle bei Coldplay, Party mit Mark Ronson und dank Beyoncé und Bruno auch Geld, Sex und Politik. Das epische Battle zwischen den beiden mit der perfekten Kameraführung ist sowieso einer der größten Showmomente aller Zeiten. So rund hat sich keine Halftime-Show sonst angefühlt, so satt war man noch nie.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

Screenshot New York Post
ME

Eminem und Snoop Dogg veröffentlichen gemeinsamen Song
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