Popkolumne, Folge 176

Zombies, knutschende Cowboys, Eminem & Brit: So sahen die Nuller-Jahre (im Kino) aus

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Boah, was man alles aktuell in eine Popkolumne packen könnte: Diverse Konzertabsagen wegen schleppender Ticketverkäufe in der (Post-)Covid-Landschaft, den ESC gewinnt ein Land, auch weil es gerade von Russland angegriffen wird und Musiker, die für unverrückbare Werte stehen wie Fynn Kliemann oder Feine Sahne Fischfilets Monchi sehen sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert.

Doom-Kolumning könnte man das analog zu Doom-Scrolling dann nennen. Doch auf die eben genannte Vorhölle an Themen habe ich so richtig gar keinen Bock. Seht es mir nach, dass ich hier stattdessen einfach mal ein kleines Eskapismus-Gulasch für euch angerührt habe. Die Gegenwart kann einen gerade mal. Wer kennt’s?

Endlich wieder Schule: „Senior Year“ (2022)

Aufhänger dieser Ausgabe der Popwoche sei eine aktuelle Filmempfehlung. Neu auf Netflix findet sich die Comedy „Senior Year“. Regisseur ist mit Alex Hardcastle dabei jemand, der schon tätig war bei Serien wie „Grace & Frankie“ und „The Office“. In seinem „Senior Year“ verkörpert die australische Schauspielerin Rebel Wilson eine Cheerleaderin aus den frühen Nuller Jahren, die bei einem Betriebsunfall (Pyramide mit Überschlag) ins Koma fällt und erst zwanzig Jahre später erwacht – also in der Jetztzeit. Mit mittlerweile 37 Jahren versucht sie nun ihre verschlafene Jugend abzuschließen und steigt in den letzten Monat der aktuellen High-School-Klasse ihrer alten Schule ein.

Diese Prämisse ermöglicht, sowohl einen komödiantischen Blick auf die Vergangenheit wie auch auf das aktuelle Jahrzehnt zu richten. Was war damals signifikant und/oder albern, was ist es heute? Was ist anders, was blieb gleich?

Dass diese High-School-Comedy mit Nummernrevue-Charakter so gut funktioniert, liegt sicher auch am aktuellen Revival der Nuller Jahre. Eine neue Epoche ist längst in die Suchscheinwerfer des allgegenwärtigen Retrokults geraten. Tiefsitzende Combat-Hosen, Lederröcke, Strähnchen und immer wieder Britney Spears begegnen uns in diesem auffällig unterhaltsamen Film.

Die frühen Nuller Jahre

„Senior Year“ thematisiert die ersten Jahre nach dem Jahrtausendwechsel. Um sich besser im bevorstehenden Revival-Dschungel zurechtzufinden, liste ich hier mal 10 Filme aus der Zeit von 2000 – 2005 auf, mithilfe deren man die Epoche besser greifen kann. Rückt die Arschgeweihe zurecht, es kann losgehen…

_____________
Die Rückkehr der Superhelden:
„Spider-Man“ (2002) / „X-Men 2“ (2003)

Ein popkulturelles Phänomen nimmt Anfang der Nuller seinen Ausgang. In der heutigen Zeit sind Superhelden-Movies mit ihren epischen Verschachtelungen die Kernerzählungen kontemporären Popcorn-Kinos. Zurückführen lässt sich das auf „X-Men 2“ (2003) und den ersten großen Reboot des Spiderman-Themas: „Spider Man“ mit Tobey Maguire, Kirstin Dunst und James Franco.

Der erste Peak von Superhelden-Movies war in den 80er-Jahren und bezog sich vornehmlich auf Verfilmungen der DC-Comics um Batman und Superman. Die 2000er-Jahre müssen dagegen als Ära von Marvel gelesen werden. Das von Stan Lee geschaffene Universum setzt einen weit mehr zeitgeistigen Blick auf Superhelden um – und blickt auf struggelnde beziehungsweise gebrochene Figuren hinter ihrer vermeintlichen Omnipotenz. Die Zeit der Ich-AGs, des galoppierenden Neoliberalismus verlangte nach einer neuen Vision von Einzelkämpfern, die sich trotz erodierender Wertestrukturen immer noch an einem moralischen Kompass orientieren (wollen).

