Kommentar

Warum Popstars jetzt eben doch über Politik sprechen sollten

Die Kritik kam fast genauso schnell wie das Soli-Konzert selbst zustande: Nur Minuten nach der Ankündigung, dass beim „Wir sind mehr“-Konzert in Chemnitz am 3. September nicht nur Casper und Marteria, sondern auch Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet, K.I.Z, Nura (SXTN), Trettmann und, als Headliner des Minifestivals, Die Toten Hosen auftreten würden, folgten erste Gegenstimmen. Ein Tenor, auch danach: Schön und gut, dass sowas nun auf die Beine gestellt würde, aber doch bitte erstens nicht bl0ß mit den üblichen Verdächtigen und zweitens ohne die nervigen Hosen, diese Mainstream-Moralapostel!

Nein, es müssten andere Mainstream-Acts aus der vermeintlichen Mitte Popdeutschlands her: Wo sind die Helene Fischers, Andrea Bergs, Max Giesingers und Andreas Bouranis, wenn man sie und ihre Reichweite mal wirklich braucht? Und, ganz am Rande: Wie wäre es, wenn sich gar Bands wie die Böhsen Onkelz und Frei.Wild, deren Fans mutmaßlich eine größere Schnittmenge mit besorgten Bürgern haben, konkret gegen den teilweise offen zur Schau gestellten Rassismus, Fachismus und die all das unterstützenden Bündnisse, Gruppierungen und Parteien positionieren würden? Immerhin beteuern diese Bands ja mittlerweile, dass ihnen das friedliche Zusammenleben am Herzen liege.

Als dann, wie durch ein Wunder (oder eben durch den erkannten Ernst der Lage in Deutschland), die über Politik, Privatleben und jede Form von eigener Meinung stets schweigende Helene Fischer ein für ihre Verhältnisse klares Statement veröffentlichte und auf ihren Konzerten wiederholte, und als fast gleichzeitig Max Giesinger ein „Imagine“-Cover als Kommentar zur Lage der Nation postete und Mark Forster immerhin Bilder aus Chemnitz mit dem Hashtag #wirsindmehr auf Instagram teilte, war vermehrt von anderen Kommentaren zu lesen: Ein Hashtag verändere nicht die Welt, all diese Stars sprängen nun bloß auf einen Zug auf, Pop und Politik gehörten nicht zusammen, Feiern und Nachdenken auch nicht, solche Sachen eben. Zuletzt sprach sich mit Richard Ashcroft sogar ein (britischer) Musiker gegen die vermeintliche Instrumentalisierung von Pop und der eigenen Bekanntheit aus: Künstler sollen sich auf der Bühne auf das beschränken, wofür das Publikum sie bezahle – auf Unterhaltung.

Warum Popmusiker gerade jetzt eben doch über Politik sprechen dürfen und sollten

Pop und Politik gehören für viele Hörer und einige Künstler nicht zusammen. Doch in Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall. Im Jahr 2018 lässt sich beides gar nicht mehr voneinander trennen. Mal außen vor, was unter dem Deckmantel des Pop und dessen Spielarten Rock, Punk und Rap schon alles zu Weltpolitik wurde: Heutzutage kann selbst jemand wie Lana Del Rey kein Konzert geben, wo und für wen sie möchte.

Als Del Rey nämlich im August einen Auftritt beim „Meteor“-Festival in Israel ankündigte und ihre Pläne damit verglich, dass auch nicht jeder in den USA auftretende Musiker Donald-Trump-Unterstützer sei, hagelte es neben Unterstützung auch harsche Kritik. BDS-Befürworter Roger Waters, Hetzer hinterm Schutzschild einer Weltkarriere, reagierte auf Del Reys Entscheidung unter anderem mit einem Zitat des Menschenrechtlers Desmond Tutu: „If you are neutral in situations of injustice, you have chosen the side of the oppressor.” Del Rey, die während ihrer Reise auch für palästinensisches Publikum singen wollte, entgegnete: „I read your statement about taking action even when you believe in neutrality. I totally understand what you’re saying and this is my action.” Da ihre Pläne so kurzfristig nicht umsetzbar gewesen seien, hat Del Rey ihren Auftritt beim „Meteor“-Festival schlussendlich doch abgesagt. Man darf auch davon ausgehen, dass ihr die Kritik an ihrem Auftritt politischer wurde, als einem Pop-Weltstar, der wahrscheinlich bloß singen will, lieb sein kann.

