Gespräch

Arcade Fires Win Butler im Interview: „Es gibt keinen schlechten Zeitpunkt für gute Musik“

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Im Mai haben Arcade Fire, fünf Jahre nach dem Vorgänger EVERYTHING NOW, ihr sechstes Album WE veröffentlicht. Voraus gingen ihm die Singles „The Lightning I, II“ und „Unconditional I (Lookout Kid)“. Darüber sowie über Kriege, Kinder, Kunst, Kooperationen, Radioheads KID A und den Ausstieg seines kleinen Bruders Will sprachen wir mit Sänger Win Butler im Interview und widmeten der kanadischen Indierockband um ihn und seine Frau Reginé Chassagne die Titelstory der Musikexpress-Ausgabe 6/2022, die Ihr aktuell am Kiosk findet und hier bequem nach Hause bestellen könnt. Das Gespräch zwischen Butler und ME-Redakteur Fabian Soethof könnt Ihr hier und jetzt im Wortlaut nachlesen.

ME: Es herrscht Krieg in der Ukraine. Ein Krieg, der so unmittelbar wie lange nicht mehr den viele Jahre als sicher geltenden Westen berührt. Schlechtes Timing für die Bewerbung und Veröffentlichung einer neuen Platte, oder?

Win Butler: Über Dinge wie diese haben wir alle keine Kontrolle. In jedem solcher Momente denken wir, dass wir das Ende der Welt erleben. Und immer dann finden Dinge einen Weg, noch verrückter zu werden. Ich glaube, unser Album hat etwas zu beiden Seiten der Medaille zu sagen. Zur dystopischen und zur hoffnungsvollen. Diese Seiten existieren ohnehin parallel und zur selben Zeit.

Viele Bands und Soloacts entschuldigen sich dieser Tage dafür, dass sie gerade, nach zwei Jahren Pandemie eigentlich endlich, wieder Konzerte spielen und Platten herausbringen, weil die Welt spätestens seit Russlands Angriff auf die Ukraine und dem daraus folgenden Leid und all der Angst gerade größere Probleme hat. Wie denkt Ihr darüber?

Ich sehe das anders. Mein Großvater (Jazz-Gitarrist Alvino Rey, Anm.) spielte in den 20ern und 30ern in Big Bands. Er spielte in New York, als die Börse zusammenbrach. Der Zweite Weltkrieg begann, die Große Depression. Shit just happened. Viele solcher Ereignisse wiederholen sich in einem 100-Jahres-Kreislauf. Wir treten gerade wieder in gewaltvolle und unsichere Zeiten ein. Aber Musik ist ein derart essenzieller Teil von Menschlichkeit – es gibt keinen schlechten Zeitpunkt für sie.

Nach dem Ausstieg von Will Butler bestehen Arcade Fire aktuell aus fünf festen Mitgliedern. Live holen sie sich wie immer jede Menge Verstärkung.

Neue Songs ihrer Lieblingsband helfen Leuten also immer noch?

Mir als Teenager half es, neue Bands und LPs zu hören. Wenn du dir eine Platte anhörst und in die Welt des Künstlers einsteigst, verbindest du dich auch mit deiner eigenen Menschlichkeit. Und wenn du es schaffst, in andere Welten einzusteigen, hilft es dir auch dabei, mit anderen Menschen eine Verbindung herzustellen.

Euer vorheriges Album EVERYTHING NOW galt als Flop. Es stieg hoch in die Charts ein und fiel schnell tief. Euer Berlin-Konzert war fantastisch, in den USA musste Eure „Infinite Content“-Tour aber mangels Nachfrage in kleinere Hallen verlegt werden. Stimmt das?  

Wo hast Du uns gesehen, in Berlin? War das ein Flop? Die Europatour war der Wahnsinn. Ich erinnere mich an eine Show von Kanye West in St. Louis, bei der nur 3000 Leute da waren. Es gibt so viele Städte in den USA… Wenn du als Band lange existiert, brauchen die Medien offenbar neue Themen, über die sie schreiben können.Ich kann sagen, dass wir auf der letzten Tour einige unserer besten Shows aller Zeiten spielten.

Wie bewertet Ihr die Platte heute für Euch?

