Popkolumne, Folge 184

Für mehr Tokio Hotel & Coldplay: Über das überfällige Ende der Distinktion

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Na Moin, ihr von Hitze geplagten Leutchen in Ost und West! Kennt ihr das? Man schlägt das Internet auf und da hat schon wieder irgendjemand verlautbaren lassen, dass er irgendwas ja schon immer scheiße fand und das soll dann Leute interessieren? Hereinge”schneit” zur neuen Popkolumne! Diesmal zum Thema: „Das letzte Aufbäumen der Distinktions-Heinis“.

Das letzte Aufbäumen der Distinktions-Heinis

Für ebenjene Heinis ist es nicht nur wichtig, wo man in der Popkultur steht, sondern wo man schon immer gestanden hat, und das ist auf der coolen Seite. Schon bei ihrer Geburt wussten sie, was sich schickt! „Cool“ ist ja ein Wort, das mittlerweile zum Glück nichts mehr gilt, genauso wie „hip“ oder „in“. Angesagt. Bei den coolsten, hipsten, innesten Leuten war natürlich das angesagt, von dem sie dachten, es sei eben nicht cool, hip oder in, dabei ist ja immer schon alles die gleiche Suppe, die gleichen Ergebnisse der Popindustrie, nur manchmal ein bisschen kleiner, ein bisschen größer, ein bisschen bunter, ein bisschen leiser, ein bisschen vergessener, ein bisschen höher in den Charts. Deswegen galt zum Beispiel Indie mal als authentisch, R’n’B aber nicht, weswegen ich irgendwann Mitte der Nuller aufgehört habe, letzteres zu hören, obwohl es halt die beste Musik ist. Aber wir gingen zu der Zeit halt in so einen Studentenclub, und da galt weiße-Männer-Musik als die einzig richtige Musik. Und „Distinktion“ ist natürlich auch nur ein Wort, das ich von den Studentenclubheinis gelernt habe.

Erst später habe ich lernen müssen, dass es NOCH komplizierter ist mit der vermeintlichen Authentizität. Und da sind wir mal kurz bei Coldplay, sorry. Aber die waren ja zuletzt in Deutschland auf Tour und POLARISIERTEN mal wieder. In der Mainstream-Pop-Radio-Viva-Welt, aus der ich komme, galten Coldplay sehr lange als indie, rockig und irgendwie alternativ. Erst als ich in die hiesige Musikkritikerwelt kam, wurde ich damit konfrontiert, dass man die Band uncool finden muss. Hä, wieso das denn? Ach, man muss stattdessen Tocotronic mögen? Na gut, das nahm ich dann halt auch noch mit. Bis heute konnte mir das Coldplayproblem von den Hatern niemand verständlich erklären, auch andere Männerbands haben in Stadien gespielt, auch andere Männerbands haben mit ihrem Musikstil herumexperimentiert, auch andere Männerbands waren in den Charts und so weiter. Heute hab ich es natürlich begriffen, weil ich so klug bin: Bands wie Coldplay sind zu weibisch, zu bunt, zu soft – nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich – und vor allem werden sie von zu vielen Frauen gemocht, die Konzerte sind voll mit ihnen, barrrgh, wie soll man da noch in Ruhe saufen, rülpsen, furzen (Spaß, ich weiß, wir alle tun es)?

Coldplay werden von den gleichen Leuten gehasst, die Mädchen und junge Frauen anlabern oder im Internet bloßstellen, weil sie Männerband-Shirts tragen. Dabei ist die Unterstellung natürlich immer: Das Mädchen kann mit seinen Mädchenohren die Genialität der Band gar nicht erfassen, ergo: nicht kennen. Sie lügt! Will sich schmücken mit der Band! Will Aufmerksamkeit! Im Gegensatz zu den 50-jährigen Männerfans, die keine Aufmerksamkeit wollen, wenn sie den ganzen Tag über ihre Lieblingsband reden und ihr Merchandise kaufen! Es geht dabei um Bands wie Nirvana, die Rolling Stones oder Led Zeppelin, deren Songs heute quasi Schlager sind, die einfach jeder kennt. Und jede!

Ein weiteres Problem für viele Männerfans ist, dass es Leute gibt, die die Band zu einem späteren Zeitpunkt entdecken als sie selbst.

