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Unsere Geheimtipps: Diese 10 Weirdo-Country-Alben solltet Ihr Euch anhören

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Nein, hier geht es nicht um Country-Rebell*innen wie The Highwomen, die in Nashville gerade alles auf links drehen. Hier geht es um Außenseiter*innen in möglichst eigenwillig interpretierter Country-Tradition. Um Sonderlinge mit Sci-Fi-Fimmel und Cowpunks im Fahrwasser von The Gun Club, die nicht nur Alternative Country und Americana den Weg ebneten, sondern auch Julia Lorenz‘ Bild von Country als reaktionäre Männermusik veränderten.

Dieser Artikel erschien erstmals im ME-06/2020

Ihre 10 Geheimtipps:

Peter Grudzien – THE UNICORN (1974)

Lange bevor Lil Nas X als schwuler Cowboy den Mainstream eroberte, sang dieser Outlaw in verhallten, psychedelischen, versponnenen Countrysongs über seine Homosexualität. Peter Grudziens Debütalbum THE UNICORN von 1974 ist eine kleine Schatzkammer voller Songs, die klingen, als erscheine einem Nashville in Drogen-Träumen. Das Publikum strafte den Außenseiterkünstler Grudzien lange mit Desinteresse. Als ihn Isabelle Dupuis‘ und Tim Geraghtys Doku „The Unicorn“ von 2018 endlich etwas bekannter machte, war der kompromisslose Loner schon seit fünf Jahren tot.

X – MORE FUN IN THE NEW WORLD (1983)

Auch X, die Band aus Los Angeles, die mit „I Must Not Think Bad Thoughts“ einen der schönsten (Post-)Punksongs der 80er, ach was: überhaupt!, aufnahm, haben ihre Wurzeln im Country. Man lausche nur auf den galoppierenden Rhythmus von „The New World“! Oder den Truckstop-Sound von „Hot House“, zu dem auch Billy Ray Cyrus zufrieden schunkeln würde – um zwei Songs später von der Energie der Band aus der Ramdösigkeit gerissen zu werden. Wer’s sortenreiner mag: Unter dem Namen The Knitters nahmen Teile der Band das Country-Album POOR LITTLE CRITTER ON THE ROAD (1985) auf.

The Legendary Stardust Cowboy – ROCK-IT TO STARDOM (1984)

Wenn man es mit einem Song geschafft hat, sowohl in diversen „Worst Music ever“-Listen zu landen, als aber auch David Bowie zu packen, muss man ein Visionär sein – oder ein Sonderling. Norman Carl Odam aus Texas ist beides. Als Teen fand er Western, Raumfahrt und Thelonious Monk super, seit den 60ern spielte er als Legendary Stardust Cowboy die Musik, die aus dieser Interessenlagerung logischerweise folgen muss: Lo-Fi-Country und Blues mit Sci-Fi-Sounds, infiziert mit Psychedelic und Wahnsinn der Marke Screamin‘ Jay Hawkins. Sein Song „Paralyzed“ von 1968, neu eingespielt für dieses – überhaupt sein erstes – Album, beeinflusste etwa Kid Congo Powers (The Gun Club, Bad Seeds u. a.), der in den 80ern mit Odam tourte – und eben auch Bowie, der ihn auf seinem 02er-Album HEATHEN coverte („I took a trip on a Gemini Spaceship“).

Yip Yip Coyote – FIFI (1985)

Yip Yip Coyote, eine der schrägsten Erscheinungen im sogenannten Cowpunk, waren die Rache der Popper für alle blöden Country-Klischees. Die britische Band verband Wave-Pop und Country, rasante Schlagzeugarbeit und elastische Basslines mit Banjo-Gedöns und Howdy-Howdy-How. Das Ergebnis klang, als hätte Bow Wow Wows Annabella Lwin nachts um drei versucht, den Soundtrack für einen Spaghettiwestern aufzunehmen – was ausdrücklich als Kompliment gemeint ist. Weil Yip Yip Coyote nicht nur tolle Pop-Melodien hatten, sondern auch Humor und das
unschlagbare Wissen, dass man Stereotype nur überwinden kann, wenn man sie sehr, sehr ernst nimmt. Mitte der 80er schaute die Band bei John Peel vorbei und veröffentlichte mit FIFI ihr einziges Album – dann verliert sich die Spur der Coyoten.

