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Von Ponys und Dollars

Ein Dokumentarfilm über das Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und Wirtschaftlichkeit in der Festivalindustrie

Statt Serien: 4 Gründe, die für mehr Extended Cuts in Kinos und Streamingdiensten sprechen

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In den Weiten der Filmindustrie tauchen immer wieder Werke auf, die sich außerhalb konventioneller Längen bewegen. Erst im März 2021 erschien der von DC-Fans langerersehnte Extended Cut von „Zack Snyder’s Justice League“, der sich über eine Länge von knapp vier Stunden zog. Was wäre, wenn sich Filme bevorzugt in dieser Zeitspanne bewegen? Wäre das vielleicht eine Vorlage für einen neuen Trend? Inwiefern könnte das die Filmindustrie mit all ihren Akteur*innen – seien es Filmproduzent*innen selbst, aber auch Kinos – beeinflussen?

1. Mehr künstlerische Freiheiten im Extended Cut

Mit mehr Zeit haben Filmemacher*innen auch mehr Möglichkeiten. Darunter fallen unter anderem Details in der Bildsprache, die Rezeption wie auch Ästhetik des Films beeinflussen. Mit der Länge entscheiden sich Filmproduzent*innen schließlich, wie viel und wie detailliert sie auf Situationen und Protagonist*innen eingehen wollen.

Gingen sie beispielsweise näher auf Charaktere ein, könnten Zuschauer*innen eine stärkere Beziehung zu ihnen aufbauen. Sie wüssten mehr über die Wesenszüge und könnten sich besser in situationsbedingte Handlungen der einzelnen Rollen reindenken. So funktioniert es üblicherweise in Serien, da Konsument*innen immer und immer wieder Charakterzüge der Protagonist*innen vor Augen gehalten werden. Das narrative Hintergrundwissen, das durch Filmemacher*innen vermittelt wird, wie auch die filmspezifischen Darstellungsformen geben den Ton des Films an. Rezipient*innen werden folglich besser in die Story-Line integriert und es fällt ihnen einfacher, Film und Charaktere zu verstehen. Auch kann sich Spannung mit einer ausreichend ausgearbeiteten Dramaturgie besser aufbauen. Das Erzählschema hat also immense Auswirkungen auf die Rezeption.

Der Unterschied zu Serien ist nun, dass bei Filmen die Storyline im Vordergrund steht, die Botschaften und Thematiken transportiert. Figuren und deren Handlungen veranschaulichen diese, wohingegen Charaktere in Serien einen viel größeren Platz einnehmen. Natürlich hebt sich vorheriges auf, wenn Filmemacher*innen irrelevante Details unterstreichen, die in den nachfolgenden Minuten und Stunden sowieso keine Rolle mehr spielen und gar nicht mehr auftauchen. Deshalb wäre ein Extended Cut nur sinnvoll, wenn die zusätzlichen Details und ästhetischen Spielereien ergänzend zum Kontext dargestellt würden.

Details in „Zack Snyder’s Justice League“

In diesem Punkt bietet der „Snyder Cut“ – wie er von der Fan-Community betitelt wird – ein Beispiel dafür, dass eine umfassendere Informationsgrundlage Zuschauer*innen viel früher und stärker in den Film hineinzieht, ohne den sinnvollen Spielraum zu übertreten. So untermalt zusätzliches Bildmaterial der Umgebung die Stimmung während Batmans Reise durch kalte Gefilde zu Aquamans erwartetem Aufenthaltsort. Die ergänzende Farbgebung in der Sequenz stützt die dunkle und kalte Stimmung wie auch die vorläufige Reaktion von Aquaman.

Ebenfalls sind die beiden Helden, Cyborg und The Flash, im Extended Cut viel stärker in die Justice League integriert. Denn im Gegensatz zum Film von Joss Whedon aus dem Jahr 2017 haben sie hier eine Hintergrundgeschichte, die den Zuschauer*innen auch dargestellt wird. In der vorherigen Version schien es, als hätte Whedon für ihn unnütze Informationen rausgeschnitten. Damit erreichte er jedoch das Gegenteil: einen unvollständigen Film. Einige Handlungen wirken absurd, da ihnen relevante Details entnommen wurden, die jeweilige Situationen in einen Kontext setzen sollten. Snyder hat diese in seinem Werk wieder aufgenommen und lässt Rezipient*innen an der vollendeten Story teilhaben.

2. Extended Cut vs. Mini-Serie

Doch was spricht nun gegen Mini-Serien? Natürlich sind sie für ein Publikum perfekt, die etwas Längeres verlangen, als einen einfachen Film, jedoch nicht über mehrere Staffeln hinweg an eine Thematik oder ein Genre gebunden sein wollen. Zusätzlich bietet das Ende jeder Folge flexible Pausen für Zuschauer*innen. Gleichzeitig spricht dieser Punkt jedoch gegen sie: Je nachdem, welchen Ton oder welche Stimmung Filme- und Serienmacher*innen anschlagen, ist es leicht, ihr Publikum in längeren Pausen zu verlieren. Generell ist auch der Erlebnisfaktor bei Serien geringer, da bei längeren Filmen eine bewusstere Entscheidung getroffen wird.