Daraus leiten sich zwei Prämissen ab: Wenn die Handlungen von Musikerinnen und Musikern politisch sind oder sein können, können es auch ihre Worte sein. Sie müssen nichts sagen, tun es indirekt aber sowieso, dürfen es also gerne auch direkt tun. Zudem: Wenn ein Weltstar wie Waters spricht, braucht es andere Weltstars, die dagegen sprechen. Im Politischen, Privaten und Popkulturellen darf man den Rechten nicht das Feld überlassen.

Stoppt die Mitläufer

Zurück nach Deutschland: Spätestens jetzt, nach Chemnitz, Köthen, AfD vs. Schlecky Silberstein und Co., ist Schweigen keine Option mehr. Wir erleben gerade keinen Rechtsruck, sondern eine Zeit, in der die hässliche Fratze des Rassismus wieder auf der Straße zu sehen ist. Eine Zeit, in der Parolen und Gewalt(-androhungen) als Reaktion auf Fake News für manche Leute sinnvoller erscheinen als Diskussionen und Argumente.

Wie erklärte es der hervorragende Stand-Up-Künstler Moritz Neumeier neulich so treffend in einem seiner Video-Kommentare? Erst zitiert er all die Relativierer und buchstäblichen Mitläufer: „Es haben doch nicht alle Teilnehmer auf der Demo Migranten verfolgt, Journalisten bedrängt, den Hitlergruß gezeigt“. Dann antwortet er ihnen: „Nein, nicht alle. Das war ein kleiner Teil dieser Gruppe – und der Rest hat dabei zugeguckt. Du bist vielleicht kein Nazi, aber du bist mitmarschiert und hast zugeguckt, das ist nicht besser. Unrecht geschieht auch durch Mitlaufen. Du musst nicht die Faust sein. Es reicht, dass du die Umgebung bist, die diese Faust aufprallen lässt.“

Wenn hier zufällig mitlesende Popstars nun denken „Ich bin doch gar nicht mitgelaufen!“ und „Meine Fans sind alle cool“, dann ist das vielleicht richtig – aber es ist auch nicht unwahrscheinlich, dass einige ihrer Zuhörer oder gar Fans eben doch mitgelaufen sind oder aus der Ferne dachten oder gar sagten, dass sie gerne dabei gewesen wären. Es geht nicht nur darum, den offenkundigen und meist eh unbekehrbaren Rechten andere Denkweisen und ein bisschen mehr Menschlichkeit näher zu bringen – sondern den Menschen, die erst noch auf dem Weg sind, waschechte Rechte zu werden. Menschen, die sich nicht abgeholt fühlen, deren Problemen man aber noch zuhören kann und sollte. Denn auch das sagte Neumeier ganz richtig: „Ich kann verstehen, dass Menschen auf die Straße gehen, wenn sie empört oder traurig oder enttäuscht sind, das ist absolut richtig. Aber die Art und Weise, wie das hier passiert ist, die ist nicht richtig. Deutschland hat seit Jahrzehnten ein Problem mit Nazis.“

Kein Wahlempfehlungen, sondern Warnungen

Vielleicht hat ja Herbert Grönemeyer recht: Man solle in dieser „unruhigen Zeit“, in der wir leben, laut werden, aber entspannt bleiben. „Es ist wichtig, mit diesen merkwürdigen Auswüchsen nach rechts gelassen umzugehen, denen ruhig und klar zu sagen – wie Eltern – ‚das wollen wir nicht‘, ‚das passt nicht her‘, das passt nicht in unsere Gesellschaft“, sagte er Mitte September bei einer Veranstaltung seiner Plattenfirma Universal. „Leute wie wir, die nicht morgens bis abends im Internet ihre Meinung abgeben, müssen lernen, anders laut zu werden. Entspannt laut zu werden.“ Man müsse aufpassen, dass man jetzt nicht hysterisch würde, „wir Deutschen neigen ein wenig zu Angst.“

Vielleicht hat aber auch Sally Perel recht, der Holocaust-Überlebende, der als „Hitlerjunge Salomon“ berühmt wurde: Der 93-Jährige erkennt in AfD und Co. den gleichen Anfang wie damals. Einen, dessen Folgen und Auswüchse angeblich auch keiner kommen sah und den im Nachhinein niemand gewollt habe. Im Interview mit „Spiegel Online“ sagt er: „Das hat ja damals auch so angefangen. Eine kleine Gruppe, die ersten Wahlen, die kriegen ein paar Prozent und dann wurde es immer mehr. Jetzt hat die AfD auch hier 13 Prozent. Und wenn ich sehe, was in Chemnitz geschieht, da muss man fragen: Deutschland, wohin geht das? Das hat dasselbe Potential. Dieses völkische Denken – damals waren es die Juden, heute geht es gegen alles, was nicht ‘deutsch‘ ist.“