_____________
Kapitulation vor neuen Möglichkeitsräumen:
„Lost In Translation“(2003)

Billigflüge, Internet, Globalisierung: Die große weite Welt steht Anfang der Nuller im Parkverbot vorm Haus – und hupt. Neben der Aufbruchstimmung triggert das bei vielen auch Sorgen. Kommt man denn da selbst noch hinterher? „Lost in Translation“ 2003 von Sophie Coppola fängt das Verlorensein des Einzelnen in der neuen beschleunigten Welt wunderschön ein.

_____________
Alte Furcht und neue Ängste:
„28 Days Later“ (2002) / „Dawn Of The Dead“ (2004)

Die frühen Nuller Jahre graben ein weiteres Trash-Phänomen aus. Die inflationären Zombiefilme der Siebziger- und frühen Achtziger-Jahre besaßen zwar eine große Verbreitung und Faszination, ernst genommen wurden die Low-Budget-Film-Reihen von Regisseuren wie George A. Romero aber nicht sonderlich. Mit zwei Filmen der frühen Nuller hat das abrupt ein Ende.

Das Motiv des mäandernden, allem Geist und Empathie beraubten Untoten wird in Zack Snyders „Dawn Of The Dead“ (2004) und in Danny Boyles „28 Days Later“ (2002) zu einer neuen Meisterschaft geführt. Zombies sind hier keine unerklärliche bis mystische Heimsuchung mehr, ab jetzt wird stets von einem Virus gesprochen. Und ein weiterer Paradigmenwechsel ist unübersehbar: Aus dem einst schlurfenden Zombie-Trottel wird eine hochtourige Urgewalt, er ist schier unaufhaltsam – und er ist so unglaublich viele.

Die herrschende Lesart in der Filmwissenschaft zum Untoten-Revival ist übrigens Folgende: Neo-Zombiehorden agieren die Ängste westlicher Gesellschaften aus, die fürchten, von fremden Kulturen überrannt zu werden. Xenophobie als Pacemaker des großen Horror-Trends des neuen Jahrtausends? Auch schon wieder gruselig!

______________
Mental Health? Am Arsch!:
„Crossroads“ (2002)

Sie war das Pop-Phänomen des Y2K. Aufstieg und Fall von Britney Spears zeigen, wie global und brennglas-mäßig sich im neuen Jahrtausend Personenkult abspielen würde. Die Frage nach Mental Health hinsichtlich Personen, die so krass in der Öffentlichkeit standen wie damals Britney Spears, wurde nicht gestellt. Als die Sängerin im Sperrfeuer des öffentlichen Voyeurismus auseinanderzufallen drohte, wurde sie pathologisiert. Britney? Verrückt geworden! Tragische Sache. Bis heute zieht sich diese Story, bis heute kämpft Britney, wieder für sich selbst verantwortlich zu sein. Der nette Bubblegum-Film von 2002 „Crossroads – Not A Girl“ ist dabei die letzte Postkarte aus dem überhitzten Britneyversum, in der noch alles unter Kontrolle schien.

______________
Kulturelle Aneignung? Nie gehört!:
„8 Mile“ (2002)

Männliche Superstars haben es leichter als weibliche: Eminem startet sein Weltkarriere ja bereits als enfant terrible, das sich alles rausnimmt und genau dafür gefeiert wird. Wo für Britney nur die Rolle perfekten Jungfrau zur Verfügung steht, darf Eminem sich als zeitgemäßer angry young man ausagieren. Und wo heute über kulturelle Aneignung diskutiert würde, bekommt Eminem 2002 noch einen ganzen Film inszeniert, der zeigt, wie ein eher schmächtiger Weißer sich die Schwarze HipHop-Kultur zu eigen macht. „8 Mile“ darf darüber hinaus gesehen werden als Initialzündung für Biopics mit Musikhintergrund. In jener Zeit folgten zum Beispiel „Ray“ (2004) und „Walk The Line“ (2005).