Es gab kürzlich diese geile Szene in „Stranger Things“, die ihr mittlerweile alle kennt:

Eddie spielt „Master of Puppets“, den Metallica-Song aus dem Jahre 1986. Nachdem schon Kate Bushs „Running Up That Hill“ durch die Verwendung in „Stranger Things“ zurück in sämtliche Charts kam (alle Medien berichteten), ereilte das gleiche Schicksal nun auch diesen Klassiker. Die Band fand es super, viele Fans auch, einige aber nicht so. Ausverkauf! Diese erfolgreiche Band wird in einer erfolgreichen Serie gespielt, nun kann jeder Lump Metallica hören … so wie vorher … nicht? Und dann auch noch Kinder! Die waren doch 1986 gar nicht dabei!!! Die sind ja teilweise erst zwanzig Jahre später geboren worden, wie uncool kann man sein??? Man kann natürlich missgünstig und affig sein. Oder man freut sich einfach, dass Leute sich an anderer Musik freuen, so wie in diesem bezaubernden Meme dargestellt.

Und Metallica selbst äußerten sich auch so lieb.

Das hier ist der Sommerhit 2022

Kommen wir nun zum dritten Beispiel und vor allem zum – endlich! – Sommerhit 2022.

Diesen unglaublichen Superhit hat niemand kommen sehen und er ist so perfekt von vorn bis hinten, dass ich niemals in Erwägung gezogen hätte, dass man nicht sofort davon umgehauen ist. Und auch die Kombi Kraftklub & Tokio Hotel macht für mich komplett Sinn, weil wir alle Ossis sind und die Kaulitz-Brüder und paar von Kraftklub wie ich zur Class of 1989 gehören, mir erscheinen diese beiden Bands also so nah, dass ich eh gedacht hätte, sie kennen sich. DOCH DIE AUFREGUNG IN DEN SOZIALEN NETZWERKEN WAR GROSS. Auch wieder was mit Ausverkauf, unauthentisch, peinlich, „Jetzt reicht’s, ich storniere meine Albenvorbestellung!!!“ und so weiter. Moment mal, Kraftklub sind mehr Indie als Tokio Hotel??? Najaaaaaa, ein bisschen weniger Geld mögen sie haben, ein bisschen weniger in L.A. wohnen, ein bisschen weniger in der „Gala“ stattfinden und das alles. Aber spielen Kraftklub nicht auch auf riesigen Bühnen, sind in den Charts und so? Hä?

Aber ich hatte vergessen, was für krasse Reflexe Bill Kaulitz auslöst, schon immer ausgelöst hat. Dass Tokio Hotel Mitte der Nullerjahre die krassesten Hater hatten und auch deswegen aus Deutschland wegziehen mussten. Und jetzt geht es darum, dass die authentische Männerband Kraftklub (wofür sie nicht so viel können, aber sie werden so gesehen) nun verdorben wurde durch den FAKEN Bill Kaulitz. Denn da wo Schminke ist, wo Glitzer ist, wo High Heels sind, da wird es oberflächlich, da wird es blöd, da wird es weiblich und falsch, das verdirbt die Musik, wohingegen eine Band, in der alle Hosenträger tragen, real und bodenständig ist. Na gut!

Kraftklub und Tokio Hotel reagieren souverän; sowohl in der aktuellen Podcastfolge „Radio mit K“ (mit Steffen Israel und Felix Kummer), als auch bei „Kaulitz Hills“ (da sind Israel und Kummer bei den Kaulitz-Brüdern zu Gast) thematisieren sie den Hass und reflektieren auch darüber, wo dieser herkommt. Außerdem sind sie so schlau, dass sie wissen, dass auch der ganze Hate zu Verbreitung führt, also machen sie das beste draus, Chapeau!

 

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Ich hasse natürlich wie viele auch diese dumme Frage danach, ob wir denn aktuell keine anderen Probleme hätten, aber es wird immer offenkundiger: Wir haben andere Probleme als das Überlegen, welche Musik zu konsumieren einen denn besonders interessant macht. Das ist alles vorbei, der Beschluss ist raus, wir genießen ab sofort. Ich sehe euch auf dem Coldplay-Tokio-Hotel-Mary-J.-Blige-Festival meiner Träume, KOMMT FAHRT MIT MIR, IM 4 MAL 4!

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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