„Wenn Politiker bei Künstlern auftauchen, um ihnen zu zeigen ‘Wir wissen, wo Du wohnst‘, dann sind wir wieder soweit, liebe Freunde“

Seit vergangenem Montag sind Perels Sorgen noch begründeter als zuvor: Die Steinberger Silberstein GmbH drehte für das Satireformat „Bohemian Browser Ballett“ in Berlin-Lichtenberg ein neues Video. Der Clip „war eine Auseinandersetzung mit allen, die vom Tod eines jungen Mannes profitieren wollten: Betont empörte Medien, asoziale Kampftrinker, Rechtsextreme, die AfD, die mit großem Fangnetz mitten drin stand, aber auch die ganzen Quartals-Antifaschisten und Party-Demonstranten, denen Coca Cola unter dem Wir-sind-mehr-Label Produktproben hinterhergeworfen hat.“ So beschreibt es Gesellschafter und Autor Christian Brandes auf seinem Blog „Schlecky Silberstein“ – und führt danach die sehr bedenklichen Geschehnisse aus, die den Dreh überschatteten.

Obwohl die Arbeiten vor Ort eindeutig als Satiredreh gekennzeichnet waren, filmte die AfD Berlin mit und behauptete online sinngemäß, es handele sich dabei um einen von der öffentlich-rechtlichen Lügenpresse mitfinanzierten Versuch, die AfD durch ein Fakevideo öffentlich zu denunzieren und demnach um Hetze. Schlimmer noch: AfD-Mitglied Frank-Christian Hansel veröffentlichte die Adresse von Brandes‘ Firma, in dem er vor laufender Kamera bei ihm klingelte, um „die mal zu fragen, wieso die sowas tun“ – und rief damit indirekt den braunen Mob dazu auf, dort ebenfalls zu klingeln. Die Kommentatoren, die am liebsten sofort jeden Journalisten aus seinem Verlagshaus geprügelt hätten, ließen nicht lange auf sich warten. Wegen des Namens „Silberstein“ antisemitische Morddrohungen ebenfalls nicht.

Das muss man sich mal vorstellen: Ein scheinbares Fakevideo soll von einer angeblich demokratischen Partei mit einem tatsächlichen Fakevideo als solches entlarvt werden, Gewalt- und Morddrohungen werden dadurch mindestens billigend in Kauf genommen. Das ist nicht nur unglaublich dumm und volksverhetzend, es hat auch „Qualitäten“ von 1933, wie Brandes feststellt: „Wenn Politiker bei Künstlern auftauchen, um ihnen zu zeigen ‘Wir wissen, wo Du wohnst‘, dann sind wir wieder soweit, liebe Freunde.“

Die Parodie des Bohemian Browser Ballett ist übrigens mittlerweile online und wie immer sehr pointiert geworden:

Deshalb die Frage: Würden AfD-Wähler die AfD wählen, wenn sie jemand rechtzeitig vor den möglichen Ausmaßen warnt? Jemand, dem sie vertrauen, den sie schätzen, also nicht der angeblichen Lügenpresse, sondern, sagen wir… einem Popstar, für dessen Konzert sie gerne 80 Euro und mehr für ein Ticket zahlen und dessen Songzeilen sie zuhause im Wohnzimmer und der Küche lauschen? Jemandem, dem sie also wirklich schon lange folgen und zuhören?

Wenn Künstler und Journalisten eingeschüchtert werden, müssen auch die unpolitischsten Popstars den Mund aufmachen. Bevor er ihnen verboten wird. Denn ihre Stimme wird selbst da gehört, wo der „linksgrünversiffte Gutmensch“ längst geächtet wird und abgehauen ist. Die „geilen Leute“, wie Monchi von Feine Sahne Fischfilet die Menschen nennt, die jetzt in Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und sonstwo in Deutschland mehr denn je Unterstützung brauchen, um den Rechten nicht das Feld zu überlassen, sie werden leider auch nicht mehr. Deswegen wäre es schön, wenn Popstars nun nicht nur anfingen, allgemein vor Rassismus zu warnen – sondern ganz konkret vor dessen Verstärkern und Institutionen. Vor der AfD, vor Pegida, vorm Bündnis Pro Chemnitz, vor unreflektierten Stammtischparolen. Und dafür eben auch nicht selbst nur Parolen, Stanzen und Hashtags benutzen. Die aber ein dringend notwendiger Anfang wären.

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