22-Pistepirkko – BIG LUPU (1992)

Wie stellt man sich Amerika von Finnland aus vor? In einem Land, in dem es bestimmt viel Leere und Einsamkeit, aber eben keine Wüstenhighways gibt, bahnte sich das Trio 22-Pistepirkko vom Punkrock aus auf holprigen Pfaden den Weg in die US-Musiktradition. Auf ihrem vierten Album BIG LUPU machten sich die drei einen eigenen Reim auf Country, Blues und Americana – fuzzig, lustig und ausufernd.

Country Teasers – SATAN IS REAL AGAIN, OR FEELING GOOD ABOUT BAD THOUGHTS (1996)

Der Country steckt hier vor allem im Namen – und im Detail. Die Außenseiter aus Schottland spielen auf ihrem besten Album kaputten (Post-)Punk mit Honky Tonk, Western-Zitaten, Ween-Humor und bitterbösen, klugen In-die-Fresse-Texten. Wenn Ben Wallers mit seiner ätzenden Kratzstimme dem Herrn dafür dankt, ein Mann zu sein („Thank You God For Making Me An Angel“) oder im fantastischen „It Is My Duty“ einem jungen Mann im Rollstuhl rät, gefälligst aufzustehen und zu arbeiten, dürfte dem Letzten aufgehen, wie absurd (und) grausam Patriarchat und Kapitalismus sein können.

Daniel Antopolsky – ACOUSTIC OUTLAW, VOL. 1 (2016)

Wenn man so will, ist Antopolsky der Rodriguez des Outlaw Country. In den 70ern bereiste er als aufstrebender Musiker mit Townes Van Zandt die USA. Nachdem der in seinem Beisein aber beinahe an einer Überdosis Heroin gestorben war, zog er sich zurück und verschwand auf
einem Bauernhof in Bordeaux. Seine schrägen, akustischen Outlaw-Country-Songs begann Antopolsky erst vor einigen Jahren aufzunehmen und zu veröffentlichen. Mit der Dokumentation „The Sheriff of Mars“ von 2019 setzte der Regisseur Jason Ressler ihm ein Denkmal.

Souled American – FE (1988)

Im Bandnamen steckte schon die Mission der Band aus Chicago: Sie woll(t)en seelenlosen, saturierten Weißhemden die Deutungshoheit über die Roots-Musik entreißen. Souled American klangen auf ihrem Debüt so derangiert wie die Violent Femmes ohne deren adoleszente Triebstau-Nervosität, so verzweifelt und slackerhaft, dass sie fast besser nach Seattle als Nashville gepasst hätten.

Freakwater – FEELS LIKE THE THIRD TIME (1993)

Wer sich den archetypischen Outlaw als Mann vorstellt, der auf einer Veranda der Rückkehr seiner verlorenen Liebe harrt, kann sich von Freakwater eines Besseren belehren lassen. Catherine Irwin und Janet Bean bedienen das genretypische Instrumentarium, singen auf ihrem dritten Album FEELS LIKE THE THIRD TIME aber so eigenwillig und graniterweichend über die Gegenwart, über die Nöte alleinerziehender Mütter und Freunde, die dem Alkoholismus verfallen sind, dass sie Country als Schutzraum für Outcasts quasi im Alleingang reanimierten.

Holly Golightly – TRULY SHE IS NONE OTHER (2003)

Wer nicht mitbekommen hatte, wie die Medway-Szene um Billy Childish in den 80ern und 90ern frisches Blut in Blues und Garage gepumpt hatte, konnte sich nur wundern, welche exzentrische Besucherin den White Stripes auf dem Erfolgsalbum ELEPHANT ihre quäkige Stimme borgte. Dabei veröffentlichte Holly Golightly Smith mit dem zu dieser Zeit erscheinenden TRULY SHE IS NONE OTHER schon ihr elftes Soloalbum. Das Werk ruht auf den Säulen von Blues, Sixties Pop und eben Country mit, nun ja, Kuhglocken. Golightly gibt die giftige Nancy Sinatra, die keinen Bock hat, an der Tanke auf Lee zu warten, sondern lieber alleine über die Landstraßen ruckelt. Und sie ruckelt noch immer.

Dieser Artikel erschien erstmals im ME-06/2020.


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