Hirnflimmern

Take Me Home: Was Frank Zappa mit Countrysänger John Denver gemeinsam hat

von
Josef Winkler
Josef Winkler

Und? Wo waren Sie am 13. Oktober 1997? Na? Ich weiß es noch genau – also nicht, wo Sie da waren, keine Angst. Aber ich. Jedenfalls kann ich es rekonstruieren. Am 13. Oktober 1997, einem zumindest in den englischen Midlands nieseligen Montag, fuhr ich mit dem Linienbus von der University Of Warwick, wo ich einen Freund besuchte, in die nahegelegene Kleinstadt Leamington Spa. Es war ein sympathisches, ja: noch nachgerade schnuckeliges England, in dem man sich gern aufhalten mochte.

Kein Brexit, kein Farage, kein Johnson weit und breit, dafür „Cool Britannia“ und Britpop auf dem Siedepunkt: 1997 waren bereits OK COMPUTER, URBAN HYMNS, die erste Travis, die dritte Oasis und die fünfte Blur erschienen – neben Wagenladungen von heute vergessenen Platten. Und in vielen dieser CD-Booklets steckte ein Inlay-Zettel mit irgendwelchen Merch-Infos sowie einer Postadresse in Leamington Spa als Kontakt. Immer diese gleiche Adresse in Leamington Spa. Der Name hatte für mich einen seriösen Britpop-Beiklang, und wo ich jetzt schon mal in der Nähe war … Ich fand dann keine besonderen Hinweise auf Britpop in Leamington Spa.

Kein Brexit, kein Farage, kein Johnson weit und breit, dafür „Cool Britannia“ und Britpop auf dem Siedepunkt

Dafür verbinde ich den Ort seither mit einer erschütternden Nachricht, die mich just dort aus einer Zeitung ansprang – dass nämlich der Countrysänger John Denver tags zuvor beim Absturz mit seinem Kleinflugzeug gestorben war. Und den hatte ich sehr gemocht, den John Denver, seit frühester Kindheit und einer elterlichen MC. In der Tat war ich schon öfter kurz davor, hier meinen lebenslangen soft spot für John Denver zu offenbaren, aber immer kam mir thematisch was anderes griffiger vor; so auch diesmal: Würde es nicht mehr „hergeben“, dass mein Sohn, 9, neuerdings 80er-Hairmetal fetzig findet und Videos von Twisted Sister schaut? Vor denen ich selbst seinerzeit noch ein bisschen Angst hatte, weil Dee Snider gar so crazy aussah. Aber dann lief morgens „Annie’s Song“ im Radio, ich nahm es als Zeichen PRO Denver.

Wie war das noch, der hatte ja damals 1985 neben Frank Zappa beim Kongress-Hearing zu den Zensurbemühungen von Tipper Gores „Parents Music Resource Center“ (PMRC) ausgesagt, die einen Kreuzzug gegen Sex, Gewalt, Drogen, Okkultismus und sonstigen Schmutz in Pop und Rock führten. Und zum Erstaunen aller, die ihn für einen All-American Doofie hielten, der natürlich die Zensurmuttis unterstützen würde, hielt Denver eine legendär gewordene Rede pro Kunst- und Meinungsfreiheit.

Gibt’s doch sicher auf YouTube? Ich tippe „John Denver PMRC“ ein – und unter den ersten fünf Suchergebnissen grinst mich in einem relativ neuen Video Dee Snider von Twisted Sister an! Der ja – jetzt fällt’s mir wieder ein! – damals neben Zappa und Denver der 3. Zeuge bei diesem Hearing war. Und er erzählt, es sei ein „regret“ in seinem Leben, dass er danach nicht zu John Denver hinging, um ihm die Hand zu schütteln. Ja, das hätt ich auch gern mal gemacht.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 12/2022.


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