Menschen, die zum ersten Mal den Titelsong hörten und uns vorher noch nicht kannten, fanden ihn umwerfend! „Creature Comfort“ ist auch insane. Auf dem Album gibt es vier oder fünf Songs, die wir seitdem regelmäßig live spielen, sie gehören auch zu unseren meistgestreamten Songs. Es ist darüber hinaus eine Generationenfrage: Wenn du 13 warst, als FUNERAL erschien, ist das für dich unser Sound. Ich war 15, als THE BENDS erschien. Radiohead wird für mich immer diese Band von damals sein. Wie oft dachte ich danach: Hört auf mit dieser elektronischen Musik, klingt wieder so wie früher! Aber das ist nur meine Perspektive. Leute, die jünger als ich sind, verbinden mit Radiohead alles nach KID A. Musik und ihre Wahrnehmung hat immer viel damit zu tun, wo der Hörer in seinem eigenen Leben steht. Ich bin immer skeptisch, wenn Leute große Ankündigungen dazu machen, dass irgendetwas gut oder schlecht ist. Um das wirklich zu wissen, braucht es mindestens 20 Jahre Zeit und Abstand.

Jedes Arcade-Fire-Album klingt anders. Ist das jeweils Euer Anspruch? Und habt Ihr ihn diesmal wieder erfüllt?

Es ist viel Zeit vergangen. Unsere letzte Platte brachten wir vor fünf Jahren heraus. Wenn du damals 13 warst, schließt du gerade deine High School ab. Du veränderst dich sehr. Auch wir sind nun andere Leute als damals. Ich liebe die Ramones, I fucking love‘em. Jeder Song klang gleich, ich wollte genau so klingen, ich wollte, dass unsere T-Shirts genauso aussehen, ich wollte wie sie sein. Aber das ist nicht unsere Band. Allein auf FUNERAL gibt es von Folk über Electronic bis zu karibischen Klängen über ein halbes Dutzend verschiedener Genres und Sounds. Dort streuten wir die Saat für alles, was wir danach taten, sie liegt auf dieser Platte. Die Leute sehen oft nur mich, den 1,94 Meter großen Kerl, der singt. Reginé spricht Creole und wuchs mit karibischer Musik auf. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr Wert für Arcade Fire hoch genug angesehen wird. Sie singt, sie tanzt und sie spielt von Jazz bis Klassik jedes verdammte Instrument, das irgendjemand in der Geschichte der Menschheit jemals spielte. Und da reden wir nur von ihr. Jeremy (Gara) spielte in Hardcore- und Metal-Bands als der verrückteste und schnellste Drummer, den ich jemals sah. Tim (Kingsbury) singt wunderschöne Harmonien und kann Country-Musik. Das macht Arcade Fire für mich so anhaltend interessant. Wir bringen all diese Einflüsse mit einem immer neuen Sound zusammen.

Mit Deinem Bruder Will ist nun ein sehr langjähriges Mitglied aus der Band ausgestiegen. Warum? Und wie verkraftet Ihr das?

Das Leben ist lang. Er ist sehr talentiert. Er ist mein Bruder, ich liebe ihn sehr. Er nahm schon mal eine einjährige Auszeit von unserer Band, um in Harvard Politik zu studieren. Ich unterstütze ihn stolz bei allem. Aber ja: Ich gründete Arcade Fire mit 18, also noch bevor ich nach Montreal zog. Sehr viele Musiker spielten auf unseren verschiedenen Alben oder live mit, Owen Pallett zum Beispiel. Sie kamen und gingen. Will war für Teile von FUNERAL dabei, er ging damals noch zur Schule. Die ersten Shows spielten wir mit Dan Boeckner von Wolf Parade, einer meiner Lieblings-Sänger und -Songschreiber aller Zeiten. Hätte ich Wolf Parade nicht gesehen, hätte ich „Rebellion“ nicht geschrieben. COVID hat aber auch viel verändert. Will hat drei junge Kinder. Reginé und ich haben es geschafft, unseren Sohn mit auf Tour zu nehmen und eine Art Familienleben zu haben. Will müsste seine Familie für eine Welttour in den prägenden Jahren der Kinder zurücklassen. Dies nicht zu tun, ist noch wichtiger als Musik. Live unterstützen uns nun Boeckner, Paul Beubrun und Produzent Eric Heigle. Songwriting war immer schon das Ding von Reginé und mir, seit dem Moment in dem wir uns trafen.

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WE umfasst lediglich sieben neue Songs (in mehreren Teilen). Es hieß mal, Ihr hättet Songs für mehrere neuen Alben in der Hinterhand. Stimmt das?

Ich habe Songs geschrieben, die für die nächsten 20 Jahre reichen würden. WE sollte unbedingt wie ein LP funktionieren, wir mussten sehr fokussiert herangehen. Die Auswahl der schlussendlichen Songs fiel uns sehr schwer.

Stellenweise klingt WE wie ein alternativer, unironischer Begleit-Soundtrack zur Weltuntergangs-Satire „Don’t Look Up“, dem Film mit Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence.