Auch „Zack Snyder’s Justice League“ erinnert mit seinen unterteilten Parts stark an das Konzept einer Mini-Serie – zumal erste Berichte über den Film behaupteten, dass er in einer solchen Form erscheinen sollte. Limitierte Serien tauchen bei Streamingriesen wie Netflix und Amazon Prime wie auch auf jeder gängigen anderen Plattform in der Vergangenheit vermehrt auf und zogen immense Erfolge in der Filmindustrie mit sich. Die deutsche Produktion „Unorthodox“ beispielsweise war für einen Golden Globe nominiert. Die US-amerikanische Mini-Serie „Das Damengambit“ gewann sogar einen Golden Globe in der Kategorie „Bester TV-Film“.

Trotz des Erfolgs sollte jedoch angemerkt werden, dass Mini-Serien Kinos ausspielen, da diese nur auf Streamingplattformen wie HBO Max, Disney+ stattfinden. Ein Pluspunkt, vor allem, wenn es Originale sind und diese nur auf einem bestimmten Streamingdienst abgerufen werden können.

3. Kino vs. Streaming

Doch ist das Kino-Publikum wirklich bereit für eine Veränderung? Die Vergangenheit beweist, dass längere Vorstellungen erfolgreich sein können. So fanden Events wie Harry-Potter-Kino-Nächte zum Release von „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ im Jahr 2004 statt. Dort wurden die vorherigen Teile der Saga und die Neuerscheinung gezeigt – siebeneinhalb Stunden Harry-Potter-Vergnügen.

Natürlich sind Zuschauer*innen bei einer Streamingplattform flexibler, da sie Filme pausieren können, wann es nötig ist. Dennoch steht dieser Fakt genauso dem Verlangen dieser Art der Unterhaltung gegenüber. Das veranschaulichte eine Befragung aus dem Jahr 2019. Ein Drittel der Teilnehmer*innen hatte sich für Kino statt Filmstreaming entschieden, da der Filmgenuss für sie dort am höchsten sei.

Kinos könnten – wie im Beispiel der Harry-Potter-Nächte – Events anbieten, um ihren Profit auch aus längeren Filmen schlagen zu können. Vielleicht mit einem spezifischen Rahmenprogramm und besonderen Extras, die auf Streamingplattformen eben nicht geboten werden können. Zum Beispiel mit anschließenden Diskussionsrunden oder Autogrammstunden mit Schauspieler*innen des Films, die Teil von Premieren werden. Programmkinos könnten einen Anstieg an Publikum gewinnen und kleinere Säle an eine bestimmte Anzahl von Teilnehmer*innen zu Verfügung stellen – ein „Cinema with Friends“ sozusagen. Oder größere Kinos bieten bequemere Sitzmöglichkeiten – wie Couches und Lounge-Mobiliar – an. Zuschauer*innen könnten sich viel mehr wie Zuhause fühlen. Mit dem Unterschied des viel größeren Bildschirms und einer viel besseren Klangqualität; also einem Upgrade des Filmerlebnisses.

4. Bewusste Entscheidungen

Konsument*innen entscheiden sich bewusst für diese Art der Unterhaltung. Denn seien wir mal ehrlich: Sich einem Extended Cut (auch einer Serie) im Kino oder im Stream hinzugeben, fordert ein gewisses Commitment seitens des Publikums. Das bewies beispielsweise der Hype um „Zack Snyder’s Justice League“, genauso wie das positive Feedback zu „The Irishman“ mit seinen knappen dreieinhalb Stunden. Auch in der Vergangenheit – in Zeiten der Kinos! – wollten Zuschauer*innen längere Filme.

Die Geschichte der Filmindustrie weist bereits einige Werke auf, die den konventionellen Rahmen eines Standard-Filmes sprengen. Im 20. Jahrhundert debütierten etwa der Thriller „Mefisto“ aus dem Jahr 1917, der sich über sieben Stunden und 40 Minuten zog. Das Drama „Vom Winde verweht“ aus dem Jahr 1939 wurde mit seinen knappen vier Stunden zu einem Film-Klassiker.

Ebenso tummeln sich im 21. Jahrhundert einige längere Filme. So beispielsweise das romantische Drama „Die Besten Jahre“, das eine Dauer von ganzen sechs Stunden aufweist. Dieses wurde im Erscheinungsjahr 2003 sogar in Cannes ausgezeichnet und beim Europäischen Filmpreis für den besten europäischen Film nominiert. Auch das Biopic „Carlos – Der Schakal“, das als Dreistunden-Fassung wie auch als fünfstündige Fassung 2010 im deutschen Kino zu sehen war, zählt zu den längeren Spielfilmen.

Fazit

Filme in der Länge von „Zack Snyder’s Justice League“ haben das Potential die Filmindustrie zu verändern. Allein durch die Möglichkeit der Künstler*innen, ihre Ideen in einer größeren und diverseren Art und Weise darzustellen.

Ebenso verändert sich mit einem Extended Cut wie diesem die Filmerfahrung des Publikums, da sie durch zusätzliche Details und Informationen ein höheres Involvement erfahren. Durch das beschriebene Upgrade des Kinoerlebnisses könnten auch diese von solchen Filmen profitieren und den Zuschauer*innen zusätzliche Extras bieten. Es ist an der Zeit, dass Kinos umdenken, um das durch die Corona-Pandemie zwangsläufig vermehrt abgekehrte Publikum weiter unterhalten zu können – anders, als es Netflix, Amazon Prime und Co. seit Jahren erfolgreich tun.


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