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Musikexpress-Held: Frank Zappa – Immer ein Freak

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Für Lester Bangs, legendärster unter den legendären Rock’n’Roll-Schreibern der 60er- und 70er-Jahre, war Frank Zappa ein „verachtenswerter Schlucker, den Idioten als ,Komponisten‘ bezeichnen, dabei ist er nur ein ,Rip-off-Künstler‘, Abfall auf zwei Beinen, wenn so etwas möglich ist“. Zack. Gleich mal die Luft rauslassen, bevor der Eindruck entsteht, dies könne einfach nur ein weiterer von zahllosen Texten sein, in denen journalistische Fellatio an Zappa verübt werden. Das soll es nicht werden, auch wenn ich nicht versprechen kann, an der einen oder anderen Lobhudelei vorbeizukommen.

Zappa ist, egal was man von seiner Musik hält (und vieles spricht für sie), schon, na ja, ziemlich geil. Was Bangs’ Philippika anbetrifft: Keiner wird mehr über die Schmähung geschmunzelt haben als Zappa selbst. Sie sagt mehr aus über den Autor als den Beschimpften, entlarvt Bangs als hitzigen Kindskopf, der beleidigt war, weil Zappa es gewagt hatte, sich abschätzig über „Louie Louie“, das Ground Zero des von Bangs verehrten Garagenrock, zu äußern. Zappa konnte mit Rock’n’Roll nichts anfangen: Er mochte progressive Komponisten wie Varèse oder Strawinski, er liebte den Doo-Wop der Fünfzigerjahre und frühen Rhythm’n’Blues. Der Rockmusik war er nicht verbunden, zumindest nicht emotional: Zappa ging es nicht ums Fußstampfen, Haareschütteln und Mitsingen. Allerdings erkannte er sie als ideales Medium, als frei formbares Gefäß, musikalische Ideen umzusetzen und den Finger am Puls der Zeit zu haben, der Vater der Erfindung zu sein. Zappa macht assoziative Kopfmusik, die Haken schlägt, wo sie kann, die lebt von aufblitzenden Anspielungen und Verweisen und Zitaten und viel schmutzigem Humor.

Aber vergessen wir Lester Bangs’ Schmähung nicht. Es ist Vorsicht geraten, wenn man über Frank Zappa spricht. Allzu schnell verfällt man in Preisungen, Huldigungen, Lobgesänge, besinnungslose Anreihungen von Superlativen: großer Denker, großer Gitarrist, großer Intellektueller, großer Komponist, großer Kämpfer für die individuelle Freiheit, großer Satiriker. Das Podest, auf das Zappa von seiner 27 Jahre nach seinem Tod immer noch substanziellen Fangemeinde gehievt wird, ist mindestens so hoch wie der Tower of Power aus „Bobby Brown“, seinem größten Erfolg in Deutschland aus dem Jahr 1979 (Platz vier der Singlecharts). Auf dem hält man es bekanntlich aber kaum länger aus als eine Stunde. Außerdem ist es einsam da oben. Schon Karl Bruckmaier merkte in seinem Buch „Soundcheck“ an, dass es auf der Erde wenige Dinge gebe, die nerviger seien als Zappa-Fans: „Immer muss man sagen, wie gut, wie genial, wie webernmäßig er war, wie lustig und subversiv und politisch.“ Um danach zuzugeben, dass all das zutreffend sei. Aber man möge dennoch auf dem Teppich bleiben und es mit der Götzenanbetung nicht übertreiben.



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