Ein Teil auf dem Album schaut in die Zukunft, der andere in die Vergangenheit. „End Of The Empire“ ist mein Lieblingssong darauf. Die „Don’t Look Up“-Referenz sehe ich zwar nicht. Ich las dafür den Roman „WE“ des russischen Autors Samjatin aus dem Jahr 1920. Orwells „1984“ basiert darauf. Ein anderer meiner Helden ist der Schriftsteller William Gibson, von dessen Ideen im Grunde „Matrix“ kopiert wurde. In den Siebzigern schrieb er über die entfernte Zukunft. Jeder Roman wurde nach und nach zur Gegenwart. Jetzt schreibt er über die Gegenwart, weil die Zukunft von ihr eingeholt wurde.

Die Zukunft ist nicht immer so wie im Film. Okay, Trump wurde Präsident, aber wir haben noch immer keine Hoverboards.

Ein Hoverboard hätte ich gerne, aber der Facetime-Shit hier ist eigentlich cooler als er bei den „Jetsons“ war!

Im von Dir genannten „End Of The Empire“ singst Du „Standing on the end of the american empire“. Der Song klingt anfangs wie das Ende eines Films, wie ein Abspann, dann wie „Imagine“ von John Lennon, danach wie die Beatles nach ihrer Radiopopphase. Welche musikalischen Einflüsse hörst Du selbst heraus?

Ich habe neulich ein Poster wiedergefunden, das Reginé und ich aufhingen, als wir in Montreal nach Musikern für unsere geplante Band suchten. Darauf schrieben wir, wie wir klingen wollen. Wir nannten Motown, Bob Dylan, Neil Young, The Pixies, New Order. Die höre ich alle immer noch, aber auch Komponisten wie Claude Debussy und Arvo Pärt. Unser Polarstern aber war The Clash. Als die anfingen, mit Discomusik zu experimentieren, haben all die Punkrocker auch gerufen: „Wie könnt ihr es wagen?“. Ich habe keine Angst, unseren Instinkten zu folgen. Ich mache es einfach.

Auf WE ist auch Peter Gabriel zu hören. Wie kam es dazu? 

Wir kennen ihn seit Jahren. Reginé hörte sich seine Musik oft an, als sie jünger war. Genesis waren mit ihm in Montreal größer als die Beatles. Für sie als Haytianerin sind in Gabriels Songs besonders viele afrikanische Rhythmen zu hören. In den Achtzigern klang fast alles gleich. Peter Gabriel brachte einen neuen Sound auf den Tisch. Deswegen spürten wir eine natürliche Verbindung zu ihm. Wir nahmen gerade Songs ihn Nigel Godrichs Studio in London auf. Peter kam vorbei. Wir coverten uns in der Vergangenheit regelmäßig. Seine Version von „My Body Is A Cage“ ist eine ganz besondere. Wir kriegen dazu noch immer jeden Tag Lizenzanfragen. Die Methodik seiner Arbeit ähnelt unserer. Wie beim Erschaffen von Skulpturen hast du einen Stein und trägst ihn ab. Schlägst hier was raus, da was raus. Schon das gemeinsame Reden über Plattenmachen hat uns Spaß gemacht. Er ist ein großer Held für uns.

Und wie kam es zur Zusammenarbeit mit Nigel Godrich? Sagtest Du ihm als Radiohead-Fan dann, er solle dies und das wie bei Radiohead machen?

Nein. Ich bin gut mit Beck befreundet, Nigel produzierte auch viele seiner Platten. Nigel kommt aus einer Art alten Schule britischer Aufnahmegeschichte. Seine Technik geht zurück bis zu den Beatles. Viele Leute wissen nicht mehr, wie man derart die Mikrofone aufbaut, die Drumsounds hinkriegt… So wie er machen nicht mehr viele Platten.

Warum entscheidet Ihr Euch überhaupt auf fast auf jedem Album für einen neuen Produzenten? Warum sind etwa Markus Dravs und Thomas Bangalter nicht mehr dabei? Keine Bock auf Wiederholung?

Reginé und ich produzieren viel selbst. Neue Produzenten holen wir dazu, um uns selbst herauszufordern und Ideen von außen zu bekommen, eine weitere Perspektive, die Dinge in eine andere Richtung bewegt. Wir wollen noch weitere andere Farben hereinbringen und die eigene Wahrnehmung überprüfen. Jeder in unserer Band ist auf seine eigene Art und Weise bereits ein Produzent, wenn er oder sie Solomusik oder Songs mit anderen Leuten macht. Es kommen deshalb bereits viele Ideen zusammen.

Welchen Einfluss hatten Arcade Fire bisher auf die Musikwelt, wo steht Ihr?