______________
Queer in den Bergen:
„Brokeback Mountain“(2005)

Schon in den Neunzigern findet männliche Homosexualität auch außerhalb von Nischenfilmen immer mehr Raum. Der schwule Mann etabliert sich als (asexueller) Sidekick. Im deutschen Kino sehr ikonisch verewigt in der Rolle von Joachim Król in dem Erfolgsfilm „Der bewegte Mann“ mit Til Schweiger und Katja Riemann. Schwules Begehren bleibt allerdings erstmal außen vor. Dafür braucht es schon ein schweres Hollywood-Drama, um endlich auch Filme aus einer nicht-straighten Perspektive zu erzählen.

Normalize gay sex: „Brokeback Mountain“ stellt 2005 dafür einen Türöffner dar, zwei Cowboys mit viel Feelings schmusen sich in die Herzen beziehungsweise bringen die konservativen/religiösen Kräfte auf die Barrikaden. Man muss allerdings sagen, dass es analog bis heute an großen Hollywood-Schinken mangelt, die ähnlich epische Storys mit lesbischen Frauen oder Trans-Personen aufbereiten.

_______________
Die Nuller Jahre? Zum Piepen!:
„Jungfrau, (40), männlich, sucht…“ (2005)

Der gleichermaßen anstößige wie reflektierte Nerd-Humor, der einem jetzt wieder bei „Senior Year“ aus dem Jahre 2022 begegnet, wurde mitgestaltet von Judd Apatow. Der Regisseur arbeitet mit einem wiederkehrende Ensemble an Schauspieler*innen und bringt Stand-Up-Comedy-Betrachtungen mit physischen Gags zusammen. Klischees und Stereotypen spielen zwar eine Rolle, aber es geht immer auch darum, sie zu dehnen oder gar ad absurdum zu führen. Ausgangspunkt der Ära Apatow stellt dabei 2005 der Film „Jungfrau (40), männlich, sucht“ dar.

_______________
Okay, Lieblingsfilm:
„Spun“ (2002)

Okay, ob dieser Film wirklich für ein Zeitenphänomen steht, da bin ich mir nicht sicher. Aber es handelt sich um meinen persönlichen Lieblingsfilm (nicht nur) aus der Epoche der frühen Nuller-Jahre. In „Spun“ geht es um durchwachte Tage und Nächte auf Meth im White-Trash-Hinterland der USA. Vermutlich hat es mir damals auch die Bildästhetik angetan, die der Videoclip-Regisseur Jonas Akerlund („Smack my bitch up“ von The Prodigy oder auch „Beautiful“ von Christina Aguilera) richtiggehend zelebriert. Allein schon die Opening-Sequenz, in der Billy Corgans Zweitband Zwan „Number Of The Beast“ als Akustikversion spielt, halte ich für unübertrefflich, YouTube-Link hänge ich euch an.

Billy Corgan, um hier auch mal wieder die Brücke zu Musik zu schlagen, hat in „Spun“ wie auch Debbie Harry und Judas Priests Rob Halford eine kleine Rolle übernommen. Mein Nuller-Star ist allerdings Hauptdarsteller Jason Schwartzman, der zu jener Zeit auch Schlagzeuger bei der Band Phantom Planet war. Genau, das sind die mit dem Hit „California (here we come)“ gewesen. Von denen wurde ich aufgrund des Films damals ebenfalls sofort Fan.

Das wäre eigentlich die perfekte Überleitung zu der Frage: Wie klangen eigentlich die frühen Nuller-Jahre? Doch das spare ich mir irgendwann noch mal für eine eigene Kolumne auf. Jetzt erstmal wieder zurück in die bekotzte Gegenwart. Liebe Grüße!

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

Weitere Highlights


Die besten US-Rap-Alben der 90er: Eminems Auferstehung auf THE SLIM SHADY LP
Weiterlesen