Wir nahmen bisher eine interessante Flugbahn: Wir spielten damals, 2004, im Bowery Ballroom unsere erste Headlinershow in New York. David Bowie und David Byrne kamen einfach durch die Tür und sahen zu. Wir machten Sachen mit Bruce Springsteen. Möglicherweise arbeiten wir bald an einem Remix mit New Order, was sehr cool wäre. Wir haben immer wieder die Gelegenheit, uns mit unseren Helden tatsächlich zu verbinden. Wir eröffneten für U2 und coverten dort Joy Divisions „Love Will Tear Us Apart“ mit ihnen. Die Musik die ich als Kind hörte, war teilweise die gleiche, die David Bowie oder Bono hörten, als sie Kinder waren. Es liegt in der Natur der Moderne, dass Dinge sich vorwärts entwickeln. Nun können wir zurückgehen. Ich war schwer beeinflusst von Musik aus den 50ern, 60ern und all dem britischen New Wave und Postpunk danach. Am Ende verbindest du dich mit Künstlern über Dinge aus der Vergangenheit, die einen großen Einfluss auf dich hatten, selbst wenn du noch nicht geboren warst, als sie herauskamen.

Was heißt das für Euch als Band?

Ich weiß zum Beispiel, dass Coldplay haufenweise kontemporäre Produzenten anheuern. Ich hege die Hoffnung, dass wir weiterhin LPs machen – und dass du sie dir in 20 Jahren anhörst und verstehst, dass sie alle eine Einheit bilden sollen. Die Ökonomie des Streamings beschert uns überwiegend Pophits. Alles wird poppiger und auf Singles ausgerichtet. Ich hoffe, dass eine Generation heranwächst und folgt, die immer noch an Alben glaubt. Die das Risiko eingeht, in Alben einzutauchen, ihnen Zeit zu geben. Für mich ist das der Shit, der Menschen verändert. Es ist toll, einen catchy Song zu haben. Aber wenn ich mir die Pixies anschaue: Ich kenne von ihnen jeden verdammten Song auf jeder verdammten Platte. Mir egal, ob es eine Single war oder ein Musikvideo hatte. Ich kenne einfach die Platten. Das ist ein anderes Level. And that shit lives forever.

Wenn Du WE gegenüber Deinen Eltern in einem Satz erklären müsstest, würdest Du was sagen?

Ich musste WE meinen Eltern tatsächlich beschreiben, weil meine Mutter darauf Harfe spielt! Ich würde sagen: Es ist ein Album über die Reise vom Ich zum Wir.

Sind Feierlichkeiten zum Jubiläum von FUNERAL (2004-2024) geplant? Oder zu zehn Jahren REFLEKTOR? Oder 20 Jahre Arcade Fire?

Mit Ballons? Geburtstagskuchen? Tatsächlich sollten wir einfach eine große Geburtstagsparty schmeißen, das würde am meisten Spaß machen! Ein paar Male schon spielten wir FUNERAL in voller Länge. Ich sah mal Stevie Wonder, wie er SONGS IN THE KEY OF LIFE in New Orleans spielte. Wie ich sagte: Wenn du eine echte Platte machst, werden Leute sie für eine lange Zeit hören wollen. Es ist etwas Besonderes, einer Band bei einem Album zuzuhören. Wir versuchten bisher jedes Mal, ein Universum um unsere Alben herum zu erschaffen. Wäre also cool, etwas in diesen Kontexten zu tun.

Letzte Frage: Reginé und Du, Ihr habt einen Sohn, der 2013 geboren wurde. Ist es eine gute Idee, in Zeiten wie diesen überhaupt noch Kinder auf die Welt zu bringen, die wir ihnen da hinterlassen werden? Was denkst Du über die Zukunft Eures Sohnes? Was wünschst Du Dir für ihn?

Wir schrieben 2020 einen Song namens „Generation A“, der von ihm inspiriert wurde. Seine Generation ist nach X, Y und Z die Generation Alpha. Wenn er ein Indikator dafür ist, in welche Richtung sich die Kids bewegen, liegt unsere Zukunft in guten Händen. Du sollst von deinen Kindern lernen und nicht versuchen, ihnen etwas beizubringen. Und wir haben von dieser jungen Generation viel zu lernen. Sie sind auf einem guten Weg. Ich hege viel Hoffnung, dass die fucking Generation A sich kümmern wird. Viele von ihnen kommen mit viel offenerem Geist daher, wissen mehr über die Welt und wie wir alle verbunden sind und they give a shit. Daher kommt viel von meinem Optimismus, dass ich mit Kindern dieses Alters abhänge. Da kommt ein Feuerwerk aus ihnen heraus.

Hört Arcade Fires neues Album WE hier im Stream:

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Michael Marcelle Sony Music
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